Die Kommerzialisierung der Raumfahrt kommt voran

Die „Crew Dragon“ – ein Meilenstein?

Als am 30. Mai, neun Jahre nach dem letzten Space-Shuttle-Flug, vom Weltraumbahnhof Cap Canaveral auf Florida eine „Falcon-9“-Rakete mit der „Crew Dragon“ abhob, konnte Elon Musk (PayPal, Tesla) jubeln. Sein im Jahr 2002 gegründetes Raumfahrtunternehmen SpaceX brachte an jenem Tag im Auftrag der NASA zwei Astronauten erfolgreich ins All – am vergangenen Sonntag landeten sie wieder auf der Erde. Der ehemalige Astronaut und ESA-Koordinator Thomas Reiter hatte zuvor in der „Tagesschau“ den Start der „Crew Dragon “ als ganz wichtigen „Moment für die NASA und auch für das amerikanische Selbstverständnis“ bezeichnet. Kein Wunder: Neun Jahre lang gab es keine bemannten Flüge der NASA und man war, sollten die eigenen Astronautinnen und Astronauten zur internationalen Raumstation ISS befördert werden, auf „Sojus“-Raumschiffe angewiesen.

SpaceX könnte aber auch in anderer Hinsicht Geschichte geschrieben haben. Reiter sieht im Start der „Dragon Crew“ einen Meilenstein. Auch aufgrund der „Tatsache, dass das jetzt zum ersten Mal eine kommerzielle astronautische Mission ist“. Und das wird – wahrscheinlich – die Entwicklung der Kommerzialisierung der Raumfahrt wesentlich beschleunigen.

Die Konkurrenz

Während Musk einen Erfolg feiern konnte, kämpft Konkurrent Boeing immer noch mit Problemen. Das Raumschiff „Starliner“, das eigentlich künftig – abwechselnd mit der „Crew Dragon“ – zur ISS fliegen soll, wird nach einem Softwarefehler beim letzten Flug Ende 2019 frühestens im Herbst diesen Jahres wieder starten können. Beide Firmen waren im Jahr 2014 von der NASA auf der Grundlage der von ihnen entwickelten Raumschiffe beauftragt worden, im Rahmen des „Commercial Crew Development Programme“ der NASA (Entwicklungsprogramm für kommerziellen bemannten Raumflug, seit 2010) künftig bemannte Flüge zur ISS zu gewährleisten. Dafür flossen an SpaceX und Boeing jeweils mehrere Milliarden Dollar. Die NASA wurde damit aber nicht zum Besitzer der „Crew Dragon“ oder des „Spaceliner“. Wie bei der „Sojus“ bleibt sie Kunde. Übrigens: Seit 2012 brachte die „Dragon 1“ im Auftrag der US-Regierung Fracht zur ISS. Musks Raumfahrtfirma kassierte und kassiert auch dafür Milliarden. Der weiterentwickelte Transporter „Cargo Dragon 2“ kann bis zu fünf Mal wiederverwendet werden.

Doch sie sind nicht die Einzigen, die von der zunehmenden Kommerzialisierung der Raumfahrt und von öffentlichen Geldern in den USA sowie anderen Ländern profitieren. Zu den großen privaten Raumfahrtunternehmen gehört auch das US-Unternehmen Blue Origin, im Jahr 2000 von Milliardär Jeff Bezos (Amazon) gegründet. Dort arbeitet man nicht nur an wiederverwendbaren Trägerraketen und Raumschiffen, sondern auch am bemannten Mondflug und anderen Projekten. Zu den „großen Privaten“ gehört auch der Virgin-Konzern des britischen Multimilliardärs Richard Branson mit den Tochterunternehmen Virgin Galactic, Virgin Orbit und VOX Space.

Heute bieten weltweit viele weitere größere und kleinere kommerzielle Raumfahrtunternehmen – so unter anderem auch in Europa, Australien und China – entsprechende Dienstleistungen für private und staatliche Kunden an. Im Jahr 2018 wurden im Bereich der Weltraumwirtschaft weltweit bereits insgesamt 360 Milliarden Dollar umgesetzt. Dabei entfielen allein 125 Milliarden Dollar auf die bodenbasierte Ausrüstung. Mit 102 Milliarden Dollar war die Übertragung von Fernseh-, Radio- oder Breitbandsignalen der mit Abstand wichtigste weltraumbasierte kommerzielle Service.

Die NASA und andere staatliche Institutionen in den USA bieten den Privaten bislang jedoch offensichtlich die lukrativsten Verträge. In den USA wurden dafür jedoch auch schon sehr früh entsprechende gesetzliche Grundlagen geschaffen, obgleich lange auch dort Raumfahrt vor allem staatliche Angelegenheit war.

