Meine Corona-Woche (9)

Welche Freude!

Letzten Mittwoch hatte ich meinen Purzeltag. Nicht ganz dreistellig, aber schon eine schlimme Hausnummer. Was soll‘s, ich hatte mir gewünscht, mit Gartenbro A. zum Billard zu gehen, seit gefühlt Monaten mal wieder, und freute mich wie Bolle. Und laut der Facebookseite des Missing Link war die Kneipe auch endlich wieder offen. Als wir ankamen: Dead trousers. Die Gaststätte geschlossen und ein Blick hinein verriet das ziemliche Gegenteil einer baldigen Eröffnung. Was für eine grausame Enttäuschung. Wir veränderten uns in den Biergarten unserer Fußballkneipe, in dem der Wirt und drei weitere zwielichtige Gestalten in Winterkleidung saßen. Sonst niemand. Wir setzten uns bei gefühlt null Grad in die Nähe und erwärmten uns an Espresso und Wodka. Die schöne Basslehrerin S. kam hinzu, was die Außentemperatur allerdings in keinster Weise beeindruckte. Als Schnee einsetzte und die ersten Vögel erfroren vom Baum fielen, trollten wir uns. Eine Stunde Geburtstag gefeiert. Welche Freude!

Unser Biergarten blieb dann zum Geisterderby zu. Von den circa 400 Plätzen hätte der Besitzer laut Ordnungsamt 90 vergeben dürfen. Mord und Totschlag, pandemische Rudelbildung und der Sturz Angela Merkels wären unausweichlich gewesen. Also mit dem Gartenbro aufs Sofa, die „Konferenz“ gucken. Die wichtigste Erkenntnis: Fußball ohne Gruppe gucken und ohne Fans im Stadion ist so interessant wie mit verbundenen Augen alte Familienfotos anschauen. Auch sieht es nicht spektakulär oder elegant aus, es ist einfach nur elf gegen elf. Der fast einzige Höhepunkt noch vor Anpfiff: Nachdem „Heya BVB“ im Stadion eingespielt wurde, kommentierte Gartenbro A. knochentrocken in die leere Runde: „Und gleich kommt ‚You never walk alone‘.“ Ich spuckte mein Bier über den Tisch und bekam 3,7 Minuten keine Luft mehr vor lachen. Dortmund machte ansonsten ein paar schöne Tore, Schalke überhaupt nix. Ziemlich erbärmlich, was die spielen. Noch grausamer: Düsseldorf gegen Paderborn (0:0). Da versteht man, warum das Stadion leer ist. Und bei Leipzig gegen Freiburg (1:1) faselt der Kommentator, weil er sonst nichts zu faseln hatte, etwas von „grundehrlichem Schlager“, der eingespielt wurde. Finde den Fehler. Nachdem abends Gladbach noch Frankfurt verhaute (3:1), las ich noch ein wenig schwatzgelb.de. Das Spiel bekam hübsche Namen zugewiesen („Einmal Derby ohne alles bitte“) und auch Gesang wurde neu vorgeschlagen („Geister-Meister, Geister-Meister, hey, hey“). Alles ganz lustig, aber für mich steht fest: Dies war mein erstes und letztes Geisterspiel. Für diesen Schwachsinn – Hertha-Spieler herzen und küssen sich nach Toren, während die Auswechselspieler mit Mundschutz auf Abstand sitzen – ist mir meine Zeit zu lieb und zu teuer. Ich hoffe ehrlich gesagt, der Scheiß wird in zwei Wochen wieder abgebrochen. Welche Freude!

Und sonst? Die wichtigsten Kurznachrichten: „‚Zombiefizierung‘ von Firmen wird sehr, sehr teuer“ (Zombiefinanzierung? Zombie-Infizierung? Entnazifizierung? Ich verstehe nix), „Gehört das Quadrat Ritter Sport?“ (Ich denke nicht, oder?), „Sabia Boulahrouz ist wieder Single“ (Wer, zur Hölle, ist Sabia Boulahrouz?!), „Corona verschwindet vielleicht nie wieder“ (Och, kommt, Leute …), „Deutschland ist eine von den Alliierten unterdrückte GmbH“ (Und von den Russen, den Juden, der Mafia, den Chinesen, Pippi Langstrumpf und den Außerirdischen! Nur der Vollständigkeit halber), „AfD-Rechtsaußen Andreas Kalbitz aus AfD ausgeschlossen“ (Und zwar, weil er „früher“ bei den Nazis war). Genau mein Humor. Welche Freude!

Die Social-Media-Abteilung der Gelsenkirchener ließ derweil wissen: „Das war mit A-B-S-T-A-N-D der mieseste Samstag seit Langem.“ Noch ein Wortspiel. Welche … ach lassen wir das.

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"Welche Freude!", UZ vom 22. Mai 2020



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