Der Veteranentag steht bevor. Kriegsgräuel werden schöngeredet, Bundeswehr diskutiert über Verwundetenabzeichen

Das „einigende Band“

Der zweite „Nationale Veteranentag“ am 15. Juni wirft seine dunklen Schatten voraus. Die Vorbereitungen auf die Zentralveranstaltung in Berlin, ein bundesweites Zeichen für „Wertschätzung und Anerkennung“, laufen auf Hochtouren. Da dieses Jahr der 15. Juni auf einen Montag fällt, kommen militärverliebte Akteure „aus Politik, Kommunen, Verbänden, Unternehmen und Zivilgesellschaft“ erst am 21. Juni zum olivgrünen Stelldichein vor dem Reichstagsgebäude zusammen.

Zur Sonderbriefmarke und zur öffentlichen Verleihung des Veteranenabzeichens samt vorhergehender Militärparade mit musikalischem Tschingderassabum hat es auch in diesem Jahr aus Kostengründen nicht gereicht. Immerhin singt der in die Jahre gekommene Schlagerbarde Heinz Rudolf Kunze („Dein ist mein ganzes Herz“) mit Bundeswehr-Big-Band-Begleitung. Ob es zur Aufführung seines Hits „Igor“, („Igor aus Sankt Petersburg, russischer Soldat, sollte die Ukrainer töten, wie ein Automat“) kommen wird, stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe von UZ noch nicht fest.

Wer und was da eigentlich unter dem Motto „Veterans, Family & Friends“ gefeiert und „gewürdigt“ werden soll, erschließt sich dem Interessierten nicht auf den ersten Blick. Wer sind eigentlich diese vielgepriesenen Veteranen und was unterscheidet sie von Reservisten? Der Tagesbefehl vom 26. November 2018 gibt Aufschluss: „Veteranin oder Veteran der Bundeswehr ist, wer als Soldatin oder Soldat der Bundeswehr im aktiven Dienst steht oder aus diesem Dienstverhältnis ehrenhaft ausgeschieden ist, also den Dienstgrad nicht verloren hat.“ Kurz gesagt: Alle, die seit dem 12. November 1955 zur Fahne gekrochen kamen oder gezwungen worden sind, fast 10 Millionen kommen da zusammen. Das gleiche gilt auch für Reservisten, die nach dem streng geheimen „Operationsplan Deutschland“ zudem noch aktiv einsetzbar sind, das sind aktuell zwischen 60.000 und 200.000.

Aus diesen Begrifflichkeiten wird bereits deutlich: Der Veteranentag soll ein Feiertag für alles Militärische, für die Bundeswehr generell, sein. Aus den Strategiepapieren von Bundesregierung und Bundeswehr ist das gut herauszulesen. Gefordert wird die stärkere gesellschaftliche Sichtbarkeit der Bundeswehr, Etablierung einer „neuen Veteranenkultur“ nach Vorbildern anderer NATO-Staaten, die Hervorhebung der Rolle der Reservisten und der Heimatschutzstrukturen als Gefechtstruppenreservoire sowie die Pointierung des „einigenden Bandes“ zwischen „allen ehemaligen Soldaten“, allen „einsatzerfahrenen Veteranen“ und der aktiven Truppe.

Feiertagsgerecht dient der Veteranentag der Bundesregierung und den angeschlossenen medialen Bodentruppen sinnstiftend als Großereignis der psychologischen Mobilmachung. Der Veteranentag ist zugleich aber auch ein Lackmustest, der klar zeigt, wer in der Frage „Krieg oder Frieden?“ wo steht. Von der AfD, die auch am diesjährigen 15. Juni wieder auf allen Kanälen ihrer sozialen Medien wieder von einem „überfälligen Zeichen der Anerkennung“ posten wird, bis zur Bundestagsfraktion der Grünen: „Wir stehen zu unserer parlamentarischen Verantwortung gegenüber Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die den Grundsätzen der Inneren Führung verpflichtet“ sind.

Auf der anderen Seite – der des Friedens – all die, die hinter Lasergewehrschießen für Kinder, Familienprogramm unter Tarnnetzen und Veteranenkochkurs an der Bundeswehr-Feldküche nur neue Transmissionsriemen zum Ankurbeln der Kriegsbereitschaft sehen.

Viele Veteranen sind ohnehin am Kommen gehindert, über sie zu sprechen, darf sich kein Gast des Veteranentages erlauben. Wer erzählt in Berlin die Geschichte der über 3.500 deutschen Soldaten, die seit 1957 durch eigene Hand ihrem Leben ein Ende gesetzt haben? Wer spricht über die 120 Einsatztoten in Afghanistan, Kosovo, Bosnien und Mali? Wen interessieren die jährlich knapp 200 attestierten Fälle Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), von anderen psychischen Erkrankungen in der grünen Wehr ganz zu schweigen?

Stattdessen dürfen die Besucher des Veteranentags um 13 Uhr dem Grußwort von Julia Klöckner (CDU) lauschen, Bundestagspräsidentin und „Schirmfrau des Nationalen Veteranentages“. Ganz im Zeichen der aktuell im Bundeswehrverband geführten Diskussion zur Einführung des Verwundetenabzeichens wird sie die Fotoausstellung von Bryan Adams: „Wounded – The Legacy of War“ eröffnen. Zu sehen sind im Kriegseinsatz grausam verstümmelte britische Soldaten. Aber nein – in den Bildern liegt keine Mahnung zum Frieden. Was gemeint ist, versteht der Betrachter schnell. Egal wie viele Glieder ihres Körpers sie verloren haben, sie tragen weiter Uniform und Orden.

Hirn abschalten und weitermachen. Wie der abgebildete Corporal Ricky Furgusson, der im Alter von 24 Jahren durch eine explodierende Mine beide Beine und den rechten Arm in Afghanistan ließ: „Es gab Leute, die sich bei mir ausgeweint haben, sie regten sich darüber auf, was mir widerfahren ist. Ich halte nicht viel von diesem ganzen Geheule, sondern sage einfach: Hör mal, es ist alles in Ordnung, es ist mir passiert, nicht dir, vergiss es einfach.“ Immerhin gibt’s bei drei verlorenen Gliedmaßen als „Anerkennung und Wertschätzung“ ein Verwundetenabzeichen aus Blech und Goldemail.

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"Das „einigende Band“", UZ vom 5. Juni 2026



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