Hollywood und die US-Kriegsmaschine

Bilder für den Krieg

Von Klaus Wagener

Die Dinge liefen nicht besonders gut. Insbesondere an der Heimatfront stand es nach dem dubiosen Kennedy-Mord und dem ebenso wenig plausiblen „Tonking-Zwischenfall“, der als Kriegsgrund gegen Nordvietnam herhalten musste, nicht gerade brillant. Muhammad Ali sollte 1967 sagen: „Meine Gewissen lässt mich nicht auf meinen Bruder schießen. Oder auf einige farbige Menschen, oder auf einige arme hungrige Menschen im Dreck. Für das große, mächtige Amerika. Und erschießen für was? Sie haben mich nie Nigger genannt. Sie haben mich nie gelyncht, sie haben nie ihre Hunde auf mich gehetzt. (…) Wie kann ich diese armen Menschen erschießen? Sollen sie mich ins Gefängnis werfen.“

Western-Held John Wayne war da ganz anderer Auffassung. Er fand, „arme Menschen erschießen“ sei doch eine Super-Sache. In etwa: Was bei Indianern richtig ist, kann bei den „stinkin’ Cong“ kaum falsch sein: „Es würde mich nicht ein bisschen stören, bei einem von ihnen den Abzug selbst zu ziehen.“ Wayne schrieb also an Präsident Johnson, dass er dessen tollen Krieg mit einem Film, „The Green Berets“, unterstützen möchte. Und natürlich gibt es keinen US-Kriegsfilm, keine Hubschrauber, Bomber, Flugzeugträger oder Panzer ohne das US-Kriegsministerium (Department of Defense, DoD). Wer die „Spielsachen“ des Pentagon will, muss sich der totalen Kontrolle unterwerfen. Selbst bei einem alten reaktionären Haudegen wie John Wayne gilt die Bedingung: Mitgestaltung und Final Cut. Zuständig in der 1948 gegründeten „US-DoD Film Liaison Unit“: Philip Strub. Wayne räumte dem Militär vollen Zugriff auf das Script ein – und bekam die „Spielsachen“ gratis. Wie es Johnsons Berater Jack Valenti ausdrückte: „Wenn er den Film macht, wird er die Dinge sagen, die wir gesagt haben wollen.“ Und entsprechend miserabel wurde der Film dann auch.

Wie nun auch dokumentiert, geht der Einfluss des Pentagon – und der CIA; was „The Green Berets“ für das DoD, war „Animal Farm“ für die CIA – auf die Bewusstseinsindustrie in Hollywood, weit über die Produktion von Kriegsfilmen hinaus. Der Autor Tom Secker und der Hochschullehrer Matthew Alfold haben durch den Freedom of Information Act (FOIA) von Pentagon und CIA 4 000 Seiten bislang unbekannter Dokumente bekommen und durchforstet. Das Ergebnis: „Diese Dokumente zeigen zum ersten Mal, dass die US-Regierung hinter den Kulissen an über 800 großen Filmen und mehr als 1 000 TV-Titeln mitgearbeitet hat.“ (Alfold/Secker) Dabei erstreckt sich die „Mitarbeit“ vom Gesamtkonzept, vom Drehbuch, von den Locations, den Charakteren, bis in die Details, bis zu Einstellungen und Ausleuchtungen, zu einzelnen Sätzen oder Begriffen. Ein „Technical Advisor“ des DoD sorgt am Set dafür, dass alles „fachgerecht“ läuft. Es sollen die Dinge passieren und gesagt werden, die passieren und gesagt werden sollen. Und vor allem: Die Bösen, Süchtigen oder Unfähigen, das ist in keinem Fall das US-Militär. Selbst wenn ein Regisseur ohne das Pentagon auskommt, die Studio-Bosse wollen auf keinen Fall Ärger mit dem Militär. Das DoD unterhält weltweit 1000 Stützpunkte. Wer nicht kooperiert, kommt hier nicht auf die Leinwand. Eine Lage, die bei jenen, die nicht wie John Wayne ohnehin vorauseilenden Gehorsam zeigen, „die Schere im Kopf“ programmiert.

Der Journalist David Robb hatte 2004 in seinem Buch, „Operation Hollywood: How Pentagon Shapes and Censors the Movies“, als einer der ersten den Zugriff des Pentagon dokumentiert. Nun haben Alfold/Secker ihr neues Material unter dem Titel „ National Security Cinema: The shocking New Evidence of Government Control in Hollywood“, veröffentlicht. Das ausgesprochen informative Buch enthält auf 255 Seiten eine Fülle detaillierter Informationen zum strukturellen Enfluss des Pentagon und der CIA auf die Film- und Fernsehproduktion, aber auch zahlreiche Fallstudien zu Filmen wie „Avatar“, „Black Hawk Down“, „Charlie Wilson’s war“, „Hulk“, „Iron Man“, „Terminator“, „Wag the Dog“ und ebenso zu Filmemachern wie Tom Clancy, Oliver Stone und Paul Verhoeven. Es räumt gründlich auf mit der Legende von Freedom and Democracy in der US-amerikanischen „Traumfabrik“.

