Die Moskauer Medienanstalt RT hatte Deutsche und Österreicher gebeten, mitzuteilen, woran sie sich bei den Stichworten Krieg und Nachkrieg erinnerten und welchen Platz dabei „die Russen“ – das Synonym für die multinationale Sowjetarmee – einnähmen. Acht Jahrzehnte nach der bedingungslosen Kapitulation und dem Potsdamer Abkommen konnte es nicht überraschen, dass es sich zumeist um Kindheits- und Jugenderinnerungen handelte, die eingesandt und nun veröffentlicht wurden. „Dankbarkeit, die ein Leben lang währt“ heißt der großformatige Bild-Text-Band, der am 21. April in Berlin Unter den Linden in der Russischen Botschaft präsentiert wurde. Eröffnet wurde die Buchvorstellung von Botschafter Sergej J. Netschajew.
Hierzulande ist die ideologisch motivierte Neigung stark ausgeprägt, den Beitrag der Sowjetunion zur Befreiung des Kontinents von Faschismus und Krieg vergessen zu machen. In antikommunistischer Verblendung werden der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion zum Präventivkrieg und die 27 Millionen toten Sowjetbürger zum Kollateralschaden. Die Rote Armee war demnach nicht die Hauptkraft in der internationalen Antihitlerkoalition, sondern vordringlich darauf aus, die bolschewistische Diktatur bis zum Atlantik auszudehnen, was die Westmächte gottlob verhinderten …
Der Bildband hält im 81. Jahr nach der Befreiung von Faschismus und Krieg gegen diese Geschichtsverdrehung und macht darauf aufmerksam, dass die Sowjetsoldaten damals nicht gekommen sind, um die deutschen Untaten zu rächen, sondern um den Deutschen die Freiheit zu bringen, die sie seit zwölf Jahren nicht mehr besaßen.
Jürgen Scholtyssek, der unter den Gästen der Buchvorstellung in der Botschaft war, schrieb darin: „Als der Krieg endlich zu Ende war, war ich sieben Jahre alt.“ Die Familie in Aschersleben bekam eine Einquartierung. „Meine Eltern räumten unser Kinderzimmer und wir drei Kinder kamen in das Schlafzimmer unserer Eltern.“ Einer der beiden einquartierten Hauptleute war Igor aus Omsk, ein Deutschlehrer. Er trug deutsche Gedichte vor und sang mit den Kindern und forderte den siebenjährigen Jürgen auf, ihn zu korrigieren, wenn er etwas falsch ausspreche. Und ja: Er versorgte die Familie mit Nahrungsmitteln. Berichte von solch lebenserhaltenden Maßnahmen finden sich zuhauf. Die Deutschen hatten Millionen Sowjetbürger in den Hungertod getrieben, nicht nur in Leningrad, sondern auch in den Kriegsgefangenenlagern. Dort starben 3,3 Millionen Rotarmisten – nächst den Juden waren sie die größte Opfergruppe des faschistischen Terrorregimes. Die Deutschen setzten bewusst den Hunger als Waffe gegen die Russen ein, die Mortalitätsrate in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern betrug um die 60 Prozent – bei den Lagern mit britischen und amerikanischen Kriegsgefangenen lag sie weit unter 4 Prozent … Und sie „rächten“ sich nun, indem sie den Deutschen Brot und Frieden brachten.
Angelina Sörgel zitierte aus dem Tagebuch ihrer Mutter, die Anfang dreißig war, als der Frieden in Ribnitz begann und sie, als Reformpädagogin von den Nazis einst mit Berufsverbot belegt, sich gemeinsam mit der sowjetischen Kommandantur um die Organisation des kleinstädtischen Lebens kümmerte. Natürlich: Versorgung. „Es gab Männer unter den Kommissaren, die uns mit fast brüderlicher Herzlichkeit begegneten“, schrieb sie. Einmal sei sie mit einem Major in einer Obdachlosensiedlung unterwegs gewesen. Offenbar hatten die Ausgebombten und Vertriebenen nicht nur ihre Habe verloren. Die Umgebung ihrer Quartiere war eine einzige Kloake, und der Offizier, dieser vermeintliche Untermensch, schüttelte nur den Kopf. „Deutsche Kultura, deutsche Kultura …“
Die Österreicherin Marie-Louise Doskocil wurde in einem Dorf geboren, das zur dortigen sowjetischen Besatzungszone gehörte. Im Haus, in dem sie nach dem Krieg zur Welt kam, lebte auch die Frau eines russischen Offiziers mit ihrer Tochter. „Als ich nur wenige Wochen alt war, erkrankte ich schwer.“ Die Frau versorgte ihre notleidende Mutter mit einem Sack Reis und mit Zucker. „Das rettete mir das Leben. Ich bin dieser lieben, einfühlsamen Frau sehr dankbar.“
Der Brief der Österreicherin, die Jahrzehnte später in St. Petersburg einen Sprachkurs absolvierte, endete mit dem Appell: „Ich hoffe sehr, dass sich die westlichen Länder besinnen und ihre unverständliche Russophobie aufgeben.“ Nun, es sind ja nicht „die Länder“, sondern deren Herrscher, die geschichtsvergessen meinen, Russland ruinieren zu müssen, sich vielleicht für erlittene Niederlagen gar revanchieren zu können.
Botschafter Netschajew sprach über die jahrzehntelange Freundschaft zwischen Russen und Deutschen, insbesondere über jene, die im Osten des Landes lebten und leben – das Kürzel DDR pflegt er nie zu benutzen. Er verwies dabei auf den Spruch auf dem Monitor: „Geschichte ist das Gedächtnis der Zivilisation.“ So gesehen kommt uns wohl augenblicklich die Zivilisation etwas abhanden. Sofern man, wie im Buch zu lesen, sich nicht kollektiv mit Erinnerungen dagegenstemmt.
Ein PDF des Bildbandes „Dankbarkeit, die ein Leben währt“ gibt es hier.








