Zum Tod von Wolfgang Jantzen

Behindert wird man

Rosemarie Brombach

Im Alter von 79 Jahren ist am 22. November der marxistische Psychologe und Behindertenpädagoge Wolfgang Jantzen gestorben. Er war Autor der „Marxistischen Blätter“ und Referent der Marx-Engels-Stiftung.
Die Aufnahme seines wegweisenden Werkes im Mainstream der Humanwissenschaften ist zwiespältig. Dort wird einiges übernommen, manchmal auch, ohne die Quelle zu benennen. Den wesentlichen Gehalt des Werkes ignorieren die bürgerlichen Wissenschaftler.

Jantzens Lebenswerk, seine praktische und politische Arbeit, ist derart umfassend, dass dies hier nicht in der Fülle gewürdigt werden kann. Für mich war er ein überaus wichtiger Lehrer, der meine Arbeit mit behinderten Kindern wesentlich geprägt hat. Sein Lebensmotto kann in dem Marx-Zitat erfasst werden, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

Wolfgang Jantzen wird 1941 geboren, sozialisiert im autoritären Klima der frühen restaurativen BRD. Er studiert Psychologie und arbeitet danach als Sonderschullehrer. Der Aufbruch 1968 prägt Jantzen. Bei ihm entsteht das dominante Motiv, alles zu tun, damit Menschen nicht wegen einer Behinderung, einer psychischen Erkrankung oder eines anderen Merkmals etikettiert und ausgegrenzt werden. Allen sollen die allgemeinen Bildungsprozesse zugänglich sein und damit die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden.

Ab 1971 arbeitet Wolfgang Jantzen als Hochschullehrer in Marburg. Er eignet sich den Marxismus und die Forschungen der Kulturhistorischen Schule, einer Richtung der sowjetischen Psychologie, an. Hier findet er den Hebel, die psychische Entwicklung in einem dialektischen Prozess zu entschlüsseln.

Jantzen wechselt nach Bremen und beginnt zusammen mit Barbara Rohr und später Georg Feuser mit dem Aufbau des Studiengangs Behindertenpädagogik. Studierende werden auf der Grundlage eines materialistischen Menschenbildes sowohl theoretisch als auch praktisch umfassend ausgebildet. Der Universitätsleitung ist der Fachbereich ein Dorn im Auge. Es gelingt, ihn zu isolieren. Nach Jantzens Emeritierung im Jahr 2006 wird der Studiengang aufgelöst. Ein Teil seines Lebenswerkes ist zerstört.

In den Jahren 1987/88 nimmt Jantzen als erster bundesdeutscher Hochschullehrer eine Dozentur an der Friedrich-Wilhelm-Wundt-Universität in Leipzig wahr. Seine Erfahrungen in der DDR hat er im Buch „Grenzerfahrungen – Gastprofessur in Leipzig/DDR“ (Neue Impulse Verlag, 2017) beschrieben.

Seit 1974 war Jantzen Mitglied der DKP. Das Erleben der sogenannten Wende führt nach eigenen Angaben zu einer inneren Umorganisation. Er hält es für richtig, für eine pluralistische Kommunistische Partei zu kämpfen, und tritt nach dem Scheitern dieses Versuchs aus. In Bremen gehört er zu den Gründern der PDS, verlässt aber nach weltanschaulichen Differenzen auch diese Partei.

Der Marxismus bleibt Leitschnur, Jantzen wendet sich in stärkerem Ausmaß als bisher ethischen Fragestellungen zu. Philosophisch beginnt die Auseinandersetzung mit Spinoza. Er streitet energisch gegen die neuen Euthanasiebestrebungen, die unter dem Label der Bio-Ethik vor allem mit Peter Singer Eingang in philosophische und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge finden.

Nach seiner Emeritierung 2006 arbeitet Jantzen mit ungeminderter Energie an seinen Grundfragestellungen. Zusammen mit anderen Autoren sorgt er für die Herausgabe einer Enzyklopädie der Behindertenpädagogik in zehn Bänden. Durch zwei Aufenthalte an Universitäten in Brasilien angeregt, wendet er sich vermehrt den Folgen des Kolonialismus und von Rassismus zu.

Da Jantzens Beitrag zum Begreifen der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung auch unter Marxisten zu wenig bekannt ist, werden hier Grundzüge seines Gedankengebäudes vorgestellt.

Um das Wesen von Behinderung zu entschlüsseln, bedarf es nach Jantzen einer monistischen Theorie, die den Dualismus zwischen Körper und psychischer Tätigkeit überwindet. Die Grundlagen dazu liefern die Pioniere der Kulturhistorischen Schule der Sowjetunion Leontjew und Wygotskij.

Jantzen wendet die Kategorie der Isolation aus der Stressforschung auf die Entwicklung psychischer Prozesse an. Isolierende Bedingungen vielfältiger Art, auch körperliche oder hirnorganische Schädigungen, halten einen Menschen von der vollen Persönlichkeitsentfaltung ab, wenn nicht Brücken zur Überwindung erschlossen werden. Im Prozess, behindert zu werden, eignet sich der Mensch gleichzeitig die eigene Isolation an. Dies führt zu einer veränderten Sicht auf das Selbst, auf andere und auf die Welt. Das ist mit psychischem Leid verbunden, welches sich wiederum oft in Verhaltensweisen ausdrückt, die von der Umwelt nicht verstanden werden und die Isolation verstärken. Insofern sieht Jantzen Behinderung als sozial bedingt, ohne organische Defekte zu leugnen.
Er definiert Behinderung politökonomisch als „Arbeitskraft minderer Güte“. Das führt in der kapitalistischen Konkurrenz notwendig zu Ausgrenzung. In späteren Jahren klassifiziert er diese Ausgrenzung als Form von Rassismus, im Kern als Gewalt.

Seine Pädagogik ist zutiefst politisch. Sie geht von der begründeten und empirisch nachgewiesenen Setzung aus, dass jeder Mensch zur Entwicklung in der Lage ist. Anerkennung und Dialog bilden die Grundlage, Lernprozesse müssen organisiert werden in der Zone der nächsten Entwicklungsmöglichkeit. Die Ghettos der Einrichtungen und Sonderschulen sollen überwunden werden. Die gesamte Psychopathologie steht damit auf einer qualitativ neuen Basis.

Jantzen kommt zum Ziel einer Allgemeinen Pädagogik, die nicht mehr zwischen normal und abweichend unterscheidet und in welcher der Begriff des Defektes überflüssig wird. Jantzen entwirft in seinem Lebenswerk ein umfassendes Denken von Befreiung. Behindert wird sie durch die Zumutungen des Kapitalismus.

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"Behindert wird man", UZ vom 18. Dezember 2020



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