Am 26. Juni 1950, exakt am Tag nach „Ausbruch“ des Koreakrieges, wurde in West-Berlin der „Congress for Cultural Freedom“ gegründet. Als Gegenmoment zu den Weltfriedenskonferenzen in Paris, Prag oder New York war der „Congress“ eine CIA-Gründung und hart antikommunistisch. (s. Frances Stonor Saunders: dt. „Wer die Zeche zahlt …“ Berlin, 1999). Der „Congress“ war in 35 Staaten vertreten, organisierte internationale Konferenzen und gab mehr als 20 Zeitschriften heraus. Eine Propaganda-Offensive, die das liberale, weltoffene Amerika rühmen sollte, mitten in der „Commie“-Paranoia der McCarthy-Ära und in einem Krieg, in dem der US-Oberbefehlshaber mit dem Einsatz der Atombombe drohte. Trotzdem nicht ohne Erfolg. Bekehrte Kommunisten, Linksliberale, unorthodoxe Linke waren vom Anti-Totalitarismus und der Freiheit der Künste in Gods own Country ebenso begeistert wie stramme Rechte. Selbst Heinrich Böll und Siegfried Lenz standen auf der CIA-Gehaltsliste. Die Wirklichkeit war eine andere. Damals wie heute.

Es ist nicht ohne Aufwand, Menschen dazu zu bringen, gegen die eigenen Interessen zu handeln, ja im Zweifel ihr Leben für den Profit der ohnehin Reichen und Mächtigen zu opfern. Was früher eine Domäne der Kirche war, hat der Imperialismus zu einem Geschäft der kommerziellen Massenunterhaltung gemacht. Der Film ist seit 100 Jahren das wichtigste Medium der Bewusstseinsindustrie, und daher vor allem eines: „Davon geht die Welt nicht unter …“ – kriegswichtig. Da waren sich nicht nur Goebbels und Hollywood einig. Schon Hindenburg und Ludendorff hatten mitten im I. Weltkrieg, die Notwendigkeit einer „Vereinheitlichung der deutschen Filmindustrie“ erkannt, um „nach einheitlichen, großen Gesichtspunkten eine planmäßige und nachdrückliche Beeinflussung der großen Massen im staatlichen Interesse zu erzielen“ (Ludendorff). Unter dem unmittelbaren Eindruck des Roten Oktober wurde am 18. Dezember 1917 die Universum Film AG (Ufa) gegründet. Die Deutsche Bank, die AEG, Bosch, Hapag und Norddeutscher Lloyd hatten die damals beachtlichen 25 Mio. Reichsmark Grundkapital zusammengelegt. Die Ufa wurde international konkurrenzfähig, Ludendorffs Propaganda-Chef, Major Grau, Ufa-Direktor.

Aber wie in Berlin, gelang auch in Hollywood die Durchsetzung des „staatlichen Interesses“ zunächst nur bedingt. Die starke pazifistische und isolationistische Stimmung nach dem I.Weltkrieg machte es der Kriegspropaganda schwer. Nur 2,5 Prozent der US-Bürger waren Ende der 1930er Jahre für eine US-Kriegsbeteiligung in Europa und Asien. Auch Roosevelt wurde 1940 auf dem isolationistischen Ticket gewählt (obwohl der Krieg längst vorbereitet wurde). Pearl Harbor, ebenso wie später „9/11“, veränderte die Lage praktischerweise völlig.

Im Kampf um Hollywood spielte das 1938 gegründete „House Un-American Activities Committee“ (HUAC) und Joseph McCarthys „Government Operations Committee“ (GOC) eine zentrale Rolle. Seit der „Red Scare“, der ersten Kommunisten-Paranoia Ende der 1910er Jahre, gab es „Untersuchungsausschüsse“ des US-Kongresses, Vorläufer des HUAC, welche Kommunismus, Anarchismus und deutsche Propaganda verfolgten. In dieser Zeit beginnt auch die Einflussnahme des FBI und des DoD auf Hollywood. Mit Red Scare installierte die US-Bourgeoisie, zuvorderst Big Money und Big Oil, den Ausnahmezustand (der auch heute gilt), die Kriminalisierung von Nicht-Mainstream-Personen und -Organisationen und vor allem eine Selbstermächtigung des US-Überwachungs- und -Repressionsapparats. Zunächst des FBI, später der CIA, der NSA, des DoD und nach „9/11“ des Department of Homeland Security (DHS). Die Vorgänge um die aktuelle Präsidentschaft zeigen erneut, dass dieser Apparat längst außhalb irgendeiner realen Kontrolle steht. Kennedys Wunsch, die CIA in tausend Stücke zu zerschlagen und sie im Wind zu zerstreuen, sollte einer seiner letzten gewesen sein.

Im Fokus dieses Apparates war auch die 1936, zu Beginn des Spanischen Krieges, gegründete, durchaus einflussreiche „Hollywood Anti Nazi League“ (HANL), „Premature Antifascist“ (verfrühte Antifaschisten), die vor Pearl Harbor als kommunistisch unterwandert galten. Nach 1945, in der Hochphase der McCarthy-Paranoia, wanderten zahlreiche Filmschaffende, unter ihnen die „Hollywood Ten“, auf die „Schwarze Liste“. Nicht selten denunziert von den Mitgliedern der reaktionären „Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideals“ (etwa: Filmallianz zur Bewahrung amerikanischer Ideale.) Hollywood ist nicht unbedingt links. Was der Waffenverleih für das Pentagon, war die Kommunisten-Paranoia für FBI und CIA. Ohne Militär und Geheimdienste läuft seither hier nichts. Und das gilt erst recht im permanenten Krieg, im Global War on Terror.

Charlie Wilson in Afghanistan

Charlie Wilson in Afghanistan

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"Bilder für den Krieg", UZ vom 1. September 2017



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