Zum Rückzug der US-Truppen aus dem Irak

Der Anfang vom Ende

Es ist eine Art Beisetzung auf Raten. Das ambitionierte „Greater Middle East“-Projekt der US-Neokonservativen, der Versuch, die gesamte Region von Nordafrika bis Pakistan und von Somalia bis Kasachstan unter die Kontrolle des US-Imperiums zu bringen, ist längst gestorben. Der „Global War on Terror“ (GWOT), mit dem dieses Projekt vorangetrieben werden sollte, hat in keinem der betroffenen Länder zu einer stabilen pro-amerikanischen Lage geführt. Donald Trump hatte es auf den kurzen Nenner gebracht: „Wir haben 7 Billionen US-Dollar ausgegeben und keinen Tropfen Öl gesichert.“ Er hätte hinzufügen können: „Wir haben uns stattdessen die gesamte muslimische Welt zu Feinden gemacht. Und nicht nur sie.“

Dennoch geistert dieser Untote weiterhin durch die Großregion und verhindert, so gut er kann, eine konstruktive, prosperierende und zukunftsorientierte „Nach-GWOT-Ordnung“. In der Sache ist die von Joseph Biden nun verkündete Beendigung des Kampfeinsatzes im Irak kaum mehr als eine PR-Aktion. Der innenpolitische Druck auf Biden zum Rückzug ist begrenzt. Die aggressivste Kriegspartei im US-Kongress, die Demokraten, haben in beiden Kammern die Mehrheit. Und dennoch signalisiert diese Entscheidung, ebenso wie der verkündete Rückzug aus Afghanistan, eine wichtige Wegmarke zu einer eigenständigen Entwicklung des Nahen/Mittleren Osten. Wie die Vietnamisierung des Vietnamkriegs signalisiert auch die Irakisierung des Irakkrieges den Anfang vom Ende.

Die US-amerikanische Geostrategie hat die Region längst abgeschrieben. Eine aktive Militärpräsenz an Russlands Westgrenze, im Nahen und Mittleren Osten und in den chinesischen Grenzgewässern ist für das Imperium nicht mehr erfolgreich zu leisten. Mit den Rückzugsbewegungen kommt das gesamte US-Militärgefüge in der Region in Bewegung. Die chinesische und russische Diplomatie bemüht sich intensiv, die Chancen, die in dieser Entwicklung liegen, zu nutzen. Ein wieder souveränes Afghanistan, ein Ende des Krieges in Irak und Syrien würden immense Möglichkeiten für eine kooperative, friedliche Entwicklung bedeuten. Nach mehr als einem Jahrhundert westlicher Vorherrschaft, Krieg, Zerstörung und einseitiger Entwicklung könnte eine Renaissance eines souveränen, prosperierenden Orients an den Knotenpunkten einer wiederbelebten Seidenstraße als Vision neu entstehen.

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"Der Anfang vom Ende", UZ vom 6. August 2021



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