Zur China-Reise des Bundespräsidenten

Demütigungen

Frank-Walter Steinmeier hat seine letzte von acht China-Reisen beendet – jedenfalls die letzte als Bundespräsident. In Peking wurde er mit der Ehrenprofessur der dortigen Universität bedacht und hielt eine längere Rede. Die beinhaltete zwar auch die üblichen Klagen über angeblich subventionierte chinesische Produkte, die drohten, der deutschen Industrie den Boden zu entziehen, beinhaltete aber auch einige darüber hinausweisende Aspekte.

Der Bundespräsident war vor seiner Rede in der Provinz Anhui, in der VW sein dortiges Hauptwerk hat. Er habe dort, so Steinmeier, auch die historische Residenz des einstigen „Staatsmannes“ Li Hongzhang besucht. Der steht in der chinesischen Geschichtsschreibung allerdings für das Jahrhundert der Demütigungen, der ungleichen Handelsverträge, der düsteren Jahre, in denen die westeuropäischen Kolonialmächte China ausplündern und unter sich aufteilen wollten, wie sie vorher Afrika ausgeplündert und unter sich aufgeteilt hatten. Das ist ihnen fast gelungen – wäre unter der Führung der Kommunistischen Partei nicht nach 1949 ein Kurs eingeschlagen worden, der dem chinesischen Halbkontinent das Schicksal des afrikanischen Kontinents ersparte.

Steinmeier bezog sich mit folgenden Worten auf diese Periode: „Li Hongzhang … war Staatsmann in einer Zeit tiefgreifenden Umbruchs. Die alte, dynastische Ordnung ging ihrem Ende entgegen – in China und auch in meinem Land. Industrialisierung und neue Technologien versetzten Menschen und Länder in ein nie gekanntes Tempo des Fortschritts. Es ging darum, den Anschluss nicht zu verlieren – und zugleich das Eigene zu bewahren. Kommt uns das heute bekannt vor?“

Die Ahnung und Furcht, gerade den Anschluss zu verlieren und selbst am Beginn von Jahrzehnten der Demütigungen zu stehen, wurde beim anschließenden Gespräch mit Ministerpräsident Li Qiang noch deutlicher. Dort ließ Steinmeier zunächst dem Chef des Bundesverbandes der Industrie, Peter Leibinger, den Vortritt. Der gab zu, dass Deutschland inzwischen auf vielen Feldern nicht mehr „Lehrer“, sondern „Schüler“ Chinas sei. Fast ins bettelnde Jammern geriet anschließend Dirk Jandura, Präsident des deutschen Großhandelsverbandes. Er mahnte China, sich „nicht zu Tode zu siegen“, denn wenn die Industrie der EU zusammenbreche, werde der „Kontinent“ auch für chinesische Waren ausfallen. Liefe er nicht wie fast alle Kapitalvertreter hierzulande, mit einem Brett vor dem Kopf durch die Welt, würde er sehen, dass in dem größten europäischen Land – also Russland – der Markt für chinesische Waren nicht wegbricht, sondern aufblüht. Dort haben chinesische Autos die früher dominierenden Marken Volkswagen und Benz ersetzt und chinesische Waschmaschinen die von Miele und anderen deutschen Marken.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie tiefgreifend sich gegenwärtig die Kräfteverhältnisse der Welt verschieben – dieser Besuch hätte ihn geliefert. Wer sich diesem „Wind of change“ entgegenstemmt, wird hineingeblasen in ein Zeitalter, das Steinmeier mit seiner Frage „Kommt uns das heute bekannt vor?“ schon ahnt. Wer auf den gesamten europäischen Kontinent schaut und ihn nicht mit seiner westlichen Hälfte verwechselt, würde die Chancen erkennen, die ein Kurs auf Partnerschaften des eurasischen Doppelkontinents statt auf Konfrontation mit Russland und China hätte. Steinmeier ist zu feige, um ihn energisch zu fordern – aber dieses „eher kleine Land“, wie er in Peking Deutschland zu Recht bezeichnete, könnte so den drohenden Jahrzehnten der Demütigungen entgehen.

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"Demütigungen", UZ vom 6. November 2026



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