Von Treckern und Fingerkuppen

Abscheulich

Kolumne oder so

Aus.

Der „Kaiser“ ist tot. Ein guter Fußballer, ein stinkreicher, erzkonservativer Machtmensch, ein Schmiergeldfunktionär. Ganz Deutschland trauert. Also, außer mir. Das läuft jetzt wochenlang mit Pauken und Deutschlandfahnen, mit Kränzen und Gedöns. So wie einst Fredi Bobic sprach: „Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war.“ Abscheulich.

Boulen versus Fußball.

Wahnsinnig schön ist, dass die Boulegemeinschaft der alten Herren (und wenigen Damen) keine WhatsApp-Gruppe hat. Man kommt oder eben nicht, und wer nicht da ist, spielt nicht. Das Leben ist so einfach. Bei meiner alten Fußballtruppe läuft das so: „Komme heute 7 Minuten später“ (8 Antworten), „Hat jemand einen Ball?“ (5 Antworten), „Ist der Rasen feucht?“ (33 Antworten), „Ich bin zu verkatert“ (28 Antworten, 12 Glückwunschkarten, 7 Links zu Suchttherapien, 49 Fragen, wo der Betreffende denn feiern war). Guckt man sonntags in sein Handy, ist es voll. Uff.

Proteste I.

Ich gebe zu, ich verstehe sie nicht, diese Bauern. Warum greifen sie Robert Habeck an und nicht Christian Lindner? Warum werden nicht Lidl, Aldi und Co. angegangen, die die absurd schlechten Preise deckeln? Und warum demonstrieren sie mit ihren 300.000 Euro teuren Treckern, die sicher 282 Liter Agrardiesel auf 100 Kilometer verbrauchen? Soll das ein Zeichen sein, dass es ihnen so schlecht geht? (Erstaunlich darüber hinaus: Es gibt wenig Übergriffe genervter Pendler. 5000 Trecker scheinen irgendwie beruhigender zu wirken als 12 klebende Kinderhände).

Überblick (nicht).

„Özdemir warnt vor Spaltung der Gesellschaft“. (web.de) Also nach mir hat er diese Einsicht 20 Jahre zu spät. Minstens, wie der Gartenbro sagen würde, um mit den Buchstaben hauszuhalten. Oder auch: Isso.

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Leben.

Eine weitere Wohnung habe ich mir angeschaut, muss mal langsam aus meinem 40-qm-Kabuff raus. 65 qm, 3 Zimmer, beste Innenstadtlage, gerade so eben nur 150,- Euro über meinem Budget. Ein „Balkon“ mit 1 qm (kein Witz) und keine Badewanne. Bitte 20 FreundInnen via Nachricht um ihre Einschätzung, erhalte genau 20 verschiedene Antworten. Toll. Das komplette Wochenende spielt mir mein Kopf „Fettes Brot“ vor: „Soll ich‘s wirklich machen oder lass ich‘s lieber sein? Ja klar, äh nein, ich mein … jein!“ Argh.

Proteste II.

„Kein belegbarer Nutzen – Lauterbach will Homöopathie als Kassenleistung streichen“ (n-tv). Au Backe, das gibt das nächste Chaos. Hunderte auf den Straßen, die aus Protest kleine, weiße Kugeln streuen. Viele Stürze programmiert, Beckenbruch to go quasi. Rettungsgassen? Nur für imaginäre Krankenwagen. Abscheulich.

Reichtum (unerwarteter).

Sortiere meine Schallplatten, sicher das erst Mal seit Jahrzehnten. „Cem Karaca – Die Kanaken“? Eine völlig unscheinbare LP aus meiner „pläne“-Zeit. Google aus reinem Spaß, was die wohl wert ist (’nen Heiermann wahrscheinlich): Das Netz sagt zwischen 349,19 und 599,00 Euro. Wie bitte?! Öffne ein Kronen-Export und denke mir: Umzug bezahlt.

Boulen versus Kälte.

7 Menschen gegen 0 Grad. Die Eisenkugeln gefühlt (haha) minus 10 Grad, man hat Angst, die Fingerkuppen mitzuwerfen. Wir schaffen 2 Sätze, dann geben wir zu: verloren. Aber immerhin dagewesen. Und ganz ohne WhatsApp-Gruppe. Schön.

2024.

Im Gaza werden immer noch Kinder bombardiert, erschossen, ausgehungert. Währenddessen stimmt Annalena Baerbock der Lieferung von Eurofighter Typhoon an Saudi-Arabien zu. „Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch warfen den Saudis vor, bei ihren Luftschlägen (im Jemen) keinerlei Rücksicht auf die Bevölkerung zu nehmen. Auch Schulbusse und Kliniken wurden getroffen.“ (zeit.de) Wenn man Baerbock in ein lebendes Adjektiv verwandeln würde, gäbe es da viele. Vor allem aber eines: abscheulich.

Pace

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"Abscheulich", UZ vom 19. Januar 2024



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