Spartakiade und Bruch in der Arbeitersportbewegung

Die Rote Sportinternationale

Michael Rath

Die große Zeit des Arbeitersports nach dem Ersten Weltkrieg war von einem Ringen von sozialistischen und kommunistischen Ideen um die Frage geprägt, wie dieser zu organisieren sei – auch auf internationaler Ebene. Auf der einen Seite stand die sogenannte „Luzerner Sportinternationale“ (LSI) – später „Sozialistische Arbeitersport-Internationale“ (SASI) –, ihr gegenüber die „Rote Sportinternationale“ (RSI), die durch die Sowjetunion gefördert wurde. Nirgendwo wurde dieses Ringen so deutlich ausgetragen wie in der – mit Ausnahme Sowjetrusslands – größten Arbeitersportnation der Welt: dem Deutschland der Weimarer Republik. Die Verläufe der Abgrenzungen und Kooperationen waren dabei wesentlich vom Verhältnis von SPD und KPD bestimmt.

Die Rote Sportinternationale (RSI) gab ab September 1923 die Zeitschrift „Proletariersport – Organ für proletarisch-physische Kultur“ heraus. Darin wurde ausführlich über den Konflikt zwischen Luzerner Sportinternationale und der RSI berichtet sowie über die Arbeitersport-Bewegung in verschiedenen Ländern und wissenschaftliche Erkenntnisse über Sport und Gesundheit in der Sowjetunion.

Wenngleich von wechselnd intensiven Spannungen geprägt, betrieben beide Arbeiterparteien im ATSB (Arbeiter Turn- und Sportbund) gemeinsame Wettbewerbe. Auf der Fußballebene waren insbesondere Berlin und die Märkische Spielvereinigung die Hochburgen der kommunistischen Fußballklubs.
Mit der ersten – und letztlich einzigen – internationalen „Spartakiade“ 1928 in Moskau kam es zum Bruch: Die angestauten Auffassungsunterschiede über den Charakter des Arbeitersports ließen die leidlich zusammengehaltene Allianz in zwei Teile zerbrechen. Unter dem Begriff „Spartakiade“ fanden in der Zwischenkriegszeit eine Reihe unterschiedlicher Veranstaltungen mit je eigener Tragweite statt. Es gab regionale, nationale oder eben internationale kommunistische Sportfeste.

Mit pathetischen Gesängen erfolgte auf dem Bundestag des ATSB nach lyrischer Eröffnung der Ausschluss der kommunistischen Funktionäre und der Abbruch der Beziehungen zur KPD – die Teilnahme an der Moskauer Spartakiade wurde verboten. Im Vorfeld dieser radikalen Maßnahmen wurde als Begründung von Seiten der sozialistischen Funktionäre und vor allem von Seiten der „Luzerner Sportinternationale“, die dem Bundestag des ATSB in dieser Frage die Entscheidung vorgegeben hatte, immer wieder ins Feld geführt, dass die RSI den Sport „für politische Agitation“ missbrauche. Dieser „Vorwurf“ wurde in exakt diesem Wortlaut von bürgerlichen Sportverbänden gegen die Arbeitersportbewegung als solcher erhoben. Die kommunistischen Hochburgen Berlin und Brandenburg wurden radikal „gesäubert“.

1928 veranstaltete die Rote Sportinternationale (RSI) in Moskau eine internationale Spartakiade. Insgesamt nahmen etwa 4.000 Athleten teil. Im selben Jahr veranstaltete die RSI eine Winter-Spartakiade in Oslo. Auf der Eröffnungsfeier sangen 30.000 Menschen auf dem Roten Platz gemeinsam die „Internationale“, dirigiert vom 80-jährigen Franzosen Pierre Degeyter, der die Melodie der Arbeiterhymne 40 Jahre zuvor komponiert hatte.
Die zweite internationale Spartakiade sollte 1931 unmittelbar vor der Wiener Arbeiterolympiade in Berlin stattfinden, wurde aber verboten und konnte als „Internationales Sommerfest des Arbeitersport-Kulturkartells“ nur teilweise und mit wenig Öffentlichkeit ausgetragen werden. Im Anschluss daran reiste eine internationale Delegation von „Rotsportlern“ nach Moskau und wohnte dort mehreren Sportveranstaltungen bei.

Das hatte zur Folge, dass sich einerseits kaum sozialistische Funktionäre fanden, um die ausgeschlossenen Kommunisten in der Verbandsarbeit zu ersetzen, andererseits verblieben nach der Verbandsspaltung kaum Vereine im nun rein sozialistischen ATSB. Die Vorgänge werden in der hervorragenden Arbeit von Christian Wolter geschildert, die unter dem Titel „Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg 191 – 1933“ im Arete Verlag erschienen ist.
Auch in Österreich, wo die Kommunistische Partei weder die personelle Stärke noch die politische Relevanz der KPD besaß, erschütterte die Entscheidung der LSI den Arbeitersport. Die Österreicher waren es, die den Antrag gestellt hatten, die Sportbeziehungen zur Sowjetunion abzubrechen. Der ASKÖ (Arbeiterbund für Sport und Körperkultur, vergleichbar dem ATSB) zog dennoch als Ausrede für den Abbruch der Sportbeziehungen die Entscheidung der LSI heran, die der ASKÖ- und LSI-Vorsitzende Julius Deutsch maßgeblich mit herbeigeführt hatte. Vor allem aus Wien und Niederösterreich hatten sich jedoch Teilnehmer an der Moskauer Spartakiade angekündigt. Diesen wurde mit Ausschluss aus dem Arbeitersportverband gedroht, was über 60 von ihnen nicht abzuschrecken vermochte.

Für den untersagten Sportverkehr mit der Sowjetunion wurden pragmatische Lösungen gefunden und sowohl Vereine als auch Landesverbände bestritten unter großer Zuschaueranteilnahme internationale Begegnungen – so fanden im Herbst 1928 sowohl ein „Länderspiel“ Österreichs gegen die/eine sowjetische Auswahl statt, als auch Spiele der Landesauswahlen von Steiermark und Niederösterreich gegen diese. Unmittelbar vor der Spartakiade hatte die Niederösterreichische Arbeiterauswahl noch eine Sowjet-Tournee unternommen. 1929 wurden auch diese Beziehungen untersagt.

Auf Verbandsebene kam es – in Ermangelung rein kommunistischer Vereine – in Österreich zu keiner Änderung, in Deutschland hingegen wurden fortan eigene Meisterschaften ausgetragen. Der Dresdener SV von 1910 kann sich somit sowohl Meister des ATSB (1924, 1925, 1926, 1927) als auch der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit (1931) nennen. Als der Faschismus den Arbeitersport in den vormaligen Hochburgen ausgelöscht hatte, wurde im Rahmen der Volksfrontpolitik (7. KI im August 1935) die Sowjetunion auch Teilnehmer an der letzten Arbeiterolympiade der LSI/SASI in Antwerpen 1937. Aus Italien, Spanien, Österreich und Deutschland konnten daran nur mehr „Exilantenteams“ teilnehmen.

Diese Karikatur aus der ersten Ausgabe der RSI-Zeitschrift „Proletariersport“ zeigt den Streit zwischen RSI und LSI, den beiden internationalen Organisationen der Arbeitersportbewegung. Die „Luzerner Sport-Internationale“ (LSI), im September 1920 gegründet, residierte – wie der Name besagt – in Luzern. Die „Rote Sportinternationale“ wurde im Juli 1921 in Moskau gegründet.

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"Die Rote Sportinternationale", UZ vom 23. Juli 2021



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