Zum Tod von Shane MacGowan

Der letzte Punk

Der Retter der irischen Musik, die Punklegende, die die irische Rebellion mit der in der Musik verband, der Poet und Songwriter Shane MacGowan lebt nicht mehr. Er starb am Donnerstag vergangener Woche im Alter von 65 Jahren in Dublin.

Auf die Welt gekommen am Weihnachtstag 1957 im englischen Kent, wurde der Sohn irischer Einwanderer zu einem der einflussreichsten Musiker seiner Generation.

Geboren und aufgewachsen in England, war für MacGowan die Heimat seiner Eltern, in der er stets die Sommer verbrachte, sein eigentliches Zuhause. Aufrührerische Männer, starke Frauen, Katholizismus, Alkohol und Rebellentum prägten seine frühe Jugend – und sollten ihn nie loslassen.

Das Stipendium für die feine Westminster School hielt ihn nicht lange in der Schulbank, Drogen und Alkohol waren interessanter. Er wurde der Schule verwiesen und fand in den Clubs von London seine große Liebe: den Punk.

1981 gründete er zusammen mit Peter „Spider“ Stacy an der Tin Whistle und Jem Finer am Banjo die Band „Pogue Mahone“. Der Name, die anglisierte Form des irischen Póg mo thóin (Küss meinen Arsch), stand einem Plattenvertrag im Weg und wurde auf „Pogues“ runtergekürzt. MacGowan und die Pogues begründeten das, was man heute „Celtic Folk“ nennt und hinterließen Fußstapfen, in denen sich bis heute Bands wie „Floggin Molly“ oder die „Dropkick Murphys“ wohlfühlen. Wie keiner anderen Band gelang es den Pogues, Klassiker des Irish Folk wie ihre ureigenen Stücke klingen zu lassen – und umgekehrt ihre eigenen Songs wie Klassiker des Folk.

Mit Irland kam der Alkohol in Shane MacGowans Leben, mit dem Punk kamen die Drogen hinzu – davon blieb er bis zu seinem Lebensende gezeichnet. Der heftige Konsum (He was fond of the drink, würde man euphemistisch in Irland sagen) hielten ihn aber nicht davon ab, einer „der besten Texter des Jahrhunderts zu werden“, wie ihn Joe Strummer von „The Clash“ nannte.

Mit MacGowans Texten über das Dasein als Immigrant, über Schlägereien und Trinkereien von Iren in London und über die Sehnsucht nach der Heimat, die MacGowan auch als Einwanderer zweiter Generation stets gespürt zu haben scheint, gelang den Pogues eine Karriere, um die kaum jemand herumkam, auch die britische BBC nicht. So wurde zum Beispiel „Streets of Sorrow/The Birmingham Six“ zu so einem Erfolg, dass sich die Radiosender nicht leisten konnten, es nicht zu spielen – da das Lied aber von den unschuldig in englischen Knästen sitzenden Frauen und Männern der Guildford Four und Birmingham Six handelt, wurde es nur bis zur Hälfte gespielt, knirschende Nadel, die von der Platte gezogen wird, oft inklusive.

Shane MacGowan war unpolitischsein fremd. Er bezeichnete sich selbst als Sozialisten, war ein Verfechter der irischen Sache und ihrer Widerstandsbewegungen. Und obwohl er einen klaren Blick darauf hatte, wer in dieser Widerstandsbewegung fortschrittlich war und wer nicht, ließ er es sich nicht nehmen, die Sinn Féin/IRA-Delegation auf dem Weg zu Verhandlungen in der Downing Street noch auf ein Getränk ins Irish Pub einzuladen.

Zu seinem lyrischen Erbe gehören Klassiker wie „Rainy Night in Soho“ (wobei man sich nicht sicher sein kann, ob „I‘ve been loving you a long time. Down all the years, down all the days …“, sich auf eine Frau bezieht oder nicht doch auf eine Flasche Whiskey), „If I should fall from grace with God“ (wo es mit „This land was always ours“ auch nicht so wirklich um das Himmelreich geht), „The Sick Bed of Cuchulainn“ („Frank Ryan bought you whiskey in a brothel in Madrid/And you decked some fucking black shirt who was cursing all the Yids“, man wäre gern dabei gewesen) und natürlich der Weihnachtssong schlechthin „A Fairytale of New York“ (läuft selbst in englischsprachigen Ländern stets zur Festzeit, obwohl das Lied des streitenden Junkie-Pärchens alles andere als festlich oder radiotauglich ist).

Mit Shane MacGowan verlässt einer der letzten aufrechten Punks die Bühne, einer, der wusste, dass Musik ohne politische Inhalte auch nur Geklimper ist, einer, den man eher in der Kneipe an der Ecke getroffen hat als auf dem großen Wohltätigkeitsevent, bei dem sich die Teilnehmenden am meisten selber helfen. Einer, für den Antikolonialismus und Antifaschismus Verpflichtung war. Uns bleibt an dieser Stelle nur, ein letztes Mal das Glas zu heben:

Slaínte, Shane. Und Danke. Oder um es mit meiner schwer katholischen irischen Ex-Schwiegermutter zu sagen: May you be 40 years in heaven before the devil knows you‘re dead!

Wer reinhören möchte:
Shane MacGowan mit The Pogues:
1984: Red Roses for Me
1985: Rum, Sodomy & the Lash
1986: Poguetry in Motion (EP)
1987: The Irish Rover (mit The Pogues/Dubliners)
1988: If I Should Fall from Grace with God
1988: Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah (EP)
1988: Johnny Come Lately (mit The Pogues/Steve Earle)
1989: Peace and Love
1990: Hell’s Ditch
2012: The Pogues in Paris: 30th Anniversary Concert at the Olympia

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Der letzte Punk", UZ vom 8. Dezember 2023



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