Frauenstreiktag will Frauenkämpfe mit Arbeitskämpfen verbinden

Arbeit ist gleichwertig

UZ sprach mit Nina Eumann, Stellvertretende Landessprecherin der Partei „Die Linke“ in NRW und im Sprecherinnenrat der LISA in NRW, über den Frauenstreiktag.

UZ: Unter dem Motto „Wenn wir streiken, steht die Welt still“ wird auch in diesem Jahr wieder für den 8. März zum Frauenstreik aufgerufen. Du bist engagiert im Ko-Kreis des Frauenstreik-Bündnisses in NRW. Was erwartest du vom Frauenstreik in diesem Jahr?

Nina Eumann: Meine Erwartung für dieses Jahr ist, dass wir wieder mit vielen Frauen auf der Straße sind – bei Straßenumbenennungen, Demonstrationen, Streikcafés und -versammlungen, Aktionen in und vor Betrieben, zum Beispiel in Krankenhäusern, weltweit. Gründe für den Frauenstreik gibt es genug: Noch immer ist keine umfassende Geschlechtergerechtigkeit erreicht. Immer noch gibt es kein Recht auf körperliche Selbstbestimmung, jeden dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland an geschlechtsspezifischer Gewalt. Noch immer sind die Care-Berufe als sogenannte Frauenberufe gesellschaftlich wenig anerkannt, noch immer liegt der Gender Pay Gap bei unverändert 21 Prozent, Altersarmut von Frauen ist immer noch programmiert. Und sexistisches Verhalten erleben immer noch jeden Tag Mädchen und Frauen jeden Alters.

UZ: Wann hat sich das Frauenstreikbündnis gegründet und mit welcher Zielsetzung?

Nina Eumann: Eigentlich kann nicht von einer Gründung eines Frauenstreik-Bündnisses gesprochen werden. Frauenstreik-Geschichte ist international und nicht neu. Der Weberaufstand 1844 wurde zu großen Teilen von Frauen getragen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts traten Frauen in den Gebärstreik, um gegen den Krieg zu protestieren. 1973 traten 2.000 Frauen, allen voran migrantische, bei der Automobilzuliefererfirma Pierburg in Neuss in einen „wilden“ Streik, weil die Männer, die dieselbe Arbeit verrichteten, wesentlich mehr Lohn erhielten. 1975 traten 90 Prozent der isländischen Frauen in den Ausstand, Schulen, Kindergärten, Fabriken, Banken und Geschäfte blieben geschlossen. Und 1994 streikten eine Million Frauen in Deutschland gegen schlechte Arbeitsbedingungen, den Abbau von Sozialleistungen und für ein Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung. Wir treten in die Fußstapfen dieser streikenden Frauen.

Die Zielsetzung bleibt gleich, unsere Forderungen zielen auf ein gutes Leben für alle, sie beginnen bei der Bezahlung und Bewertung von Arbeiten, hören dort aber nicht auf. Alle Bereiche des Lebens und der Gesellschaft müssen in Bewegung gesetzt werden: Unser Streik zielt auf eine neue Verteilung der Arbeiten: in der Familie, in Beziehungen, im Alltag und in der Politik.

UZ: Was konnte bisher erreicht werden, insbesondere auch am 8. März 2019?

Nina Eumann: 2019 waren weltweit Millionen von Frauen auf den Straßen – so viel wie schon viele Jahre zuvor nicht mehr. Allein in Spanien waren es fünf Millionen Frauen, in der Schweiz 500.000, in Deutschland 75.000, in NRW waren es 10.000. In vielen Städten, so auch in Deutschland, gab es Frauenstreik-Gruppen, die sich kontinuierlich mit dem Streikbegriff und möglichen Aktionen beschäftigten. Es ist ein stärkeres Verständnis dafür entstanden, dass sich Frauenkämpfe mit Arbeitskämpfen verbinden können und müssen. Thematisch gab es eine große Spannbreite: Von der Sichtbarmachung unbezahlter Arbeit über die Forderung nach Aufwertung von Care-Arbeit, Kritik am Gender Pay Gap bis hin zu Fragen der körperlichen und sexuellen Selbstbestimmung, gegen Gewalt und gegen die Abtreibungsparagraphen, aber auch die Forderung nach einem höheren Mindestlohn für alle und gute Renten.

