Fußballfest oder Kriegsvorbereitung? Ein Blick auf die WM 2026 und die organisierte Fanszene

Verteidiger der Liebe

Raphael Molter

Vor vier Jahren stand Katar im Mittelpunkt deutscher Empörung. Ein kleines Emirat, reich geworden durch Gas, abhängig von migrantischer Arbeit, eingebunden in westliche Energie-, Rüstungs- und Sicherheitsinteressen, wurde zum Austragungsort des größten Fußballturniers der Welt. Vieles an der Kritik war berechtigt, der Aufruf zu „Boycott Qatar“ in den Stadien und in den TV-Quoten unübersehbar. Die Bedingungen auf den Baustellen der Stadien wie der gesamten Infrastruktur – die Deutsche Bahn besorgte sich damals beispielsweise mit dem Aufbau der Bahn-Infrastruktur in Katar den bis dahin größten Auftrag ihrer Unternehmensgeschichte –, die Entrechtung migrantischer Arbeiter, die autoritären Verhältnisse, die politische Käuflichkeit der FIFA: All das gehörte auf den Tisch. Allerdings blieb ein erheblicher Teil der deutschen Debatte genau dort stehen, wo es bequem blieb. Katar erschien als Ausrutscher des Weltfußballs, nicht als Zuspitzung, sondern als fremder Störfall, nicht als normaler Ausdruck einer Ordnung, in der Staaten, Konzerne und Verbände den Fußballsport längst nach den Bedürfnissen von Markt, Weltordnung und Standortpolitik organisieren.
Geschichte und Geschichten

Das bei PapyRossa neu erschienene Buch „Griff nach Gold. Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft“ von Carlos Gomes und Glenn Jäger erinnert daran, dass die WM-Geschichte nie nur eine vermeintlich reine Fußballgeschichte gewesen ist. Schon die frühen Turniere waren von kolonialen Ausschlüssen, europäischer Überrepräsentation und machtpolitischer Anerkennung geprägt. Die FIFA sprach von Völkerverständigung, während große Teile Afrikas und Asiens kaum Zugang zur „Welt“-Meisterschaft hatten. Wer die Kapitel über Uruguay 1930, Italien 1934 oder England 1966 liest, stößt auf einen Weltfußball, der von Beginn an in die Hierarchien seiner Zeit eingebettet war: koloniale Verwaltung, faschistische Mobilisierung, westliche Definitionsmacht, aber auch antikolonialer Boykott.

Dieser Zugang eröffnet einen interessanten Blick auf die kommende WM, die zwar offiziell mit Kanada, Mexiko und den USA drei Gastgeberländer hat, deren Gewichtung aber klar verteilt ist: zwei Spielorte in Kanada, drei in Mexiko, elf in den USA; 13 Spiele in Kanada, 13 in Mexiko, 78 in den USA. Das Eröffnungsspiel im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt ändert wenig daran, dass es eine US-dominierte Weltmeisterschaft wird. Die beiden Nachbarländer geben dem Turnier den kontinentalen Klang, das Zentrum der Spiele liegt jedoch im imperialen Zentrum selbst, dort, wo die westliche Ordnung ökonomisch, militärisch und kulturell produziert wird.

Exklusive Show

Lilian Thuram hat dazu eine Frage gestellt, die mehr taugt als viele deutsche Menschenrechtsdebatten: Warum dorthin? Der französische Weltmeister von 1998 sprach nicht abstrakt über „Probleme“ in den USA, sondern konkret über Rassismus, die Segregation von Vierteln und ganzen Städten, ganz zu schweigen vom stärkeren Zugriff der Exekutive auf migrantisierte Menschen und vom teilprivatisierten Gefängnissystem oder von der erbärmlichen, weil unter anderem viel zu teuren Gesundheitsversorgung. Während der Klub-WM 2025, die als Generalprobe für das diesjährige Sommerspektakel diente, ließ Donald Trump angesichts antirassistischer Proteste das Militär im Inneren einsetzen. Gleichzeitig kritisierten Fans von Los Angeles FC die Abschiebepolitik der Einwanderungsbehörde ICE. „Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“, stand auf einem ihrer Banner. Darin steckt ein brauchbarer Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit der kommenden WM.

Stimmungsmache

Solche Szenen bringen zusammen, was oft getrennt wird: auf der einen Seite ein Turnier für die Weltöffentlichkeit, das von Vielfalt, Einheit und globaler Feier spricht; auf der anderen Seite ein Gastgeberland, dessen Staat Grenzen militarisiert, Migration kriminalisiert und Proteste mit militärischer Drohkulisse beantwortet. Wer darin nur einen Widerspruch zwischen Fußball und Politik sieht, übersieht den Zusammenhang: Die WM ist gerade deshalb attraktiv, weil sie solche Widersprüche zeitweise überblenden kann. Sie verwandelt gesellschaftliche Konflikte in Bilder von Gastfreundschaft, Nationenparade und gemeinsamer Begeisterung. Sie schafft kein nationales „Wir“ aus dem Nichts, sondern liefert ihm Form, Rhythmus und Erzählung.

