Während der Westen die Volksrepublik mit Sanktionen belegte, schickte der Arbeiter-und-Bauern-Staat Ingenieure UZ-Interview mit Konrad Herrmann

Die DDR half China in schwieriger Zeit

Konrad Hermann hat mehrere Bücher über die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik China geschrieben. Er will, dass dieses Kapitel der Geschichte – ein Stück gelebte Solidarität – nicht vergessen wird. Zuletzt erschien „Lokomotiven und Hightech. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der VR China in der Mao-Ära“. UZ sprach mit ihm über den unterschiedliche Umgang beider deutscher Staaten mit der Volksrepublik und seinen Werdegang als Metrologe in der DDR, in China und in der BRD.

UZ: Der Bundeskanzler war Ende Februar mit dreißig Konzernchefs in China, und Deutschland rieb sich die Augen. „Was ist denn plötzlich mit Merz los?“, fragten nicht nur mitreisende Journalisten. Daheim klang er zuvor doch ganz anders als in der Volksrepublik. Hatte der Kanzler Kreide gefressen? Oder war ihm endlich bewusst geworden, dass die deutsche Wirtschaft besser auf selbstbewusste als auf selbstsüchtige Partner setzen sollte?

Konrad Herrmann: Da fragen Sie besser einen anderen. Ich glaube nicht, dass aus dem Saulus aus dem Sauerland ein Paulus geworden ist. Die stecken alle noch in ihrer transatlantischen Haut. Allenfalls folgt Merz Bismarcks rationaler Überlegung, dass man mit den Realitäten wirtschaften müsse und nicht mit Fiktionen. Wenn also Leute wie Merz sich langsam von der Illusion verabschieden, dass der „Wertewesten“ – 15 Prozent der Weltbevölkerung – noch immer das Machtzentrum der Welt sei und dem Rest der Menschheit vorschreiben könne, wie er zu leben habe, wäre das doch immerhin ein Fortschritt.

UZ: Ich glaube nicht, dass diese Kaste schon so weit ist. Die krisengeschüttelte deutsche Wirtschaft braucht einfach verlässlichere Partner, nachdem die USA eigene, um nicht zu sagen eigenwillige Prioritäten setzten.

Konrad Herrmann: „America first“ galt doch schon immer. Die neue Qualität besteht darin, dass die Inte­ressen der USA nunmehr auch gegen die Inte­ressen der bisherigen Freunde und Verbündeten rücksichtslos durchgesetzt werden. Was wieder einmal den Grundsatz unterstreicht: Es gibt keine Freundschaft zwischen Staaten – es gibt nur nationale Inte­ressen. Und die haben sichtbar Vorrang.

UZ: Gilt das auch für die Volksrepublik China? Dort haben Anfang März der Nationale Volkskongress und die Politische Konsultativkonferenz getagt. Sie haben den nächsten Fünfjahrplan, den 15. inzwischen, verabschiedet.

Konrad Herrmann: Durchaus. Die Chinesen konzentrierten sich selbstbewusst auf eigene Stärken. Das tun sie schon seit fünftausend Jahren. Allerdings folgt China anderen geostrategischen Inte­ressen. Die USA wollen eine neue Weltordnung durchsetzen, in der sie unangefochten die Nummer 1 sind. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht, insbesondere das der Gewalt: Erpressung wie Kriege. Ab 300 Prozent Profit, so Marx, scheut das Kapital kein Verbrechen und riskiert alles, selbst den Galgen.

Die Volksrepublik arbeitet langfristig, die Politik wird nicht von Wahlzyklen bestimmt, sondern von gesellschaftlichen Zielen. Die gegenwärtig zweitstärkste Volkswirtschaft will bis 2049, zum 100. Jahrestag der Volksrepublik, nicht die Nummer 1 in der Welt werden, um dieser ihren Willen zu diktieren. China will ein moderner sozialistischer Staat werden, der allen seinen Bürgern Wohlstand und Frieden garantiert – China übt auf die aus dem Gleichgewicht geratene Weltlage einen stabilisierenden Einfluss aus.

Der weitere Aufstieg soll im Wesentlichen über die forcierte Entwicklung von Wissenschaft und Technologien erfolgen, nicht mehr wie bisher durch expandierende Produktion, sondern durch deren Intensivierung, die sich an tatsächlichen Bedürfnissen und ökologischen Grundsätzen orientiert. Die Ressourcen und Märkte sind endlich. Und das soll zunehmend unabhängiger und selbstständiger erfolgen.

