Die Ausstellung „Der andere Fußball“ widmet sich dem Arbeitersport

Dem Vergessen entrissen

Gabriel Bauer

Die U1 entlässt mich direkt im einst schlagenden Herzen der Industriestadt Nürnberg. Auf der einen Seite ist der Infarkt noch zu sehen: Das ehemalige Quelle-Gelände wird entkernt und die tausende Quadratmeter für eine neue Nutzung vorbereitet. Auf der anderen Seite ist aus den ehemaligen Fertigungshallen der AEG bereits ein neues Zuhause für den Dienstleistungssektor geworden. Zigtausende Industriearbeitsplätze, nur noch als Erinnerung an vergangene Zeiten. Die leeren Hallen der AEG-Produktion wurden mittlerweile mit vielen kleinen Läden gefüllt. Neben Sushi und Tanzschuhen lädt ein städtisches Kulturzentrum zum Besuch ein. Dort fand vor zwei Monaten noch die linke Literaturmesse statt.

Betrete ich nun das Eingangsfoyer, erwartet mich der gleiche Ort sehr viel aufgeräumter. Statt hunderter wuselnder Leser sind mit mir nur noch zwei Techniker in den Räumen unterwegs. Die Ausstellung im modernen Design passt gut in diesen Stadtteil. Es geht um vergangene Zeiten, nur Eingeweihten bekannt. Eine einst große Arbeitertradition – hier wird sie nun dem Vergessen entrissen: Der organisierte linke Arbeitersport – und Fußball.

Die Sonderausstellung „Der andere Fußball. 100 Jahre Arbeiterfußball – 125 Jahre Arbeitersport“ macht in Nürnberg halt. Seit 2018 leiht der gemeinnützige Verein „Paderborner Kreis“ seine Ausstellungen in der Republik aus. Im letzten Jahr wurde sie nochmal überarbeitet und erweitert. Sporthistoriker und -wissenschaftler haben sich in mehrjähriger Recher-chearbeit auf die Spuren der Arbeiterfußballer begeben und eine Vielzahl an Dokumenten, Fotos, Statistiken und Geschichten zusammengetragen.

Auf 19 Roll-ups oder für den Couchleser auch in einer nicht minder schön gestalteten Broschüre lässt sich der Geschichte des Arbeitersports nachspüren. Von der Geburt des Arbeiter-Turnbundes (ATB) 1893 an, der sich aus der bürgerlichen Sportwelt emanzipieren musste, um dann in den 1920er Jahren die politischen Konflikte zwischen Sozialdemokratie und Revolutionären auf seinem Spielfeld auch als Spaltungsgeschichte zu erfahren.

Es ist das große Verdienst dieser Ausstellung, Vereine dem Vergessen zu entreißen, die ein Teil unserer Geschichte sind. Freie Turnerschaft München-Gern 1907? SV Sparta 1911 Lichtenberg? Dresdner SV 1910? ASV Frankfurt-Westend 96? Ich vermute, euch geht es wie mir – noch nie gehört. All diese Vereine waren Finalisten in den eigenen ATSB-Meisterschaften. Wie damals üblich, wurden auch beim Arbeiterfußball die Spiele in Kreisen und Bezirken gespielt, die dortigen Meister duellierten sich im Turnier, um dann final den Bundesmeister (1920 bis 1932) auszuspielen.

Was machte den Arbeiterfußball neben seiner sozialen Verankerung besonders? Er war entgegen dem bürgerlichen Nationalismus internationalistisch angelegt. Neben internationalen Vereinsspielen in Mitteleuropa spielte auch eine deutsche Länderauswahl in der Sowjetunion mehrere Turniere. Der Arbeitersport zeichnete sich daneben durch einen besonderen Blick auf Fairness aus: Das Attackieren des Torwarts war hier schon Jahrzehnte, bevor das bürgerliche Pendant auf die Idee kam, tabu.

Zwei große Wände mit den Publikationen der Arbeitersportpresse runden die Ausstellung ab. Objekte gibt es leider keine zu bestaunen, aber das mindert den bereichernden Eindruck kein bisschen. Denn die Ausstellung knüpft mit einem eigenen Ausstellungsbereich an die traditionsreiche Arbeiterstadt Nürnberg an, wo heute noch mindestens 15 Vereine ihre Wurzeln in der Arbeitersportbewegung haben. Mit einer eigenen Broschüre zum Arbeiterfußball in Nürnberg hebt sie das Wissen um den ersten Bundessieger, den TSV 1895 Fürth, und die Austragungsstätte des 2. Deutschen Arbeiter-, Turn- und Sportfestes 1929, das nicht nur sportlich, sondern auch politisch von besonderer Bedeutung war.

Es sind die vielen Details, die einen staunend zurücklassen. Falls ich nun euch nicht nur staunend, sondern auch noch wissensdurstig zurücklasse: Die Broschüre ist für 7 Euro bundesweit zu erwerben.

Ich trete aus dem neuen Kulturzentrum mit Blick auf die Baustelle des alten Quelle-Geländes und hoffe, dass es den gleichen Weg gehen möge wie der Arbeitersport: Mit neuem Leben gefüllt. Ohne Kommerz, fair und internationalistisch.


Der andere Fußball

Eine Ausstellung des „Paderborner Kreis“ – Arbeiterfußball e.V. in Nürnberg auf Einladung der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur, der Kulturwerkstatt Auf AEG, des Kulturbüros Muggenhof, des Fanprojekts Nürnberg und des Lernzentrums „Kopfball“.

Öffnungszeiten: Montag 9 bis 17.30 Uhr, Dienstag bis Freitag 9 bis 20 Uhr; darüber hinaus zu den Öffnungszeiten der Hausgastronomie „Zum Tellerrand“
Broschüren unter arbeiterfussball.de

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"Dem Vergessen entrissen", UZ vom 28. Januar 2022



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