Seit dem Ukrainekrieg wird die Bundesrepublik auf „Kriegstüchtigkeit“ eingestellt. Aufrüstung, Wehrpflichtdebatte, Rüstungsproduktion, Sozialabbau und Standortdisziplin stehen nicht einfach nebeneinander. Sie brauchen eine gesellschaftliche Stimmung, in der militärische Stärke wieder als vernünftiger Ausdruck nationaler Handlungsfähigkeit erscheint. Der Sport ist dafür nicht das wichtigste, aber ein besonders wirksames kulturelles Feld: Wo Millionen zusehen und Emotionen kollektiv werden, lässt sich nationale Gemeinschaft besonders niedrigschwellig herstellen.

Darum ist der Zusammenhang von WM und Militarisierung kein theoretischer Seitensprung. Er liegt im Gegenstand selbst. Internationale Länderspielwettbewerbe sortieren die Welt in Fußballnationen, lassen ihre Repräsentanten gegeneinander antreten und übersetzen Sieg und Niederlage in Gefühle kollektiver Größe oder Kränkung. Das ist nicht automatisch Kriegsvorbereitung. Aber wo der Staat seine Bevölkerung auf neue Opferbereitschaft einschwört, gewinnt diese Form an Bedeutung. Sie hilft, das nationale Kollektiv emotional zu verdichten. Aus Leuten mit gegensätzlichen Inte­ressen wird für ein paar Wochen ein „Wir“. Genau darin liegt ihre ideologische Brauchbarkeit.

Mit Sicherheit Repression

Die deutsche Fankultur kennt diese Zumutung aus dem eigenen Alltag in anderer Form. Zuletzt standen organisierte Fanszenen unter massivem Druck. Die Debatten um personalisierte Tickets, Überwachungssoftware, zentrale Stadionverbotskommissionen und neue Sicherheitsbefugnisse waren keine Betriebsunfälle überforderter Innenminister. Sie sind Teil einer politischen Großwetterlage, in der öffentliche Räume geordnet und kontrolliert sowie widerspenstige Kollektive diszipliniert werden sollen. Der organisierte Fußballfan gilt nicht deshalb als Problem, weil er statistisch das große Sicherheitsrisiko wäre. Er gilt als Problem, weil er organisiert ist, eigene Öffentlichkeiten herstellt und im Ernstfall handlungsfähig wird.

Die Leipziger Demonstration gegen die Pläne der Innenministerkonferenz zeigte diese Handlungsfähigkeit: Mehr als 50 Fanszenen und rund 20.000 Menschen traten gemeinsam für den Erhalt der Fankultur auf. Doch gerade der Erfolg stellte die entscheidende Frage schärfer: Wogegen richtet sich der Protest eigentlich? Gegen einzelne Maßnahmen, gegen populistische Innenpolitik, gegen übergriffige Verbände – oder gegen eine gesellschaftliche Entwicklung, die den Fußball als Testfeld für Kontrolle und Normalisierung nutzt? Viele Fans beantworten diese Frage praktisch oft weiter, als sie sie theoretisch formulieren. Sie gründen Fanhilfen, organisieren Rechtsschutz, verweigern Kollektivstrafen, kritisieren Polizeigewalt, verteidigen Pyrotechnik als Teil ihrer Kultur und bauen Gegenöffentlichkeit auf. Darin steckt zwar keine fertige Gesellschaftskritik, aber ein Erfahrungswissen über Herrschaft.

Kommerz, Teilhabe, Politik

Dieses Erfahrungswissen wäre für die WM 2026 produktiv zu machen. Nicht, indem man den Fans erklärt, was sie zu denken hätten, sondern indem man ihre konkreten Konflikte mit dem Weltereignis verbindet. Wer im eigenen Stadion erlebt, wie Politik aus Sicherheit eine Repressionssprache macht, kann leichter verstehen, was in den USA an der Grenze zu Mexiko passiert. Wer erlebt, wie Polizei, Medien und Verbände Gewalt selektiv erzählen und moralisch aufladen, kann leichter verstehen, warum der Weltsport bei Russland anders handelt als bei Israel. Wer erlebt, wie der Fußball unter dem Vorwand des Gemeinwohls kommerziell und sicherheitspolitisch zugerichtet wird, versteht eher, warum eine WM mit 48 Mannschaften und 104 Spielen zugleich globale Öffnung und gigantische Verwertungsmaschine ist.

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Gerade dieser Doppelcharakter ist wichtig. Die Erweiterung auf 48 Teams ist nicht nur Größenwahn. Für viele Länder des globalen Südens bedeutet sie tatsächlich mehr Sichtbarkeit, mehr Chancen und mehr Teilhabe an einem Turnier, die ihnen historisch lange vorenthalten wurde. Zugleich folgt die Ausweitung jedoch der bekannten FIFA-Logik: mehr Spiele, mehr Übertragungsrechte, mehr Sponsorenflächen, mehr Märkte, sogar mehr Ticketkategorien. Sepp Blatter, der selbst an diesem Monster mitgebaut hat, sagte Ende 2022, dass immer mehr aus der Zitrone gepresst werde.

