Über die schönste Nebensache der Welt

Wir sind Vize-Meisterin!

Die Boulevardpresse schäumt. Die selbsternannten Qualitätsmedien fühlen sich um den Sieg gebracht. Die Reaktionen der deutschen Medien auf die Vize-Europameisterschaft der Fußballfrauen stellt eine winzige Szene in den Mittelpunkt. In der ersten Halbzeit hatte der Videoassistent ein mögliches Handspiel im Strafraum nicht an die Schiedsrichterin gemeldet. Pfeifen durfte das Endspiel Kateryna Monzul aus der Ukraine. Damit wollte der europäische Fußballverband UEFA ein Zeichen setzen, da Monzul nach Kriegsausbruch nach Italien geflüchtet war, behaupten dieselben Medien.

Rund um das Finale ging es sehr viel um Gleichberechtigung und dass die Stimmung für den Frauenfußball jetzt nachhaltig nach vorne gebracht werden müsse. In ihrer bürgerlichen Verblendung merken Medienlautsprecher und Fußballfunktionäre gar nicht, dass sie genau das Gegenteil machen. Monzul pfiff das Endspiel nicht etwa, weil sie seit Jahren zu den besten Schiedsrichtern der Welt gehört, sondern weil sie Ukrainerin ist. Thema war nicht ein packendes Endspiel, bei dem beide Mannschaften sehr guten Fußball spielten und beide verdient gewonnen hätten. Insgesamt ein Turnier mit vielen guten Mannschaften und unterhaltsamen Spielen.

Bundeskanzler Olaf Scholz durfte in der Halbzeit von sich geben, dass aus der Fußball-EM der Frauen ein Impuls für die Gleichberechtigung werden könnte. Er hatte schon im Vorfeld per Twitter gefordert, dass Frauen und Männer im Sport gleich bezahlt werden sollen. Hört sich auf den ersten Blick ja sympathisch an, wie vieles, was Sozialdemokraten so von sich geben.

Die Frauen sollten sich aber gut überlegen, ob sie das wollen. Sport in den Händen von Brause- oder Wurstverkäufern, Scheichs oder sonstigen Oligarchen, die einer Handvoll Spielern Millionen bezahlen und noch mehr Millionen dafür, dass sie sich diese gegenseitig abjagen. Geld, das dem Sport in den unteren Ligen und erst recht im Breitensport fehlt. Summen, mit denen viele Alleinerziehende lange gut leben könnten. Letztendlich also mehr für Wenige und dafür weniger für die Mehrheit.

Liebe Frauen, lasst euch nichts erzählen, spielt weiter schöneren Fußball und lasst uns gemeinsam für Gleichberechtigung von allen kämpfen.

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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Wir sind Vize-Meisterin!", UZ vom 5. August 2022



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