Vor 100 Jahren schlug die Konterrevolution die Märzaktion der Arbeiter in Mitteldeutschland nieder

Zu früh losgeschlagen

In den Morgenstunden des 19. März 1921 löste das SPD-geführte Preußische Innenministerium die Aktion „Frühjahrsreise“ aus. Mehrere Hundertschaften der mit Maschinengewehren, Panzerwagen und Minenwerfern ausgestatteten paramilitärischen Sicherheitspolizei (SiPo) rückten in das Industrierevier im Bezirk Merseburg-Halle ein. Unterstützt durch eine Kompanie Reichswehrartillerie besetzten die etwa 4.000 Mann Betriebe, übernahmen Rathäuser, riegelten Straßen, Bahnhöfe und Fabrikgelände ab.

Seit der Niederschlagung des Kapp-Putsches durch den größten Generalstreik der deutschen Geschichte ein Jahr zuvor trat die Arbeiterschaft in Mitteldeutschland durch eine Vielzahl von Massenprotesten und Streiks hervor. Zuletzt hatten die Bergleute in den Kupfergruben der Mansfeld AG für die Auflösung der von Militaristen durchsetzten Werkspolizei gestreikt. Das Holzdiebstahlsgesetz vom 1. März 1921, das die bisher gestattete Mitnahme von Abfallholz zum Heizen ab sofort unter Strafe stellte, löste in den Leuna-Werken spontane Streikmaßnahmen aus, die zur Ablösung der untätig gebliebenen Betriebsräte durch einen Aktionsausschuss kommunistischer Arbeiter führten. Die Kämpfe der Arbeiterklasse stärkten auch die Kommunistische Partei. Die VKPD hatte nach der Vereinigung mit dem linken Flügel der USPD im Dezember 1920 fünfmal mehr Mitglieder als zuvor die KPD. Bei den Wahlen zum Preußischen Landtag im Februar 1921 erreichte sie im Bezirk Merseburg-Halle einen Stimmenanteil von 29,8 Prozent. Sie stellte in der Region über 70 Stadträte und 426 Stadtverordnete.

Am 12. Februar 1921 traf sich der preußische Verwaltungspräsident Otto Hörsing (SPD) mit Vertretern der Großkonzerne in Merseburg, um die konsequente Niederschlagung der Arbeiterkämpfe zu beschließen. Eine „Polizeiaktion zur Herstellung der Staatsautorität“ sollte es werden. In der Einsatzproklamation hieß es: „Demonstrationen ohne Ziel und Zweck werden veranstaltet, und schließlich erpressen bewaffnete Banden unter Führung einzelner verantwortungsloser Menschen vom Unternehmer die Zusage der Lohnzahlung für die Zeit der Nichtarbeit. Gesetzwidrig werden in den Werkstätten Versammlungen während der Arbeitszeit abgehalten, sofort gestreikt und der größte Terror ausgeübt, wenn der Unternehmer für die Versammlungszeit den Lohn nicht bezahlen will.“

In ihrer Morgenausgabe vom 17. März titelte die „Rote Fahne“: „Die Konterrevolution schlägt zu!“ Der Zentralausschuss (ZA) der VKPD unter Heinrich Brandler orientierte darauf, den Aufmarsch der SiPo zurückzuschlagen – auch auf die Gefahr einer Niederlage hin. Eine solche „wäre eher zu ertragen, als dass wir dieser Situation als VKPD weiter passiv gegenüberstehen“, vermerkt das Sitzungsprotokoll. Der ZA formulierte vier Ziele: Sturz der Regierung, Schaffung eines Schutz- und Trutzbündnisses mit Sowjetrussland, Entwaffnung der Konterrevolution, Bewaffnung der Arbeiterschaft und Sicherung von Brot und Arbeit.

Die SiPo-Truppen besetzten am 19. und 20. März 1921 Ammendorf, Eisleben, Hettstedt, Merseburg, Schafstädt und Teutschenthal. Die Arbeiter der Großbetriebe in Halle und Ammendorf traten daraufhin spontan in den Streik und forderten den Abzug der Polizeikräfte. Der Widerstand griff nach dem Streikaufruf der VKPD-Bezirksleitung am 21. März auf die Gruben in Teutschenthal und die Leuna-Werke über. Dort forderten 10.000 Teilnehmer einer Betriebsversammlung den sofortigen Rückzug und die Entwaffnung von SiPo und Reichswehr. Am folgenden Tag kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen in Mansfeld, Hettstedt, Sangerhausen und Schraplau. In Eisleben zerschlug die SiPo eine Protestdemonstration. 5.000 Grubenarbeiter in Sangerhausen und die Belegschaft der Montanwerke in Halle traten in den Streik. 4.000 Arbeiter der Leuna-Werke rüsteten sich mit Waffen aus und traten am 23. März 1921 in den Streik.