Menschenrechte?

Hier liegt der tiefere Unterschied zur Katar-Debatte. Dort konnte sich die deutsche Öffentlichkeit leicht als Richterin aufspielen. Der moralische Zeigefinger zeigte nach Doha, während deutsche Politik und Wirtschaft längst gute Geschäfte mit dem Emirat machten. Katar war nicht außerhalb des Westens, sondern eng in dessen ökonomische und politische Inte­ressen eingebunden. Gerade deshalb erlaubte die Empörung Kritik ohne Selbstkritik. Man konnte über Menschenrechte reden und die eigene Verstrickung als Randnotiz behandeln.

Bei der WM 2026 wird diese bequeme Anordnung schwieriger. Kritik an den USA trifft nicht ein fremdes Außen, sondern den politischen und militärischen Hauptgaranten jener Ordnung, in der auch die Bundesrepublik ihren Platz sucht. Wer die Menschenrechtsfrage ernst nimmt, muss über Gefängnisse, Rassismus, Armut, Polizei, Migration und Krieg sprechen. Wer über Völkerrecht spricht, kann Israel nicht ausklammern. Wer Russland sportlich ausschließt und Israel willkommen heißt, setzt kein universelles Prinzip durch, sondern eine politische Rangordnung. Im globalen Süden wird das längst verstanden. Dort erscheinen westliche Menschenrechtsreden oft nicht als Universalismus, sondern als Sprache der Macht, die immer dann besonders laut wird, wenn sie gegen Gegner eingesetzt werden kann.

WM begreifen

Für organisierte Fußballfans in Deutschland ergibt sich daraus keine einfache Parole. Es wird keine einheitliche Boykottbewegung gegen die WM 2026 geben. Dafür ist die Distanz zur Nationalmannschaft in vielen Kurven zu groß und der konkrete Angriffspunkt weniger unmittelbar als bei Investoren, Verbandsstrafen oder Stadionverbotsrichtlinien. Viele Szenen werden das Turnier ignorieren und lieber auf die anstehende Innenministerkonferenz blicken. Politische Klärung beginnt oft dort, wo konkrete Zumutungen benannt werden.

Aber der nächste Schritt wäre, diese Zumutungen nicht nebeneinander liegen zu lassen. Die WM 2026 wirft nicht nur die Frage auf, ob die FIFA gierig, die USA rassistisch oder Deutschland scheinheilig ist. Sie stellt auch die Frage, ob die Fanbewegung aus ihren eigenen Kämpfen eine internationalistische Perspektive entwickeln kann. Der Kampf gegen personalisierte Tickets, Stadionverbote und Verbandsstrafen bleibt notwendig. Aber wenn diese Kämpfe nicht auf den gesellschaftlichen Zusammenhang zielen, bleiben sie in der Einzelfallbearbeitung stecken.

Das heißt nicht, aus jeder Auswärtsfahrt ein Seminar über Imperialismus zu machen. Es heißt, die eigene Erfahrung ernst zu nehmen. Fußballfans wissen, dass der Fußball nicht einfach ihnen gehört, nur weil sie ihn lieben. Sie wissen, dass Sicherheit oft Kontrolle meint, Dialog oft Befriedung, Vielfalt oft Vermarktung. Genau von dort aus lässt sich auch die WM begreifen: als schönstes Versprechen des Weltfußballs und als zuverlässigstes Schaufenster seiner Verhältnisse.

Linke Kritik

Die Antwort auf die Frage, wie organisierte Fußballfans in Deutschland zur WM 2026 stehen, fällt deshalb widersprüchlich aus. Sie stehen ihr mehrheitlich distanziert, skeptisch oder ablehnend gegenüber, aber selten mit einer ausgearbeiteten gemeinsamen Analyse. Ihre Stärke liegt in der Praxis, im kollektiven Widerspruch und in der Fähigkeit, konkrete Angriffe nicht einfach hinzunehmen. Ihre Schwäche liegt dort, wo diese Praxis noch nicht zu einer Kritik des Ganzen findet.

Eine linke WM-Kritik, die daran anschließen will, sollte daher nicht von oben herab dozieren. Sie muss am Gegenstand zeigen: Katar war kein Unfall. Nordamerika ist keine Rückkehr zur Normalität. Die FIFA ist kein korrupter Fremdkörper im ansonsten guten Fußball. Und die Weltmeisterschaft ist kein unpolitisches Fest, das leider in die falschen Hände geraten ist. Sie ist ein globales Ereignis, bei dem Fußball, Markt, Staat und Weltordnung zusammenkommen. Gerade deshalb lohnt es sich. Nicht um den Fußball schlechtzureden, sondern um zu begreifen, warum so viele ihn lieben – und warum diese Liebe gegen jene verteidigt werden muss, die daraus Geschäft, Ordnung und Zustimmung machen.

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"Verteidiger der Liebe", UZ vom 12. Juni 2026



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