Erinnern an den Roten Oktober und die Zukunft des Sozialismus

Aufstand gegen den Krieg

Von Raimund Ernst

Stefan Bollinger: Oktoberrevolution. Aufstand gegen den Krieg 1917–1922, edition ost, Berlin 2017, 224 Seiten, 14,99 Euro,

ISBN 978–3-360–01882-3

Siehe auch die Marxisitischen Blätter, Heft 5_2017

Runde Geburtstage kommen und gehen. Ihr Rhythmus gehorcht dem Kalender. Dies gilt für Menschen ebenso wie für große historische Ereignisse. Welches Gewicht das jeweilige Jubiläum erhält, entscheiden diejenigen, die sich erinnern, genauer: erinnern wollen. Stefan Bollinger will mit seinem Buch anlässlich der 100-jährigen Wiederkehr der russischen Revolutionen des Jahres 1917 diese notwendige Erinnerungsarbeit leisten. Und dies ist ihm überzeugend gelungen.

Bereits mit dem von ihm gewählten Untertitel „Aufstand gegen den Krieg“ liefert er den entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der Oktoberrevolution. Dies kann nicht oft genug wiederholt werden: Die Oktoberrevolution war die einzige in ihrer Radikalität adäquate Antwort auf diesen Krieg, der zurecht als die „Urkatastrophe des Jahrhunderts“ gekennzeichnet wurde.

Bollinger gliedert seine Darstellung in drei Kapitel. Der erste und umfänglichste Teil trägt die Überschrift „Eine kleine Revolutionsgeschichte“, es folgt ein Kapitel zu „Revolution – Epoche – Erbe – Tradition“ und abschließend handelt der Autor kurz und in eher feuilletonistischer Weise über „‚Revolution’ – die Karriere eines Begriffs nach dem Ende des Ostblocks“.

Im Ergebnis der Oktoberrevolution entstand erstmals ein sich als sozialistisch verstehender Staat, der als Sowjetunion die Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend bestimmte und nachhaltig prägte. Die sich entfaltende Systemauseinandersetzung förderte neben vielen nationalen wie internationalen, unstrittig positiven Auswirkungen ein häufig übersehenes Phänomen: das Entstehen des sogenannten „sozialdemokratischen Jahrhunderts“ (Ralf Dahrendorf). Ohne die dauernde Herausforderung durch die neue sowjetische Gesellschaft keine Verbesserung der sozialen Lage der arbeitenden Menschen in den Metropolen, ja – und dieser zusätzliche Hinweis ist unerlässlich – nicht einmal die Bewältigung der großen kapitalistischen Krisen in den 20er und 30er Jahren sowie der überraschende wirtschaftliche Erfolg des Westens nach dem zweiten Weltkrieg.

Nach einem informativen Streifzug durch die nach 1989 veröffentlichte Geschichtsschreibung zur Oktoberrevolution wendet er sich Schlüsselfragen der Revolution zu wie „Warum konnte eine bolschewistische Partei die Massen begeistern? Wo stand die Arbeiterklasse in diesem bäuerlich geprägten Land, und warum konnte sie trotz ihrer vergleichsweise geringen Größe … so wirksam werden? Warum versagte die russische Bourgeoisie so kläglich? Schieden sich die Geister letztlich an der Frage des imperialistischen Krieges bis zum immer noch erhofften Sieg?“ Mit seinen Antworten liefert der Autor eine ebenso kenntnisreiche wie prägnante Darstellung der Hauptlinien dieser revolutionären Ereignisse.

Spannend ist es, Bollinger als einem „Mitgestalter und Zeitzeugen des Realsozialismus“ in seinem Blick auf die Oktoberrevolution aus der Perspektive ihres Scheiterns zu folgen. Sind wir doch als westliche Kommunisten mit dem gleichen Vorwurf konfrontiert, lange Zeit des „Falsche“ propagiert und verteidigt zu haben. Deshalb sind wir gerade angesichts dieses Jubiläums gefordert, uns erneut mit der Geschichte der Revolution und ihres Staates auseinanderzusetzen, uns das, was wir daraus lernen können, erneut und kritisch anzueignen.

Für Bollinger behält die auf Engels und Luxemburg zurückgehende zugespitzte Losung „Sozialismus oder Barbarei“ ihre Gültigkeit. Der Autor hat den Mut – und das verdient Anerkennung –, einige Gedanken zum Weg und zur Gestalt eines künftigen Sozialismus zusammenzutragen. Darüber mag trefflich gestritten werden. Nicht zu bestreiten ist und bleibt historisch gesicherte Einsicht: „Ohne die alte Macht zu zerschlagen, wird es keine neue Gesellschaft geben. … (O)hne die Bereitschaft, in Kategorien des Klassenkampfes zu denken, bleibt der Sozialismus nur ein intellektueller Ausflug.“

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"Aufstand gegen den Krieg", UZ vom 15. September 2017



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