Einige Gründe, warum Brecht zwei Fassungen seines „Galilei“ anfertigte

„Auftritt der Atombombe als Person“

Am 23. November 1938 schrieb Brecht in sein Arbeitsjournal: „Das Leben des Galilei abgeschlossen. Brauchte dazu drei Wochen.“ Das war wenige Wochen vor der Entdeckung der atomaren Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann im Dezember 1938 im faschistischen Berlin. Das Thema des Stücks hatte sich in den 30er Jahren aufgedrängt: Das Verhältnis von Wissenschaft und antagonistischer Gesellschaft, der Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Reaktion. Brecht hatte ein Epochenproblem aufgegriffen – beraten unter anderem durch bedeutende Naturwissenschaftler seiner Zeit.

Er konnte nicht ahnen, dass Physiker in den USA im August 1939, unmittelbar vor Kriegsbeginn, einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt verfassten, in dem sie vor der Gefahr einer „Bombe neuen Typs“ warnten, die Deutschland möglicherweise entwickle und gar bald besitze. Als Geheimdienstberichte entsprechende Anstrengungen bestätigten, begann in den USA ab 1942 das bis dahin größte wissenschaftliche Forschungsvorhaben der Weltgeschichte, das „Manhattan-Projekt“ mit dem Ziel, eine Atombombe zu entwickeln. Mehr als 150.000 Menschen arbeiteten daran unter größter Geheimhaltung. Als die erste Atombombe am 6. August 1945 auf Hiroshima abgeworfen wurde, änderte Brecht sein Stück und wurde in seinen politischen Stellungnahmen nicht nur zum Unterstützer der weltweiten Bewegung für das Verbot der Atomwaffen, sondern zu einem ihrer Vorkämpfer.

Werner Mittenzwei wies 1965 in seiner Arbeit „Bertolt Brecht. Von der ‚Maßnahme’ zum ‚Leben des Galilei’“ nach, dass Brecht den „Galilei“-Stoff aus der Klassenkampfsituation der Zeit heraus aufgegriffen hatte: „Vor allem die erste Fassung des Stückes konzipierte Brecht ganz im Geiste der Volksfrontpolitik, wie sie die Partei in jenen Jahren beharrlich vertrat. In dieser ersten, in Dänemark geschriebenen Version wollte der Dichter am historischen Beispiel von Galileis Kampf gegen die herrschenden Kräfte seiner Zeit Lehren für den Widerstand der Antifaschisten gegen die Hitlerbarbarei vermitteln.“

Galilei sollte einer sein, der die 1934 von Brecht in den „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ empfohlene List bei der Verbreitung der Wahrheit im Volk anwendete wie Konfutse, Thomas Morus, Voltaire und Lenin. Bei Fertigstellung des Stücks in Dänemark 1938 hatte sich aber das Konzept der Figur bereits geändert: Ihre positiven Seiten wurden durch den Verrat Galileis an der Wissenschaft eingeschränkt. Noch aber blieb Galilei der illegale Kämpfer, der nach seinem Widerruf weiterarbeitet, nicht kapituliert.

Die zweite Fassung, die im US-Exil etwa 1944 begonnen wurde, erhielt durch den Abwurf der Atombombe eine entscheidende Wende. Brecht reagierte sofort auf die neue weltgeschichtliche Situation. Er schrieb: „Das ‚atomarische Zeitalter’ machte sein Debüt in Hiroshima in der Mitte unserer Arbeit. Von heute auf morgen las ich die Biographie des Begründers der neuen Physik anders.“

Galilei ist nun nicht mehr illegaler Kämpfer, sondern, so Mittenzwei, „Verbrecher, der seinen Frieden mit den Mächtigen gemacht hat“. Die US-Regierung zwang damals nach der Zerschlagung des Faschismus die Wissenschaft, an der Herstellung von Massenvernichtungsmitteln weiterzuarbeiten. Das Ziel war klar: Zerstörung der Sowjetunion. (Nebenbei: Es gibt eine historische Parallele. Als die Konterrevolution in der Sowjetunion und den sozialistischen Staaten Europas 1990/1991 siegten, hörte die Vorbereitung auf Krieg in den imperialistischen Staaten nicht auf.)

Damals regte sich Widerstand unter Wissenschaftlern. Einstein und sieben andere Physiker gingen dagegen mit einer Proklamation an die Öffentlichkeit. Brecht notierte nach der ersten Aufführung der zweiten Fassung in den USA 1947: „Es war schimpflich geworden, etwas zu entdecken.“ Mittenzwei schrieb, der Widerruf Galileis habe durch die neuen politischen Ereignisse eine andere Auslegung erfahren, „als das vom Standpunkt des antifaschistischen Kampfes gegen die Hitlerdiktatur vor dem Kriege aus geschehen war“. Brecht selbst wies darauf hin, dass in der kalifornischen Fassung die Lobeshymnen von Galileis Schüler abbrechen und dieser seinem Lehrer beweist, dass der Widerruf ein Verbrechen war, der durch das Werk, so wichtig es auch ist, nicht aufgehoben wird: „Wenn es jemand interessieren sollte, dies ist auch das Urteil des Stückschreibers.“

Galileis Verbrechen, schrieb er 1947 an anderer Stelle, könne „als die ‚Erbsünde’ der modernen Naturwissenschaften betrachtet werden“. Die Atombombe sei „das klassische Endprodukt seiner wissenschaftlichen Leistung und seines sozialen Versagens“. Im Prolog zur US-Aufführung hieß es: „Wir hoffen, Sie leihen Ihr geneigtes Ohr / Wenn nicht uns, so doch unserem Thema, bevor / Infolge der nicht gelernten Lektion / Auftritt die Atombombe in Person.“

Dies, der „Auftritt der Atombombe in Person“, das heißt als Instrument der reaktionären und kriegerischen Klassenkräfte der Gegenwart, war das Epochenthema, das Brecht bis an sein Lebensende beschäftigte. Bei seinem Verhör im McCarthy-Ausschuss des US-Kongresses am 30. Oktober 1947, einen Tag vor seinem Abflug aus den USA, erklärte er zu den Motiven seiner Arbeit: „Große Kriege sind erlitten worden, größere stehen, wie wir hören, bevor. Einer von ihnen mag sehr wohl die Menschheit in ihrer Gänze verschlingen. Wir mögen das letzte Geschlecht der Spezies Mensch auf dieser Erde sein. Die Ideen darüber, wie man die neuen Produktionsmöglichkeiten benutzen könnte, sind nicht sehr entwickelt worden seit den Tagen, als das Pferd tun musste, was der Mensch nicht konnte.“

Vor allem aber die Frage, wie jene Klassen, die bereit waren, die Atombombe einzusetzen, daran gehindert werden konnten, beschäftigte ihn bis zu seinem Tod. Klassische Form erhielt das 1952 in seinem Text „Zum Kongress der Völker für den Frieden“, der sich im Brecht-Archiv unter den Materialien zum geplanten Stück „Leben des Einstein“ in verschiedenen Varianten findet: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. (…) Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod. (…) Und doch wird nichts mich davon überzeugen, dass es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. (…) Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“ Das gilt fast 70 Jahre später mehr denn je.

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"„Auftritt der Atombombe als Person“", UZ vom 31. Juli 2020



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