Vor 70 Jahren

Weltfestspiele in Berlin

„Eine afrikanische und eine rumänische Delegierte am 12. August 1951 auf dem Marx-Engels-Platz. Hier fand die große Demonstration zum Tag der Friedenskämpfer statt. Acht Stunden lang demonstrierten 1,5 Millionen Jugendliche für Frieden und Internationalismus.“ (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-11500-1488 / CC-BY-SA 3.0)

Nach den Weltfestspielen 1947 in Prag und 1949 in Budapest fanden die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten im Jahr 1951 in Berlin statt. Gastgeberland war die DDR, eingeladen hatte der Weltbund Demokratischer Jugend (WBDJ). Der italienische Kommunist und damalige WBDJ-Präsident Enrico Berlinguer eröffnete die Weltfestspiele am 5. August. Wilhelm Pieck, Präsident der DDR, begrüßte 26.000 internatio­nale Gäste aus 104 Ländern. Aus der BRD waren trotz Polizeischikanen und -sperren 35.000 Jugendliche angereist. Sie waren dem Aufruf zur Teilnahme der kurz zuvor in der BRD verbotenen FDJ ­gefolgt.

 

„Willste ooch nach Berlin?“

Auszug aus der Biografie „Gerhard Bialas. Gärtnermeister, Friedenskämpfer, Kommunist“
In Forchheim machte Gerhard Bialas bis 1950 eine Gärtnerlehre. Ein Lehrling aus seinem Betrieb war einer der ersten, die ihm vom Kommunismus erzählten, von Mao und den politischen Entwicklungen in China. Konkreter waren die Gespräche mit älteren Kollegen und Gewerkschaftern über betriebliche und tarifliche Auseinandersetzungen. Einer davon, ein KPD-Stadtrat, beeindruckte den jungen, wissbegierigen Lehrling offensichtlich stark, weil er nicht nur politisch diskutierte, sondern die Lehrlinge im Betrieb auch praktisch unterstützte und zum Beispiel bei Lohnverhandlungen oder Konflikten mit dem Chef half.

Rückblickend meint Gerhard Bialas: „Überall, wo ich hinkam, war ein Kommunist.“

Gerhard Bialas wollte mehr wissen. Er ging zu Versammlungen der KPD. Zunächst verstand er zwar wenig von den Vorträgen und Diskussionen. Aber er stellte fest, dass dort seine Fragen und das, was ihn umtrieb, besprochen wurden. In den Diskussionen ging es um die Arbeit für den Frieden und die Wiedervereinigung, er lernte die Hintergründe der Adenauerpolitik zur Wiederaufrüstung kennen und die Gefahren, die von den Plänen für eine neue Wehrmacht ausgingen. Aber nicht nur Informationen und Argumente wurden ausgetauscht.

„Ja, Junge, willste ooch nach Berlin?“
Nach dem Umzug zum Onkel nach Horb, der dort eine Baukantine betrieb, lernte er auf einer Baustelle einen Bauarbeiter kennen, der Kommunist war. Dieser erzählte ihm begeistert von den III. Weltfestspielen der Jugend und Studenten für Frieden und Freundschaft, die im August 1951 in Berlin stattfinden sollten. Das weckte seine Neugier und er beschloss, nach Berlin zu fahren, um daran teilzunehmen.

Kurz zuvor, im Juni 1951, war die FDJ in der Bundesrepublik verboten worden. Die westdeutsche Regierung verbot die Teilnahme an den Weltjugendfestspielen und den Grenzübertritt. Trotzdem gingen tausende von westdeutschen Jugendlichen schwarz über die Grenze. Auch Gerhard Bialas ließ sich nicht einschüchtern und fuhr „im schicken Reisemantel“, „wie ein Vertreter“, mit dem Zug nach Hof.

Er kam bei Tag zur Grenze und hatte keine Mühe, zwischen den Spähwagen durch den Wald zu kommen. Er sah so „unverdächtig“ aus, dass ihm die westdeutschen Grenzsoldaten sogar noch Feuer gaben! Es war „tolles Wetter, die Sonne schien“, und er hielt erst mal ein Mittagsschläfchen. Nachdem er ein Dorf durchquert hatte, passierte er einen Schlagbaum mit einem Warnschild: „Achtung, Zonengrenze! Überschreiten strengstens verboten.“ Auf der anderen Seite traf er einen Bauern, der ihm den Weg zur Volkspolizei im nächsten Dorf zeigte. Währenddessen kamen schon zwei Volkspolizisten den Berg heruntergerannt: „Ja, Junge, willste ooch nach Berlin? Na, dann komm mal mit.“ Die Streife nahm ihn mit, und dann konnte er mit anderen Jugendlichen im Lkw nach Berlin fahren.

