Eine Hilfestellung bei der Einordnung der DDR in den Geschichtsprozess

40 Jahre waren zu wenig

Von Gerhard Feldbauer

Jürgen Kuczynski, Asche für Phönix oder: Vom Zickzack der Geschichte. Aufstieg, Untergang und Wiederkehr neuer Gesellschaftsordnungen. Papyrossa, Köln 2019, 214 Seiten, Euro 14,90

Zwei Spätwerke des Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski sind bei Papyrossa unter dem Titel „Asche für Phönix“ in einem Band erschienen. Sie fassen über 2000 Jahre Geschichte seit der Antike zusammen, besonderes Augenmerk wird auf die Entwicklung von Ökonomie und Technik, Kunst, Philosophie und Literatur gelegt und ihr Einwirken auf die historischen Prozesse untersucht. Kuczynskis These: Keine der auf die Sklavenhalterordnung folgenden Gesellschaften konnte sich im ersten Anlauf durchsetzen. Es geht um den Zickzack der Geschichte und um das, was man den Zeitfaktor nennen könnte.

Kuczynski analysiert etwa den „Frühkapitalismus“: 1176 wird das Ritterheer Kaiser Barbarossas vom Fußvolk des Lombardischen Städtebundes besiegt. „Auf dem Höhepunkt ihrer Macht erlitt die Feudalordnung eine Niederlage, zugefügt vom städtischen Bürgertum, dem Träger der kommenden neuen Gesellschaftsformation, die im Schoße der alten heranreifte.“ Fortan wirkte „die Klasse, in der die Fortentwicklung der Produktion und des Verkehrs, der Bildung, der sozialen und politischen Institutionen sich verkörpert fand“ (Engels) entscheidend auf die sozialökonomische Entwicklung ein. Die weitgehend unabhängigen Städte wurden innerhalb der Feudalgesellschaft zum vorwärtsweisenden Element des Geschichtsprozesses, die Kaufleute „die ersten Träger weltlicher Kultur in der Zeit des Feudalismus“ wie Kuczynski schreibt. Die von ihnen hervorgebrachten Ware-Geld-Beziehungen drängten die Naturalwirtschaft zurück. Literatur und Wissenschaft erlebten eine Blütezeit. Erste Universitäten entstanden, Künstler ergriffen Partei gegen die feudal-kirchlich-religiöse Auffassung. Es war, hebt Kuczynski hervor, der Kapitalismus, der im Schoß des Feudalismus die Renaissance in Bewegung brachte. In Italien sei diese Zeit „eine der erstaunlichsten in der Geschichte der Menschheit“. Dennoch gelang dem Bürgertum weder in Italien noch in Deutschland die Überwindung der politischen Zersplitterung. Das erzeugte, so Kuczynski, in Deutschland auf allen Ebenen der Gesellschaft „Verfall, Fäulnis, Verwesung. Die Produktivkräfte verkamen, die Produktionsverhältnisse waren verknöchert und bröckelten, der Überbau ächzte.“ Der Weg der bürgerlichen Klasse zur politischen Macht war von Niederlagen und Rückschlägen, Fehlentwicklungen, Kapitulationen und Kompromissen gezeichnet.

Während die Bourgeoisie in Deutschland noch um die politische Macht kämpfte, betrat bereits im 19. Jahrhundert die Arbeiterklasse die historische Bühne. Auch ihrem ersten Versuch, eine neue Gesellschaft aufzubauen, widmet sich das Buch. Die DDR war nach Kuczynski noch keine „sozialistische Republik“, sondern eine „Mischgesellschaft“, die durch eine „Transformationsperiode gehen musste“. Er beschreibt ihre unzähligen Errungenschaften für die Menschen und befasst sich mit dem „kleinen Geist der Politbüromitglieder und ihrer Entfernung vom Volk“, der sich deutlich in der Medienpolitik gezeigt habe. Wir bleiben dennoch der „Idee des Sozialismus treu“, hält er fest, „weil wir angesichts der Kenntnis der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung wissen, dass nur eine sozialistische Lösung der sozialen Frage in unserer Epoche existiert“. Und diese Gesellschaftsformation werde, „wenn auch wohl unter einem anderen Namen (…), den Sieg davontragen“. Darauf zielt auch der Titel „Asche für Phönix“, mit dem Kuczynski der Gewissheit Ausdruck gibt, dass der Sozialismus aus seiner Asche hervorsteigen wird, was aber, wie bereits einleitend zur Zeitdauer eines heutigen Epochenwechsel festgehalten wird, keine 500 Jahre mehr dauern wird.

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"40 Jahre waren zu wenig", UZ vom 2. August 2019



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