Die Chinesen machen in der Aus­ein­andersetzung mit dem Imperialismus die gleichen Erfahrungen wie die DDR und reagieren auch so. Wir nannten diese Politik in den 50er und 60er Jahren „Störfreimachung“. Im Unterschied zu uns können sich die Chinesen das ökonomisch auch leisten.

UZ: Sie haben Sinologie studiert, in China gearbeitet und drei Bücher über die Beziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik herausgebracht. Eigentlich beweisen Sie, dass die DDR mindestens Pate des grandiosen Aufstiegs der Volksrepublik war. Habe ich das richtig gelesen?

161302KonradHerrmann - Die DDR half China in schwieriger Zeit - Buchtipp, DDR, Konrad Herrmann, Metrologe, Solidarität, VR China - Hintergrund
Konrad Herrmann, Jahrgang 1945, studierte Maschinenbau in Magdeburg und Sinologie in Berlin, arbeitete als Dr.-Ing. im Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung (ASMW), später an der DDR-Botschaft in China als Sekretär für Wissenschaft und Technik. Ab 1991 war er in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig beteiligt an der Kooperation mit der VR China auf dem Feld der Metrologie, der Wissenschaft vom Messen.

Konrad Herrmann: Man kann zumindest sagen, dass wir am Anfang des Weges Hilfestellung leisteten. Mehr noch: Es entwickelte sich eine tätige Freundschaft zwischen Chinesen und Deutschen. Darauf gründet der gute Ruf deutscher Waren und das Ansehen Deutschlands in China noch immer. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg fanden Erzeugnisse zum Beispiel von Zeiss in Jena, Krupp und Siemens hohe Anerkennung. In den 50er Jahren setzten volkseigene DDR-Betriebe diese Traditionen nicht nur fort, sondern neue Maßstäbe. Vergessen wir nicht: Erst 1972 nahm die BRD diplomatische Beziehungen zur VR China auf – westdeutsche Unternehmen profitierten von unserer Vorarbeit und eroberten erst dann den chinesischen Markt. Erst ab dieser Zeit wurden die Wirtschaftssanktionen der kapitalistischen Industriestaaten gegen China allmählich gelockert. Die Volksrepublik war immer daran interessiert, von der DDR fortschrittliche Technologien und Erzeugnisse zu beziehen, die sie woanders nicht erhielt.

UZ: Woher rührt Ihre Affinität zu China, wie kamen Sie in den diplomatischen Dienst der DDR?

Konrad Herrmann: Schon als Kind interessierte mich China. Mit Empathie und Begeisterung sah ich Filme vom Befreiungskampf des chinesischen Volkes gegen Japan und die Guomindang, las in der Zeitung, wie DDR-Monteure in China Werkzeugmaschinen installierten und moderne Fabriken errichteten. Das wollte ich später auch einmal machen.

Während der Oberschulzeit besuchte ich Chinesisch-Kurse an der Volkshochschule am Alexanderplatz in Berlin. Unser Kurslehrer, Herr Yang Enlin, Kustos der chinesischen Sammlung des Pergamon-Museums, empfahl mich zum Sinologie-Studium an der Humboldt-Universität. Nach meinem Forschungsstudium der Messtechnik an der TH Magdeburg von 1969 bis 1972 bewarb ich mich in der China-Abteilung des DDR-Außenministeriums, bekam jedoch eine Absage. Ich vermute, weil meine soziale Herkunft nicht „Arbeiterklasse“ war – meine Mutter war Historikerin, mein Vater im Krieg verschollen. Dabei hatte ich mich nach der Ausbildung zum Werkzeugmacher im Funkwerk Köpenick als Angehöriger der Arbeiterklasse zum Studium des Maschinenbaus in Magdeburg beworben.

UZ: Aber irgendwie hat es dann doch geklappt. Wie immer.

Konrad Herrmann: Ja. Ich arbeitete seit 1972 als wissenschaftlicher Mitarbeiter erst im Amt für Standardisierung, dann im Bereich Messwesen des Amtes für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung (ASMW). 1988 bot man mir an, als Sekretär für Wissenschaft und Technik an der Botschaft in Peking tätig zu werden. Meine Aufgabe war es, die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern zu organisieren. Interessanterweise entwickelte zum Beispiel die Bergakademie Freiberg damals mit China Aufbereitungsverfahren für bestimmte Seltene Erden. Im Jahre 1990 stand dann im Vordergrund, die Zusammenarbeit „abzuwickeln“.

UZ: Warum kehrten Sie nach dem Ende der DDR in Ihr altes Fachgebiet zurück?