Bereits im Jahr 1962, nur fünf Jahre nach dem Start von „Sputnik 1“, wurde in den USA ein Gesetz verabschiedet, das kommerziellen Unternehmen den Besitz und Betrieb von Satelliten gestattete. Am 30. Oktober 1984 unterzeichnete Ronald Reagan den „Commercial Space Launch Act“, der Privatunternehmen den Zugang zu Raumfahrt- und Weltraumtechnologie erleichterte. US-Unternehmen konnten nun eigene Raketen entwickeln und Startplätze betreiben. Sechs Jahre später, am 5. November 1990, brachte der damalige US-Präsident George H. W. Bush das „Launch Services Purchase Act“ (Gesetz zum Kauf von Weltraumstarts) auf den Weg. Von staatlichen Stellen, auch vom Militär, wurden zunehmend Aufträge an Privatfirmen vergeben. Im Dezember 2004 unterzeichnete US-Präsident George W. Bush ein Gesetz zur Förderung der Entwicklung einer kommerziellen US-Raumfahrtindustrie und eröffnete damit den Privaten weitere Möglichkeiten. Die Zusammenarbeit der NASA mit privaten Raumfahrtunternehmen weitete sich in der Folgezeit deutlich aus. Ab 2008 auch, weil sich die NASA aufgrund von Budgetkürzungen keine teuren Eigenentwicklungen mehr leisten konnte.

„Geschäftsfelder“

Zu den für private Unternehmen lukrativen Bereichen gehören die Entwicklung, Erprobung und der Betrieb von Antriebsmitteln sowie bemannten und unbemannten Raumschiffen. Bei der Entwicklung von Raketen und Raumschiffen setzen SpaceX, Blue Origin und einige andere aber nicht mehr nur auf Zubringer für die ISS oder andere Orbitalflüge. Längerfristige und teilweise eigene Ziele sind der Mond sowie der Mars. Von Letzterem und seiner Besiedlung träumt vor allem SpaceX-Gründer Musk.

Doch zu den „Geschäftsfeldern“ gehören auch andere Bereiche. Forschung im All wird auch für kommerzielle Unternehmen immer interessanter. Zum Beispiel gehörten zum Programm des Astronauten Alexander Gerst an Bord der ISS 2018 auch Experimente, die von Privatfirmen in Auftrag gegeben worden waren. Im April 2020 dockte die ESA-Forschungsplattform „Bartolomeo“, entwickelt von Airbus in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der NASA, an der ISS an. Gedacht ist die Plattform vor allem auch für kommerzielle Nutzer – gegen entsprechende Bezahlung. In Zukunft könnten auch erste Produkte aus dem All kommen: Ein 3-D-Drucker wurde auf der ISS erfolgreich getestet.

Anfang/Mitte Dezember 2019 waren am Nachthimmel über Berlin und anderen Orten seltsame Objekte zu beobachten: Helle Lichter, aufgereiht wie an einer Perlenkette. Auch im April und Mai berichteten Medien über ungewöhnliche Lichter. Wie sich schnell herausstellte handelte es sich um Satelliten, die zum „Starlink“-Projekt des US-Unternehmens SpaceX gehören. Die Aufgabe der auf relativ niedriger Umlaufbahn fliegenden Satelliten ist es, sowohl entlegene Regionen als auch Ballungszentren mit schnellem und preiswertem Breitband-Internet zu versorgen. SpaceX will in Zukunft mit vielen tausenden Satelliten Breitband-Internet weltweit zugänglich machen. Google investiert in das SpaceX-Satellitennetz. Inzwischen umkreisen mehr als 500 „Starlink“-Satelliten die Erde. SpaceX ist damit mittlerweile bereits der größte Satellitenbetreiber der Welt. Auch Jeff Bezos setzt auf ein ähnliches Projekt.

Ebenso nimmt die Zahl der Satellitenstarts privater Unternehmen im Bereich der Navigation und im Zusammenhang mit der Wetterbeobachtung und -voraussage zu. Aber auch das Interesse für Fernerkundungsdienste wuchs in den vergangenen Jahren.

Zu den „Geschäftsfeldern“ gehört, so seltsam das heute noch erscheinen mag, auch der Weltraumtourismus, auf den auch Virgin Galactic setzt. Natürlich geht es da noch nicht um „Urlaub“ auf dem Mond oder dem Mars. Aber bereits im April 2001 flog der erste „Weltraumtourist“ mit der „Sojus TM-32“ zur internationalen Raumstation ISS. Es war der US-amerikanische Millionär Dennis Tito. Tito zahlte 20 Millionen. Ihm folgten bis 2009 fünf weitere begüterte „Touristen“ und eine „Touristin“, vermittelt durch die US-Firma Space Adventures, heute das führende „Branchenreisebüro“. Einer von ihnen, der in Ungarn geborene und in den USA lebende Charles Simonyi, leistete sich das Vergnügen sogar noch ein zweites Mal.