UZ: Dieses Jahr fällt der 8. März auf einen Sonntag. Als Schwerpunkt habt ihr deshalb für 2020 die Reproduktionsarbeit in den Mittelpunkt gestellt. Was fällt alles darunter und um was geht es euch hier?

Nina Eumann: Ein feministischer Streik bedeutet auch, dass wir nicht nur Lohnarbeit bestreiken, denn es gibt so viel mehr Arbeit, für die es keine Bezahlung und kaum gesellschaftliche Anerkennung gibt: ob Putzen, Waschen, Pflegen oder Kinder betreuen. Wir wollen auch diese unbezahlte Arbeit bestreiken, die Arbeitsverhältnisse in allen Bereichen müssen sich ändern. Die Frage dabei ist: Wie können wir bestreiken, was nicht bestreikt werden kann? Die Arbeit wie Menschen zu pflegen kann nicht einfach liegen gelassen werden. Deshalb wollen wir die unbezahlte Arbeit sichtbar machen, uns einen Streik-Tag Zeit zu nehmen, um deutlich zu machen: Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der alle Arbeit gleich wert ist und in der nicht aufgrund von geschlechtlichen Rollenbildern bestimmte Arbeiten ausschließlich Frauen zugeschrieben werden.

UZ: Wie laufen die Diskussionen über Frauenstreik, Streikformen, Streikrecht im bundesweiten Zusammenhang?

Nina Eumann: Der 8. März 2020 ist ein Sonntag. Viele Frauen arbeiten sonntags in den Krankenhäusern, den Altenpflegeeinrichtungen, den Bäckereien, den Bahnhöfen. Es wird also Streikcafés auch vor diesen Einrichtungen geben. Klar ist: Dieser Streik ist kein Streik, wie wir ihn aus klassischen Betriebs- und Tarifauseinandersetzungen kennen. Es gibt kein Streikgeld, keinen betrieblichen Streikaufruf. Und doch ist der Frauenstreik ein Streik: Kolleginnen können sich am 7. und 8. März an den Aktionen, Demonstrationen und Protesten in den Städten, vor und in den Betrieben beteiligen. Der politische Streik gilt in Deutschland als verboten. Frauen können dieses Verbot überwinden, indem sie ihre Zeit für sich und die Veränderung der Verhältnisse nutzen.

UZ: Ihr habt einen Brief an die Gewerkschaften geschrieben. Was ist der Inhalt? Was wollt ihr damit bewirken?

Nina Eumann: Der Frauenstreik steht in der langjährigen Tradition der Frauenbewegung und Arbeiterinnenkämpfe, die gegen Gewalt und Ungerechtigkeiten seit Jahrzehnten auf die Straße geht. Und viele von uns in den Streikbündnissen sind Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter und unterstützen aktiv gewerkschaftliche Kämpfe. Uns vereinen gemeinsame Ziele und Werte. Der Brief ruft dazu auf, bei der größten globalen Frauenbewegung seit den 70er Jahren mitzumachen. Wir wollen gemeinsam mit den Gewerkschaften auf die Straße. Wir wollen gemeinsam stärker werden.

UZ: Wie war die Reaktion der Gewerkschaften?

Nina Eumann: Wir haben den Brief an unsere Gewerkschaftsgliederungen vor Ort geschickt. Die Reaktion war unterschiedlich, in den Städten, in denen es bereits Kontakte zu den Gewerkschaften vor Ort gibt, gibt es zum Beispiel Gewerkschaftsblöcke in den Demonstrationen. Und es gibt einen Aufruf des ver.di-Bundesfrauenrates, mit dem alle Kolleginnen dazu aufgerufen werden, sich an den Frauenstreik-Aktivitäten außerhalb ihrer Arbeitszeit zu beteiligen. Und der Aufruf stellt fest, dass uns der Kampf um eine Gesellschaft eint, in der wir alle unabhängig von Geschlecht, Alter oder Staatsangehörigkeit gleichberechtigt und solidarisch miteinander leben können.

Die Fragen stellte Melina Deymann

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Arbeit ist gleichwertig", UZ vom 6. März 2020



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