Die Belegschaften erhielten Unterstützung

Amazon im Stresstest

Die Manager im Amazon-Versandzentrum im hessischen Bad Hersfeld hatten sich am 26. November auf einen anstrengenden Tag eingestellt – doch er sollte für sie noch anstrengender werden als erwartet. Zum „Black Friday“ hatte der US-Konzern mit millionenschweren Werbekampagnen für seine „Schnäppchen“ geworben, so dass mit einem erhöhten Aufkommen an Bestellungen zu rechnen war. Die Manager waren auch nicht überrascht, dass ver.di ausgerechnet an diesem Tag die Belegschaft erneut zum Streik aufrief – die Aktionstage des Konzerns sind für die Gewerkschaft seit Jahren regelmäßiger Anlass dafür, auf die Forderung nach Tarifverträgen auch bei Amazon aufmerksam zu machen.

Doch diesmal waren es nicht nur Streikende, die vor den Fabriktoren mit Gewerkschaftsfahnen und Transparenten Stellung bezogen. Schon die Zufahrtswege zu den Anlagen waren stundenlang blockiert. Aktivisten der Umweltschutzgruppe „Extinction Rebellion“ waren auf die Bäume entlang der Straße geklettert und hatten sich von dort abgeseilt. Außerdem waren auf der Fahrbahn Barrikaden errichtet worden. Erst am frühen Nachmittag gelang es der angerückten Polizei, die Blockade zu beenden.

Gewerkschaft und Klimaaktivisten gemeinsam – das könnte ein neuer Schritt im Arbeitskampf bei Amazon sein. Koordiniert von der internationalen Dienstleistungsgewerkschaft UNI Global Union, der auch ver.di angehört, hatte ein breites Bündnis den diesjährigen „Black Friday“ zum „Make Amazon Pay Day“ erklärt, zum Zahltag für Amazon. An insgesamt sieben Standorten in Deutschland wurde die Arbeit niedergelegt, an anderen kam es zu Flugblattverteilungen. In Berlin versammelten sich Aktivisten zu einer Kundgebung vor dem an der Warschauer Straße errichteten „Amazon Tower“, auch anderswo kam es zu kleineren Aktionen. Auf große Versammlungen war aufgrund der Corona-Lage verzichtet worden, doch die Aktionen fanden trotzdem große Aufmerksamkeit in den Medien.

Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Polen wurden Amazon-Niederlassungen bestreikt. Die italienischen Gewerkschaften hatten einen ebenfalls für den 26. November angekündigten Ausstand kurzfristig abgesagt, nachdem es wenige Tage zuvor zu einem Abkommen mit dem Konzern gekommen war. In Italien sieht sich Amazon inzwischen auch aufgrund von Druck der Regierung gezwungen, die Arbeiterorganisationen als Verhandlungspartner zu akzeptieren – was in Deutschland noch immer verweigert wird.

Zu großen Demonstrationen unter der Losung „Make Amazon Pay“ – „Lasst Amazon zahlen“ – kam es unter anderem in Bangladesch und Indien, Kundgebungen fanden auch in der Türkei und Nepal statt. In Großbritannien rief die UMB zu Kundgebungen auf, in Brüssel versammelten sich Gewerkschafter und Abgeordnete vor dem Europaparlament. Eine spektakuläre Aktion gab es im niederländischen Alblasserdam, wo die 500-Millionen-Dollar-Yacht von Amazon-Gründer Jeff Bezos vor Anker liegt. Aktivisten in Schlauchbooten umkreisten das Schiff und zeigten ebenfalls die Forderung: „Make Amazon Pay!“ – zu einer Enterung der Luxusyacht kam es offenbar leider nicht.

Amazon gilt als einer der wichtigsten Profiteure der Corona-Krise. Berechnungen zufolge könnte Jeff Bezos jedem einzelnen Beschäftigten des Konzerns einen Bonus von über 100.000 US-Dollar zahlen – und wäre immer noch so reich wie vor Beginn der Pandemie. Tatsächlich jedoch setzt der Konzern weiter auf Steuervermeidung – und kommt damit bei den Behörden durch. So bilanzierte das europäische Amazon-Hauptquartier in Luxemburg für das vergangene Jahr offiziell einen Verlust von mehr als einer Milliarde Euro und brauchte deshalb keine Steuern in der EU zahlen. Und das, während Amazon gigantische Rekordumsätze eingefahren hat.

„Amazon finanziert seine aggressive Strategie durch Dumpinglöhne und Steuervermeidung. Damit bezahlen die Kolleginnen und Kollegen und letztlich auch die gesamte Gesellschaft die Milliardenprofite dieses US-Giganten mit,“ kritisiert Orhan Akman, der bei ver.di für den Einzel- und Versandhandel zuständig ist. Der Konzern verschärfe durch seine Preiskriege den Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb in der Branche – „Ausbaden müssen das die Beschäftigten!“

Akman kritisiert, dass sich Amazon nach wie vor weigert, mit der Gewerkschaft über die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels sowie einen Tarifvertrag für Gute und Gesunde Arbeit zu verhandeln. „Das zeigt, dass der Konzern – anders als in Werbespots präsentiert – den Kolleginnen und Kollegen keine Wertschätzung entgegenbringt, sondern sie lediglich als Kostenfaktoren ansieht. Milliardengewinne und Dumpinglöhne sind zwei Seiten ein und derselben Medaille bei Amazon.“

Die Aktionen am „Black Friday“ blieben nicht auf einen Tag beschränkt. Am Montag, 29. November, der als „Cyber Monday“ als Fortsetzung des „Black Friday“ angepriesen wird, setzten die Beschäftigten in zahlreichen deutschen Amazon-Versandzentren ihre Streiks fort. Ein Ende des inzwischen seit mehr als acht Jahren laufenden Arbeitskampfes ist nicht absehbar.

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"Amazon im Stresstest", UZ vom 3. Dezember 2021



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