Ein Gespräch mit Christel Buchinger über „Der Kommunismus“ von Domenico Losurdo – Teil 1

Dualismus der Freiheiten

Im Dezember vergangenen Jahres erschien im PapyRossa-Verlag posthum das Buch „Der Kommunismus – Geschichte, Erbe und Zukunft“ des 2018 verstorbenen italienischen Philosophen Domenico Losurdo. UZ sprach mit Christel Buchinger, die das Werk aus dem Italienischen übersetzt hat, über das Buch und seine Entstehungsgeschichte.

Im ersten Teil des Gesprächs geht es um den Liberalismus, die bürgerlichen Freiheiten und die Aufhebung beider durch den Kommunismus. Teil 2 veröffentlichen wir in der nächsten Ausgabe von UZ.

UZ: Das Buch konnte von Losurdo nicht mehr fertiggestellt werden, er hat offensichtlich bis kurz vor seinem Tod 2018 daran gearbeitet. Giorgio Grimaldi hat die Edition besorgt. Auch für dich als Übersetzerin bestimmt eine besondere Herausforderung! Was weißt du über die Arbeit an der Edition und wie war die Aufgabe für dich?

Christel Buchinger: So, wie das Manuskript auf dem Schreibtisch von Domenico Losurdo gefunden wurde, war es – nach Aussage Grimaldis – so gut wie abgeschlossen. Interessant dürfte sein, dass es als Teil eines großangelegten Projekts gedacht war, zu dem auch der bereits erschienene Band zum „Westlichen Marxismus“ gehört und das noch um einen Band über China und die Probleme bei der Verwirklichung einer postkapitalistischen Ordnung erweitert werden sollte. Losurdo hatte dafür ein Kapitel mit dem Titel „Über China nachdenken, den Postkapitalismus neu denken“ aus dem vorhandenen Manuskript herausgenommen.

Ich hätte niemals mein Schwert für die Sache Amerikas gezogen, wenn ich geahnt hätte, dass ich damit ein Land der Sklaverei gründen würde!

Marquis de La Fayette, französischer Aufklärer, der im Unabhängigkeitskrieg an der Seite der USA kämpfte

Leider haben wir in Bezug auf China somit nur verstreute und ältere Aussagen von ihm zur Verfügung. Die „Schüler“ von Losurdo, zu denen ja auch Grimaldi gehört, arbeiten aber weiter an seinem Nachlass – insofern können wir hoffen, dass noch eine kritische Veröffentlichung zu China erscheint. Und für mich als Übersetzerin? Nicht nur als Übersetzerin fände ich es natürlich wunderbar, wenn Losurdo noch unter uns weilen würde. Hin und wieder tauchen in einem Text Stellen auf, die mehrdeutig sind, und man könnte nachfragen, ob man sie richtig erfasst und übersetzt hat. Aber ich habe fast alles von Losurdo gelesen, eines der Bücher lektoriert und nun das zweite übersetzt – man gewöhnt sich an einen Autor und kennt seinen Stil immer besser.

UZ: In „Der Kommunismus“ greift Losurdo zahlreiche Thesen aus älteren Arbeiten wieder auf. Er analysiert etwa den Liberalismus, der einst fortschrittlich im Kampf gegen den Feudalismus war und dann repressiv wurde. Wo sieht er die Umschlagspunkte?

Christel Buchinger: Richtig, es gibt mehrere Themen, die Losurdo immer wieder aufgreift und weiterführt. Dazu gehören der Liberalismus und der Marxismus, der Kommunismus und die Linke im weiteren Sinne. Wenn ich es richtig sehe, waren die erste größere Auseinandersetzung mit dem Liberalismus das nicht sehr verbreitete, weil teure Buch über „Hegel und die Freiheit der Modernen“ und natürlich vor allem „Freiheit als Privileg“.

Losurdo kritisiert den Liberalismus nicht erst ab einem bestimmten Umschlagspunkt, sondern von Anfang an, denn schon in dessen – fortschrittlichem – Kampf gegen die Feudalordnung zeigte sich die von ihm so genannte „Herrenmenschen-Demokratie“. Sowohl die Vertreter des britischen als auch des US-amerikanischen Liberalismus sahen demokratische und politische Rechte nur für eine kleine Gruppe der Gesellschaft oder des Staates vor. Zwei große Gruppen waren von vornherein und hermetisch ausgeschlossen: Es handelte sich um die Sklaven beziehungsweise die Menschen in den Kolonien und um die Frauen. Nur die Französische Revolution zu Zeiten nahm sich die Befreiung auch der Sklaven in den Kolonien vor. Nach dem Sklavenaufstand in Haiti erklärte die Nationalversammlung die Sklaverei für beendet, was dann von Napoleon wieder zurückgenommen wurde.