Der Aufmarsch der SiPo geriet ins Stocken. Der „Preußische Staatsanzeiger“ vom 24. März meldete: „Die aufständischen Elemente haben die Oberhand“. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) verhängte den Ausnahmezustand über den Bezirk. Eine zusätzliche Artilleriebatterie der Reichswehr wurde in Marsch gesetzt, der Vertrieb kommunistischer Zeitungen und Flugschriften unter Strafe gestellt und ein generelles Versammlungsverbot verhängt.

Der Versuch der VKPD, durch reichsweite Aufrufe zum Generalstreik die Basis der Märzaktion zu verbreitern und für ein Überspringen des revolutionären Funkens auf weitere Industriereviere zu sorgen, blieb bis auf Solidaritätsstreiks in Hamburg und Teilen des Ruhrgebiets erfolglos.

Indessen gelang es der SiPo, weitere Städte und Verkehrsknotenpunkte in ihre Hand zu bringen.
In den Leuna-Werken verschanzten sich die bewaffneten Arbeiter gegen die anrückende Soldateska. Am Morgen des 29. März 1921 nahm die Reichswehr das Werk unter Artilleriebeschuss, kurze Zeit später stürmte die SiPo den Betrieb. Der Widerstand war gebrochen. Am 1. April erklärte die VKPD die Märzaktion für beendet und rief zum Abbruch der Aktion auf.

Während der zwölftägigen Kämpfe hatten etwa 180 Menschen ihr Leben verloren, eine unbekannte Anzahl wurde verwundet. Von den insgesamt 6.000 verhafteten Arbeitern erhielten etwa 4.000 Haftstrafen, acht wurden zu lebenslanger Haft und vier zum Tode verurteilt.

In den Folgemonaten traten mehr als die Hälfte der Mitglieder aus der VKPD aus.

Die Einschätzung der Märzaktion beschäftigte die VKPD noch lange. Die Parteileitung um Heinrich Brandler und August Thalheimer hielt nach dem Scheitern der Märzkämpfe an der Offensivstrategie fest. Die Niederlage sei der Passivität der in USPD und SPD organisierten Arbeiter geschuldet. Paul Levi, der vormalige Parteivorsitzende und erbitterter Gegner der Offensivstrategie, nahm den Verlauf der Märzaktion zum Anlass, die Politik der Partei scharf zu kritisieren. In seiner Broschüre „Unser Weg“ warf er der Parteileitung die völlige Fehleinschätzung der realen Lage, Abkehr von der Einheitsfrontpolitik, Sektierertum und Putschismus vor. Auf dem III. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Juni/Juli 1921) nahm die Diskussion um die Einschätzung der Märzaktion breiten Raum ein. Clara Zetkin arbeitete in ihrem Redebeitrag heraus, dass die Märzaktion ein Schritt vorwärts gewesen sei, soweit in ihr „ein Aufbäumen (der Arbeiterklasse – R. H.) gegen die Stagnation, gegen die Passivität“ erkannt werden könne. Die Partei habe es aber nicht verstanden, alle organisatorischen, propagandistischen und agitatorischen Kräfte auf der Basis einer klaren Analyse der realen Klassenkräfte einzusetzen. Die Hoffnung der Parteileitung, aus einer Radikalisierung des Widerstandskampfs der Arbeiter Mitteldeutschlands heraus stehe der Sturz der bourgeoisen Regierung auf der Tagesordnung, sei ohne Fundament geblieben. Ähnlich sah es Lenin, der am 10. Juni 1921 in einem Brief an Sinowjew schrieb: „Den nächsten heroischen Angriff werden wir nicht vorzeitig unternehmen. Die vorzeitige Aufnahme des allgemeinen Kampfes – das ist das Wesen der Märzaktion. Kein Putsch, sondern ein Fehler, gemildert durch den Heroismus der Defensive Hunderttausender“. Fortan orientierte sich die Politik der Partei entlang der im „Offenen Brief“ vom 7. Januar 1921 an die Mitglieder des ADGB, der SPD und der USPD sowie anderer Arbeiterparteien übermittelten Forderung nach einer Einheitsfrontpolitik – ohne den Sturz der Regierung hierfür zur Bedingung zu machen. Eine Auffassung, die schließlich in die Beschlüsse des Jenaer Parteitags im August desselben Jahres einging.

Über den Autor

Ralf Hohmann (Jahrgang 1959) ist Rechtswissenschaftler.

Nach seinen Promotionen im Bereich Jura und in Philosophie arbeitete er im Bereich der Strafverteidigung, Anwaltsfortbildung und nahm Lehraufträge an Universitäten wahr.

Er schreibt seit Mai 2019 regelmäßig für die UZ.

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"Zu früh losgeschlagen", UZ vom 19. März 2021



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