In Berlin erlebte er viele mitreißende Begegnungen und Gespräche mit Jugendlichen aus aller Welt, Sportwettkämpfe, gemeinsames Singen und Feiern. Er war von diesem „Treffen der Verständigung mit den Feinden von gestern, von den tausenden Jugendlichen aller Hautfarben und Sprachen, die gemeinsam für den Frieden eintraten“, tief beeindruckt. Bei den jungen FDJlern und älteren Kommunisten sah er, wie wichtig der Kampf für Frieden und Entspannung, für friedliche Koexistenz und Abrüstung ist. Er erfuhr, dass man „sich organisieren muss“. Diese Erfahrungen in Berlin waren für ihn prägend und bestimmten sein weiteres Leben.

Bei der Rückfahrt von Berlin ging Gerhard Bialas zusammen mit 3.000 Jugendlichen nachts bei Hof zu Fuß über die Grenze. Der Bundesgrenzschutz stoppte sie, Leuchtkugeln stiegen auf, auf einem Stoppelfeld wurden sie von Polizisten eingekesselt. Die KPD-Bundestagsabgeordneten Grete Thiele und Walter Fisch waren dabei und verhandelten mit der Polizei. Ihnen wurde gesagt: „Ihr müsst euch registrieren lassen, dann bekommt ihr keinen Strafbefehl, das würde man dann so durchgehen lassen.“ Mit Lastwagen vom Bundesgrenzschutz wurden sie zur Polizeistation abtransportiert, dort registriert und im Sonderzug wieder nach Hause gefahren. Mit der Registrierung wurden alle erfasst. Seit diesem Tag wurde Gerhard Bialas von der Staatspolizei, dem Verfassungsschutz und, wie er vermutet, auch vom CIA und dem französischen Geheimdienst überwacht. Bis heute wird diese Bespitzelung fortgesetzt. Entgegen der ursprünglichen Zusage erhielt er kurze Zeit später einen Strafbefehl vom Amtsgericht Horb über zwölf Mark wegen illegalen Grenzübertritts. Er legte Widerspruch ein. Das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Gerhard Bialas, geboren am 21. Juli 1931, seit 1951 Mitglied in der FDJ und KPD, seit 1969 Mitglied in der DKP, 1975 bis 2005 Gemeinderat in Tübingen, 1979 bis 1994 und 1999 bis 2005 Kreisrat, Initiator und Aktiver in vielen Bürgerinitiativen.
Seine Biografie ist unter dem Titel „Gerhard Bialas. Gärtnermeister, Friedenskämpfer, Kommunist“ im Verlag holunderwerk erschienen – herausgegeben von Gisela Kehrer-Bleicher und Martha Stirner.
Im UZ-Shop online zu bestellen unter shop.unsere-zeit.de oder telefonisch unter 0201/17788925

 

„Die französische Friedensaktivistin Raymonde Dien wurde auf dem Weg nach Berlin in Brüssel am Weiterflug gehindert. Sie schaffte es dennoch – wenn auch mit Verspätung – zu den Weltfestspielen und wurde dort sehnlich erwartet. Für viele Jugendliche war Dien eine Heldin, weil sie sich vor einen Zug gelegt hatte, um einen Waffentransport für den imperialistischen Krieg in Indochina zu verhindern.“ (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-11500-0846 / CC-BY-SA 3.0)