UZ: Losurdo analysiert, dass Ende des 19. Jahrhunderts einige liberale Elemente des Kommunismus übernahmen. Was ist damit gemeint?

Christel Buchinger: Es war die Brutalität der kolonialen Expansion und des heraufkommenden Imperialismus, die Teile der liberalen Intelligenz in Nöte stürzte und verunsicherte. Schließlich waren es die Gründung der II. Internationale und der Einfluss des Marxismus, der bei Leonard Hobhouse Auswirkungen zeigte und stärker noch bei John Hobson. Sie sind – nach Losurdo – Vertreter des Liberalsozialismus oder der englischen liberalen Linken. Es ist bei uns wenig bekannt, dass sie vehement und leidenschaftlich den Imperialismus und Kolonialismus kritisierten, der für die Entfesselung totaler Kriege und Völkermord verantwortlich ist. Das betrifft in Italien auch Norberto Bobbio und Carlo Rosselli. Letzterer verteidigt die Oktoberrevolution gegenüber den italienischen Reformisten. Wenn Lenin in Bezug auf Hobson schrieb, dass dieser ein „nützliches Buch über den Imperialismus“ geschrieben habe und diesem die Verlogenheit Karl Kautskys gegenüberstellte, so stellt Losurdo fest, dass Hobson Lenin viel näher stand als Eduard Bernstein. Letzterer lobte die Wohltaten des Kolonialismus über den grünen Klee und wollte das Elend in Europa durch die Plünderung der Kolonien bekämpfen. Bernstein machte dabei auf „viele nahrhafte und würzige Erzeugnisse“ aufmerksam, die „in den Kreis der Genussmittel des Volkes eingegangen sind“. Losurdo bezeichnet diese Haltung einiger Protagonisten der II. Internationale – in Anlehnung an die „Herrenmenschen-Demokratie“ – als „Herrenvolk-Sozialismus“. Dieser tritt schon bei den französischen Frühsozialisten Henri de Saint-Simon und Charles Fourier auf, die einst die Idee hatten, französische Arbeiter in Algerien auf geraubtem Land der Araber anzusiedeln, um dort sozialistische Gemeinschaften aufzubauen. Dieser „Herrenvolk-Sozialismus“ wurde schließlich in den jüdischen Kibbuzim auf palästinensischem Boden verwirklicht.

UZ: Kritisch sieht Losurdo die Geringschätzung der bürgerlichen Freiheiten in der kommunistischen Theorie und ihre Umsetzung in den sozialistischen Ländern. Was meint er damit genau?

Christel Buchinger: Das ist ja einer der Hauptvorwürfe gegen den Realsozialismus, dass er totalitär sei, die Freiheit mit Füßen trete und die Menschenrechte missachte. Das wird auch gern als „Stalinismus“ bezeichnet. Den Vorwurf des Totalitarismus weist Losurdo zurück. Aber er arbeitet heraus, dass Kommunisten in der Tat dazu neigten, die sogenannte Libertas minor, die als bürgerliche bezeichnet wird, als lediglich formale Freiheit geringzuschätzen. Er stellt dem entgegen, dass die klassischen Liberalen diese negative Freiheit als die eigentliche Freiheit begriffen – jene, die die unantastbare Autonomie des Individuums sichert und dies auch dann, wenn das unantastbare autonome Individuum von Bildung, Gesundheit, Arbeitseinkommen und Freizeit ausgeschlossen ist. Besonders interessant ist aber, dass Losurdo auf den Widerspruch hinweist, dass die Kommunisten in ihrer Praxis die konsequentesten Kämpfer für formale Freiheiten waren. Als Beispiel nennt er den Kampf für Bürgerrechte für die schwarzen und farbigen US-Amerikaner und die Ureinwohner. Sie kämpften in den Südstaaten, wo die Rassenmischung noch in den 1950er Jahren verboten war, für das Recht der freien Partnerwahl – eines der wichtigsten bürgerlichen Rechte. Gleichzeitig betrachteten sie gerade diese formalen Freiheiten als minderwertig, obwohl sie in diesen Freiheitskämpfen nicht selten ihr Leben opferten. Und haben nicht Ho Chi Minh, Fidel Castro, Mao Zedong, Patrice Lumumba und viele andere Kämpfer im Globalen Süden als Freiheitskämpfer begonnen, bevor sie Kommunisten wurden? fragt Losurdo. Die Unterstützung des antiimperialistischen Freiheitskampfes durch die Sowjetunion, China und die DDR war eine Unterstützung des Kampfes um formale Freiheiten für die Kolonien und die Bevölkerung der Kolonien! Die Kritik an der Beschränktheit der bürgerlichen Freiheit, die am Fabriktor endet und gut mit Sklaverei und Kolonialismus leben konnte und selbst in den Mutterländern bis vor gar nicht langer Zeit die Hälfte der Bevölkerung – nämlich die Frauen – von wirtschaftlichen und staatsbürgerlichen Rechten einfach ausschloss, ist notwendig. Aber es geht nicht, sie als formale Freiheit einfach abzutun. Losurdo sagt, dass auf diese Weise die Praxis der Kommunisten, die den Kampf um Bürgerrechte einschließt, sich als aufgeklärter erweist als ihre Theorie – in vielen Fällen jedenfalls.

