Im PapyRossa-Verlag ist ein neues Buch über Diego Maradona erschienen

Die Brotpreise nicht gesenkt

Es gibt viele Bücher über Diego Maradona, den vermutlich besten Fußballer der bisherigen Geschichte. Liest man „Diego Maradona: In den Farben des Südens“ von Glenn Jäger – nicht Profi-Fußballer, sondern beim PapyRossa Verlag in Köln tätig, wo auch dieses Buch gerade erschienen ist –, dann freut man sich über die Akribie, mit der das Sachbuch geschrieben ist. Denn bei Jägers „In den Farben des Südens“ dürfte es sich um eines der umfangreichsten Werke handeln, die sich mit dem argentinischen Ausnahmefußballer befassen.

Diese steile These des Rezensenten muss weniger die Zahl der gut 250 Seiten belegen als es vielmehr deren sportliche, sportpolitische und politische Fülle kann. „Umfangreich“ meint nämlich die hier ins Werk gebrachte Notwendigkeit, die Figur Diego Maradona in ihrer Gesamtheit zu würdigen. In elf Kapiteln beschreibt Jäger, der 2018 bereits „In den Sand gesetzt“ über die kommende WM in Katar schrieb, Maradonas Herkunft aus einem armen Vorortquartier von Buenos Aires, seine Jugend und Karriere in Argentinien, später dann in Spanien und Italien, die Fußballweltmeisterschaften 1982 bis 1994 und seine diversen, meist eher erfolglosen Trainerstationen. In diesen elf Kapiteln geht es aber ebenso um den sportpolitischen Diego Maradona, der sich mit der FIFA genauso anlegte wie mit diversen Fußballfunktionären; den Maradona, der eine Spielergewerkschaft gründete und verschiedene Male von der FIFA als Spieler und Trainer suspendiert wurde. Und den zutiefst antiimperialistischen Diego, ganz Sohn seiner in den Peronismus der 1940er bis 1970er Jahre verstrickten, verliebten und daher tragisch desorientierten Klasse, wird ebenfalls über die elf Kapitel gewürdigt.

Da also die drei Hauptstränge immer wieder durchscheinen, ist es ein Merkmal dieses detailreichen Buchs, dass Glenn Jäger die Integrität des Menschen Diego Maradona immer wieder ineinander verschränkt abarbeitet. Der Vorgriff auf später noch anzusprechende Themenbereiche lässt die Begeisterung des Autoren für die Figur des „D10S“ spüren, als wollte er sagen, „Nur Geduld, dazu schreibe ich später noch viel mehr!“. Und eben das tut er.

Glenn Jäger befasst sich auch mit aller Kritik an Diego, ob aus dem politischen, gesellschaftlichen, persönlichen oder sportlichen Rahmen: Seiner von den meisten Medien wahlweise gescholtenen oder verschwiegenen Begeisterung für Fidel Castro (den er 2005 in seiner Fernseh-Show hatte) und Che Guevara („Größter Argentinier aller Zeiten“), für Hugo Chávez oder Evo Morales, seiner Ablehnung der argentinischen Militärdiktatur, aber auch seinem Besuch bei Genossen der Kommunistischen Partei Indiens (M) in Kalkutta oder das Engagement gegen die amerikanische Freihandelszone ALCA und den Besuch George Bushs 2005 in Argentinien; der vermeintlichen oder tatsächlichen Verstrickung in die Geschäfte der süditalienischen Mafia-Strukturen; seinem Familienclan, aber auch den gesundheitlichen Problemen, die ihn immer wieder mit dem Tod konfrontierten; dem spielerisch-unschuldige Umgang Maradonas mit kleinen Tricksereien wie der „Hand Gottes“, die er den Helden selbst kommentieren lässt: „Du willst an den Ball kommen und da geht die Hand von alleine mit.“ Zwar nicht das Wichtigste, aber im Mittelpunkt war doch der Ball – hinsichtlich seiner Laufbahn beim Arbeiterverein Boca Juniors verdeutlicht Diego Maradona, was auch jeder Schalker versteht, wenn es gegen Borussia Dortmund geht: „Gegen River zu gewinnen ist so wunderbar, wie wenn deine Mama dir am Morgen einen Kuss gibt.“

Jäger gelingt es anhand Maradonas solidarischer Praxis, sich zu jeder Zeit politisch und materiell für die Schwachen zu engagieren, einen der ganz großen Verdiener des Profifußballgeschäfts als gerechten Vertreter der Underdogs zu präsentieren – der Titel „In den Farben des Südens“ unterstreicht, wie konsequent sich Diego Maradona auf die richtige Seite stellte. Den Gewinn der WM 1986 kommentierte er so: „Indem wir den Titel gewannen, haben wir die Welt nicht verändert. Die Brotpreise haben wir nicht gesenkt.“

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"Die Brotpreise nicht gesenkt", UZ vom 24. September 2021



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