Konrad Herrmann: Das Auswärtige Amt der BRD übernahm aus ideologischen Gründen kein diplomatisches Personal der DDR. So ging auch dort China-Kompetenz verloren. Also kehrte ich an meine frühere Arbeitsstelle – das Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung – zurück. Ich musste mich zunächst einmal um die Existenzsicherung meiner Familie sorgen – wir hatten zwei Kindern im Schulalter. Das ASMW wurde am 2. Oktober 1990 aufgelöst, und ich bewarb mich in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB). Ich hatte das Glück, das vielen anderen DDR-Wissenschaftlern versagt wurde. Ich wurde sogar Laborleiter und wegen meiner Qualifikation als Sinologe in die Zusammenarbeit der PTB mit China auf dem Gebiet der Metrologie einbezogen.

UZ: Wiederum Glück für Sie. Gab es Anpassungsprobleme?

Konrad Herrmann: Von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt wurden von den 1.000 Mitarbeitern des Bereiches Messwesen des ASMW nur 300 übernommen und denen begegnete man sowohl mit Freundlichkeit als auch mit Ablehnung. Der damalige Präsident der PTB, Prof. Dieter Kind (1929 – 2018), ein Sudetendeutscher, war den Ostdeutschen zugetan und setzte sich für uns ein. Bonn musste, wenngleich zeitlich befristet, zusätzliche Planstellen schaffen. Andere fürchteten uns als Konkurrenten und wollten uns am liebsten weg haben. Die Klügeren in der Bundesanstalt in Braunschweig nutzten meine Kenntnisse und Erfahrungen als Messtechniker und Sinologe für die Weiterentwicklung der bilateralen Zusammenarbeit zwischen der BRD und China in der Metrologie. Dagegen habe ich mich nicht gewehrt.

UZ: Warum ist es Ihnen wichtig, an die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der DDR und der Volksrepublik China zu erinnern?

Konrad Herrmann: Mit meinen Büchern kämpfe ich gegen das Vergessen und das Verschweigen. Die DDR-Spezialisten, die in den 50er Jahren in China tätig waren, sind fast alle schon verstorben. Durch den Kontakt mit den Nachfahren weiß ich, wie sehr sie es begrüßen, dass die Geschichte ihrer Väter und Großväter endlich dokumentiert wurde. Einige schickten mir Fotos. Von einem Bekannten eines Spezialisten, der am Bau einer Zuckerfabrik beteiligt war, erhielt ich einige Hundert Farbdias aus der Zeit von 1958 bis 1960. Das sind wahrlich Kostbarkeiten mit hohem Neuigkeitswert – auch für die Chinesen.

In der Selbstdarstellung der Bundesrepublik tut man so, als habe es nur Beziehungen zwischen der BRD und China gegeben. Dabei vertrat die DDR in China ganz Deutschland, als die BRD wegen der Hallstein-Doktrin die Volksrepublik China bis 1972 nicht anerkannte. Die DDR hat ab den 50er Jahren, als die Volksrepublik in größten Schwierigkeiten steckte und die westlichen Mächte das Land mit Sanktionen belegten, geholfen. Das ist die historische Wahrheit. Diese Hilfe haben viele Chinesen nicht vergessen, was sie mich noch Jahrzehnte später wissen ließen. Auch darauf beruht das gute Ansehen von „Made in Germany“ im heutigen China.

UZ: Haben Sie persönlich noch Verbindungen in die Volksrepublik?

Konrad Herrmann: Ja, ich habe noch Kontakt mit mehreren Metrologen in China, die aber schon lange in Rente sind. Mit dem Wissenschaftshistoriker Prof. Guan Zengjian in Shanghai habe ich in der Zeitschrift „Maß & Gewicht“ mehrere Artikel über die Geschichte der chinesischen Metrologie veröffentlicht.

UZ: Planen Sie weitere Publikationen zu Ihrem Thema?

Konrad Herrmann: Nach der zusammenfassenden Darstellung der Beziehungen bin ich gegenwärtig auf der Suche nach interessanten Einzelschicksalen und der Geschichte einzelner Objekte.

161303 Buchtitel - Die DDR half China in schwieriger Zeit - Buchtipp, DDR, Konrad Herrmann, Metrologe, Solidarität, VR China - Hintergrund

Konrad Herrmann
Technologietransfer
Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik China in den 1980er Jahren (2023)

Botschaftergespräche
Die Beziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik China aus der Sicht ihrer Diplomaten (2024),

Lokomotiven und Hightech
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der DDR und der VR China in der Mao-Ära 1949-1978 (2025)
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"Die DDR half China in schwieriger Zeit", UZ vom 17. April 2026



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