Durch die Werra nach Berlin

Eine deutsch-deutsche Begegnung auf den Weltfestspielen
Für seine Reportage „In allen Sprachen“ fuhr Harry Thürk mit einer Kulturgruppe der FDJ aus Weimar und Magdala nach Berlin zu den Weltfestspielen. Als Thürk an diesem Abend mit seinen Genossinnen und Genossen am Alexander­platz eintrifft, ist das offizielle Programm an diesem Tag bendet, die III. Weltfestspiele sind in vollem Gang.
Wir haben uns für diesen Abend verabredet. Unser Treffpunkt ist der Alexanderplatz. Alex – Treffpunkt der Welt! (…) Ein buntes Gewühl ist hier, wie immer. Wir drängen uns hindurch, bleiben hier einmal stehen und begrüßen einen Freund, und halten da einmal an, um uns eine Stange Schokoladeneis zu kaufen.
Alle Sprachen der Welt und alle Dialekte Deutschlands kann man hier hören. (…) Etwas abseits sehen wir drei Freunde stehen und dem bunten Treiben zuschauen. (…) Als wir sie sprechen hören, werden wir neugierig, woher sie kommen mögen, und wir begrüßen sie. Zwei Jungen sind es, etwa gleich alt, so in den zwanziger Jahren, und ein Mädchen, das uns etwas älter zu sein scheint als die Jungen.
„Wo seid ihr denn her?“
„Aus Bochum.“
Die beiden Jungen arbeiten in einer Schachtanlage.
(…) Viele Fragen haben wir. Aber auch die Freunde aus Westdeutschland haben viel zu fragen, und so hocken wir uns abseits auf ein paar Treppenstufen und erzählen. (…)
„Die FDJ haben sie drüben verboten?“, fragt Gerd.
„Na ja …“ Dieter lacht in sich hinein. „Verbieten können sie viel, aber was die Jugend macht, steht auf einem anderen Blatt! (…)“
„Wie seid ihr denn rübergekommen?“, will Hans wissen.
Die drei sehen sich an, und dann sagt Heini: „Wir wollen euch keine Räubergeschichten erzählen, aber – es war eine ziemlich abenteuerliche Sache. Wir sind nachts über die ­Werra geschwommen.“ „Du auch?“, fragt Rudi das Mädchen, und sie nickt.
„Natürlich, wie sollte ich denn sonst rüberkommen?“
„Na ja, ich meine bloß …“ Rudi schämt sich.
„Ja, wir mussten bei Nacht und Nebel über die Grenze, und da sind wir an eine Stelle gegangen, wo immer nicht viel los ist. Das ist in der Werragegend. Aber auch dort lagen haufenweise die Polizisten vom Kanonen-Lehr (Robert Lehr, Innenminister von 1950 bis 1953, Anm. d. Red.) im Wald, und sie haben uns dreimal zurückgeschickt.“
„Die dachten, wir würden daraufhin heimfahren …“, lacht Margot. „Aber da hatten sie sich geirrt!“
„Nun …“, erzählt Heini weiter. „Und beim vierten Mal klappte es. (…) Wir mussten das Gepäck zurücklassen, weil die Polizei uns sah, als wir am Ufer standen, aber da war es schon zu spät. Wir waren im Wasser, und sie schossen wohl ein paarmal hinterher, aber erreichen konnten sie uns doch nicht mehr. Es sind die reinsten Verbrecher, die Lehr da angeheuert hat.“ (…)
Eine Weile sitzen wir schweigend; ringsum der Lärm des nächtlichen Treffpunktes der Weltjugend. Dann fragt Rudi: „Und ihr werdet nach dem Festival zurückgehen?“
„Natürlich werden wird das!“, kommt es wie aus einem Munde. „Dann geht’s drüben erst richtig los! – Dann sollen die uns mal was erzählen von unseren verhungerten Brüdern im Osten und so!“

Auszug aus: Harry Thürk, „In allen Sprachen – Eine Reportage von den III. Weltfestspielen der Jugend und Studenten“

 

Wiedersehen in der Wuhlheide

Am 4. August treffen sich zwölf „Junggebliebene“ aus Ost und West in der Berliner Wuhlheide. Sie hatten die zehn Tage während der III. Weltfestspiele 1951 in der Pionierrepublik „Ernst Thälmann“ verbracht, die eigens dafür von tausenden freiwilligen Helfern errichtet worden war. 20.000 Kinder aus aller Welt verbrachten dort zehn unvergessliche Tage mit vollem Programm – und dem Gelöbnis, sich für Frieden in der Welt einzusetzen.
Mit einer Anzeige in „junge Welt“ und „Neues Deutschland“ hatte einer der damaligen Teilnehmer aus Chemnitz „Junggebliebene im weitesten Sinne, also solche, die ihre Gesinnung nicht grundsätzlich gewandelt haben“ eingeladen, um den 70. Jahrestag der Weltfestspiele und der Pionierrepublik „Ernst Thälmann“ gemeinsam in der Wuhlheide zu feiern und sich wiederzusehen. Nun ist es soweit. Die UZ-Redaktion wünscht ein wunderschönes Treffen!

 

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"Weltfestspiele in Berlin", UZ vom 30. Juli 2021



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