In der nahen Zukunft könnten zumindest Flüge in Erdumlaufbahn für all jene Wirklichkeit werden, die das Geld dafür haben. Die Preise sind aber gesunken. Nicht nur Virgin Galactic plant private Flüge. Flüge in den erdnahen Weltraum könnte es für Weltraumtouristen künftig auch mit der „Crew Dragon“ geben. Das US-Raumfahrtunternehmen Blue Origin wurde gar als Weltraumtourismus-Anbieter gegründet. Und auch an die Unterbringung im Orbit ist gedacht: Die Firma Bigelow Aerospace arbeitete an der Entwicklung eines Weltraumhotels. Das dafür entwickelte aufblasbare Modul BEAM („Bigelow Expandable Activity Module“) wurde im April 2016 zur ISS transportiert und Ende Mai 2016 zu Testzwecken in Betrieb genommen. BEAM soll mindestens bis zum Oktober 2020 an der Raumstation verbleiben.

Noch Zukunftsmusik sind der Weltraumbergbau (siehe UZ vom 5.7.2019) sowie die Idee, die Erde mit Energie aus dem Weltall zu versorgen.

„Europa“ im Hintertreffen?

Auch hierzulande sieht die Industrie den Weltraum als Zukunftsmarkt. Im August 2018 und im Mai 2019 hatte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in zwei Grundsatzpapieren von der Bundesregierung entsprechendes Handeln gefordert, um nicht von technischen wie technologischen Innovationen sowie entsprechenden Aufträgen „abgehängt“ zu werden (siehe UZ vom 31.5.2019). Ein Weltraumgesetz ist in Vorbereitung.

Vergleicht man die öffentlichen Ausgaben für Raumfahrt beispielsweise in den USA und in Europa (für den Bereich der 22 ESA-Mitgliedstaaten), dann scheint die Mahnung berechtigt. Auch für 2020 zeigt sich eine deutliche Diskrepanz: Das Budget der NASA für das Geschäftsjahr 2020, also auch für Ausgaben im Rahmen der Abkommen mit Privatfirmen (andere staatliche Finanzierungen ausgenommen), beträgt etwa 19,9 Milliarden Euro, das der ESA knapp 6,7 Milliarden Euro.

Mit der „Ariane-6“-Rakete (ArianeGroup) hat die ESA ein Vorzeigeobjekt. Ihre und die Beiträge von Mitgliedsländern zur ISS, zu NASA-Projekten wie dem Raumschiff „Orion MPCV“ und anderen sind technisch-technologische Höchstleistungen. Die AirbusGroup gehört zu den weltweit größten Luft- und Raumfahrtkonzernen. Und trotzdem: „Gründer“ haben es hier offensichtlich schwerer. Laut „Handelsblatt“ haben amerikanische Risikokapitalgeber in den vergangenen vier Jahren rund 3,5 Milliarden Dollar in Raumfahrt-Start-ups – und damit in neue technisch-technologische Ideen und Entwicklungen, in „New Space“, – investiert. Dagegen klagen Raumfahrt-Start-ups hierzulande über einen Mangel an Investoren.

Im November 2019 tagten Vertreter der Mitgliedsländer der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) in Sevilla. Auch um in diesem Zusammenhang etwas zu ändern. Sie berieten über gemeinsame europäische Raumfahrtprogramme und deren Finanzierung. In Sevilla wurde beschlossen, mehr Geld für die europäische Raumfahrt zu Verfügung zu stellen. Deutschland wird sich mit 3,3 Milliarden Euro an ESA-Programmen zur Erdbeobachtung, Telekommunikation, Technologieförderung und Kommerzialisierung/New Space beteiligen. Gefördert werden soll unter anderem die industrielle Wettbewerbsfähigkeit von kleinen und mittleren Unternehmen, insbesondere von Start-ups. Im Mai wurde durch die Bundesregierung im Rahmen dieser ESA-Initiative ein deutscher Mi­crolauncher-Wettbewerb gestartet. Es geht um die Entwicklung einer Rakete durch kleine und mittlere Unternehmen, die bis zu eine Tonne Nutzlast in einen Erdorbit bringen kann. Allerdings fällt das zur Verfügung stehende Budget, wie der Wissenschaftsjournalist Alexander Stirn auf „spektrum.de“ hervorhob, mit 50 Millionen Euro „winzig aus – zumindest im Vergleich zu anderen ESA-Programmen: Allein für die Weiterentwicklung ihrer großen Raketen haben die Minister in Sevilla 344 Millionen Euro bewilligt“. Laut Stirn hemmen auch die Finanzierungsregelungen der ESA Entwicklungen – und es fehle am politischen Willen: Aufträge würden hier eher an alteingesessene Firmen vergeben, also an „Old Space“.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Die „Crew Dragon“ – ein Meilenstein?", UZ vom 7. August 2020



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