UZ: Mit welchen Argumenten begegnet Losurdo dem Vorwurf des Totalitarismus in der Sowjetunion?

Christel Buchinger: Losurdo weist darauf hin, dass es sich bei der Sowjetunion in den 1930er Jahren und danach um einen „Kriegsführungsstaat“ in Erwartung eines totalen Krieges handelte. Er zitiert dazu den US-amerikanischen Wissenschaftler und Professor an einer Militärakademie James J. Schneider mit der Aussage: „Der sowjetische ‚Kriegsführungsstaat‘ und der Stalinismus sind im Wesentlichen ein und dasselbe.“ Seine Entstehung und Durchsetzung erklärt sich nicht aus ideologischen, sondern aus rationalen Motiven – aus der Rationalität des Krieges. Der Totalitarismus ist keine stalinistische Erfindung, sondern entstand in der Vorbereitung des Ersten Weltkriegs und seinem ausgeprägten Militarismus. Die massive und umfassende Bedrohung der Existenz der Sowjetunion durch den deutschen Faschismus erklärt vieles von der Erscheinung, die gemeinhin „Stalinismus“ genannt wird.

Und dass es mit der Aburteilung von Stalin nicht so einfach geht, hat Losurdo ja schon in seinem Buch „Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende“ gezeigt. So hat Stalin 1952 beim 19. Parteitag der KPdSU gesagt: „Das Banner der bürgerlich-demokratischen Freiheiten ist über Bord geworfen. Ich denke, dass Sie, die Vertreter der kommunistischen und demokratischen Parteien, dieses Banner werden erheben und vorantragen müssen, wenn Sie die Mehrheit des Volkes um sich versammeln wollen. Es gibt sonst niemand, der es erheben könnte.“

UZ: Wo sieht Losurdo das Problem in der marxistisch-leninistischen Theorie?

Christel Buchinger: Den Fallstrick sieht er in der verbreiteten Hoffnung auf das Absterben des Staates nach der Revolution. Stirbt der Staat ab, braucht man keine Rechte, die einen vor dem Staat schützen und die dann ohnehin hinfällig werden können. Die unzureichende Durchdringung der Dialektik der Freiheiten ist eine Schwachstelle des Kommunismus – und diese ist durch eine einfache Verschmelzung der einen mit der anderen Freiheit, wie sich das die Liberalsozialisten in ihrer Kritik dachten, nicht auszubessern. Bis heute ist der Kommunismus in diesem Dualismus der Freiheiten gefangen und bleibt dadurch angreifbar gerade durch jene, die bereit sind, jede Freiheit mit Füßen zu treten, wenn es um ihre Hegemonie und ihren Profit geht. Dabei geht es darum, „die Wahrheiten der untergehenden Welt in der neuen aufzuheben“, wie es ein italienischer Kommunist formulierte.


Domenico Losurdo
Der Kommunismus – Geschichte, Erbe und Zukunft
PapyRossa Verlag, Köln 2023, 258 Seiten, 24 Euro
Erhältlich im UZ-Shop


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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Dualismus der Freiheiten", UZ vom 16. Februar 2024



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