Was vor Wochen am Lycée Antoine de Saint-Exupéry in Créteil als Schülerprotest gegen Miseren in der Bildungspolitik begann, hatte bald ganz Frankreich erfasst. Es fand die Unterstützung von Studenten, Lehrern, Arbeitern, Landwirten, Gewerkschaftern, Kommunalpolitikern, Gelbwesten. Wer die Ideale der französischen Revolution in den Schraubstock spätkapitalistischer Interessen gepresst und der Jugend – Erbin der Zukunft – keine Aussicht auf Chancengleichheit in einem friedlichen und sozial gerechten Leben eröffnet hat, der reibt sich nun vor den Barrikaden aufgestauter Empörung die Augen.
Der Elysée bebt in traumatischer Erinnerung an den Mai ’68, kriminalisiert die sozialen Anliegen und schickt zur vermeintlichen Problemlösung seine Polizei ins Gefecht. Die schlug von Anfang an mit äußerster Härte zu. Eltern stellten sich schützend vor ihre Kinder. Am dritten Oktoberwochenende demonstrierten bereits 800.000 Franzosen gegen verschlechterte soziale Verhältnisse – nicht mehr nur im Bildungswesen. Lauter wurde der Protest gegen die explodierenden Lebenshaltungskosten, das anwachsende Gefälle zwischen Arm und Reich, gegen Kürzungen im Sozialbereich angesichts obszön steigender Rüstungsausgaben. Dieser Zusammenschluss sozialer Kämpfe ist ein klares Votum gegen das abgewirtschaftete System Macron. Er polarisiert zugleich die Debatten vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen. Rechtskandidatin Marine Le Pen gibt sich staatstragend als künftige Hüterin der Ordnung. Ihre „Ordnung“ aber wäre nur das alte kapitalistische Machtspiel im Gewand vermehrten nationalistischen und ausländerfeindlichen Dünkels. Linkskandidat Jean-Luc Mélenchon, unisono angefeindet von den Siegelbewahrern der überlebten Verhältnisse, kann indes in den massenhaft erhobenen Forderungen der Protestierenden den Extrakt des Parteiprogramms von „La France insoumise“ erkennen. Das weckt Hoffnungen auf Veränderung, zumal man hört, dass sich viele Jugendliche als Erstwähler auf Mélenchons Seite schlagen wollen.

Das Aufbegehren der jungen Franzosen elektrisierte die Welt. Massenproteste für ein besseres Leben, vor allem von der Jugend initiiert, fanden inzwischen auch in Albanien, Belgien, Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, den Niederlanden, Spanien und Portugal statt. Und so verharrt nicht allein Frankreichs Machtapparat in höchster Alarmstimmung. Wo die Basta-Jugend einen Wind of Change anbläst und große Teile der Bevölkerung ihre Forderungen teilen, greifen die nervösen Regentschaften zu Lüge und Repression. Sie wissen, dass die Proteste, auf gleiche Erfahrungen gegründet, ins Prinzipielle gehen, am System rütteln. Die Jugend kämpft um ein friedliches, lebenswertes Heute und Morgen. Hat die Erbin der Zukunft begonnen, altes schicksalhaftes Erbgebaren zu überwinden, und weigert sich fortan mit Vehemenz, einfach hinzunehmen, was unfaire Gesellschaftsverhältnisse ihr zumessen? Diese Entschiedenheit ist der hier wie dort dysfunktional regierten Gesellschaft, die nur durch eine Zeitenwende von unten genesen kann, dringend zu wünschen.
Am 31. Oktober sind auch in vielen deutschen Städten Jugendliche auf die Straße gegangen. Schon die Aufrufe dazu wurden vom Regierungslager mit Alarmismus und Drohkulissen attackiert. Das mag Zögernde noch einmal eingeschüchtert haben. Aber was in Fortsetzung der Schulstreiks gegen die Wehrpflicht in Deutschland zweifellos an Zulauf und Kraft gewonnen hat, bleibt in Bewegung. Neue Proteste sind angekündigt und haben die Potenz, generationsübergreifend die Forderung der Menschen nach Frieden und sozialem Fortschritt zusammenzuführen. Schüler, Studenten, Arbeiter, Bauern, Selbstständige, Angestellte, Rentner gemeinsam auf den Straßen und Plätzen, einig in der Überzeugung: Ein Weiter-so darf es nicht geben. Wer im Regierungsgeschäft fertig hat, zittert und strickt an Repressionen. Wer Europa eine bessere Zukunft geben will, hört hin und kämpft.

