Die Imperialisten haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihr Hauptfeind die Kommunisten sind. Das war in der jungen Bundesrepublik nicht anders. Der „Kremlspion“ Richard Sorge wird in Artikeln und Büchern der 1950er Jahre deshalb als amoralischer Säufer, frauenverachtender Macho und zum Abenteuer neigender Vaterlandsverräter dargestellt. Die sowjetischen Sicherheitsorgane waren daran nicht ganz unschuldig. Erst Mitte der 1960er Jahre kam einiges über den Helden der Sowjetunion ans Tageslicht. Wer war also Richard Sorge, der in der DDR verehrt und im Westen verächtlich gemacht wurde?
Am 22. September 1895 bei Baku als Kind eines deutschen Vaters und einer russischen Mutter geboren. 1898 nach Berlin gezogen, Oberrealschule, Kriegsfreiwilliger, ab 1918 Studium in Kiel und Hamburg, Promotion, Zeitungsschreiber. Ab 1924 Arbeit für die Kommunistische Internationale und ab 1929 für den sowjetischen Militärgeheimdienst GRU in Asien. Am 7. November 1944 in Tokio grausam hingerichtet.

Jörg Becker hat sich in seinem Buch „Der spätere Spion Richard Sorge“ die Lebensjahre von 1918 bis 1924 vorgenommen. Dieser Zeitabschnitt war wichtig für die zukünftige Persönlichkeit des Kundschafters: Als Sorge sich 1918 an der Kieler Universität einschrieb, hatte er schon einen Weltkrieg und einige Verwundungen hinter sich. Dort traf der junge Linke, der schon Marx und Engels gelesen hatte, nicht nur auf die revolutionären Matrosen, sondern auch auf seinen wissenschaftlichen Mentor und Freund Kurt Albert Gerlach. Obwohl Sorge eigentlich Medizin studieren wollte, belegte er ökonomische und philosophische Seminare und Vorlesungen. Er folgte Gerlach, der einen Ruf als Professor in Hamburg erhielt und promovierte noch im selben Jahr. In der Hansestadt wurde er Mitglied der USPD und trat wenige später mit der gesamten Bezirksorganisation zur KPD über. In diesem Zusammenhang lernte Sorge auch Ernst Thälmann kennen. Er organisierte Schulungen und hielt Vorträge vor Arbeitern. Seine charismatische Art half ihm dabei. Er fand schließlich eine Anstellung als Journalist der KPD. 1924 ging er schließlich nach Moskau zum Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI). 1929 begann seine Tätigkeit für die Militäraufklärung der Sowjetunion.
Dem theoretischen Erbe Sorges widmet sich Becker ab Seite 219. Die hinterlassenen Schriften, soweit sie ausfindig gemacht werden konnten, dokumentiert der Autor ab Seite 315. Besonders spannend sind die selbst verfassten Lebensläufe, wenn man die Umstände der Abfassung in Betracht zieht. Etwas überrepräsentiert sind die Schriften seiner Exfrau Christiane, allerdings ist sie für Becker eine wichtige Quelle, um den Menschen Sorge darstellen zu können.
Man erfährt aus diesem Buch vieles, was man so noch nicht über Richard Sorge, den klugen Kopf, einen den Sinnesgenüssen zugeneigten Kommunisten und Kämpfer gegen Faschismus und Krieg, bisher nicht wusste. Man erfährt aber auch viel über Menschen in jener Zeit und über die Lebens- und Kampfumstände Anfang der 1920er Jahre. Auch darin sehe ich einen großen Nutzen, der das Buch empfehlenswert macht.
Jörg Becker:
Der spätere Spion Richard Sorge 1918 – 1924
PapyRossa Verlag, 2026, 680 Seiten, 36 Euro







