Nur auf der ISS wird noch gemeinsam geforscht

Gestörte Zusammenarbeit

Der Krieg in der Ukraine und die immer schärfer werdenden Sanktionen gegen Russland treffen auch die russische zivile Raumfahrt. Nicht nur im Hinblick auf den Import von Hochtechnologie – und die Situation hat erste gravierende Auswirkungen auf die internationale Zusammenarbeit in der Weltraumforschung und Raumfahrt.

Nach Ankündigung erster Sanktionen am 24. Februar zog die russische Raumfahrtagentur Roskosmos ihre gesamte Mannschaft vom Raketenstartplatz Kourou in Französisch-Guayana ab. Künftig will Roskosmos von dort keine Starts mehr ausführen. Für dieses Jahr wurden zudem alle Starts russischer Raketen mit „westlicher“ ausländischer Nutzlast wie die von „OneWeb“-Satelliten abgesagt. Andererseits beendete inzwischen die ESA „Exomars“, das lange geplante Projekt eines gemeinsamen Marsfluges, für den Russland den Lander zur Verfügung stellen sollte. Auch das DLR, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, stellte die Zusammenarbeit mit den russischen Kollegen vorläufig ein. Konkret betroffen ist eine Reihe von Forschungsprojekten, bei denen man bislang kooperiert hatte. Zudem soll es keine neuen Projekte oder Initiativen mit Institutionen in Russland geben. Ein Vorgang, der genauso beschämend ist wie die Sanktionen gegen andere russische Wissenschafts-einrichtungen und gegen Künstlerinnen und Künstler – und das nicht nur hierzulande. Empörend ist zudem, dass nun auch – aufgrund des Krieges in der Ukraine – sogar eine Veranstaltung der US-Space-Foundation, die nach Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All, benannt war, umbenannt wird: weil Gagarin Russe war.

Allein auf der Internationalen Raumstation ISS scheint der Betrieb normal weiterzulaufen: Zunächst wurde bekannt, dass der US-amerikanische Astronaut Mark Vande Hei Ende März gemeinsam mit den Kosmonauten Anton Schkaplerow und Pjotr Dubrow in einer russischen „Sojus“-Raumkapsel zur Erde zurückkehren werde. Auch die russische Seite bestätigte, dass alles wie geplant ablaufen solle. Vor einigen Tagen wurden dann – wie in den Medien berichtet – drei russische Kosmonauten mit Jubel, Umarmungen und Händeschütteln von der ISS-Crew empfangen. Zuvor hatte der bei der NASA für die ISS zuständige Manager Joel Montalbano auf einer Pressekonferenz klar und deutlich erklärt: „Wir arbeiten zusammen, wir arbeiten seit mehr als 20 Jahren zusammen und wir werden das weiter so machen.“ Und weiter: „In den vergangenen drei Wochen hat sich nichts verändert, wir sehen keine Beeinträchtigungen.“ Die ISS basiere auf Zusammenarbeit. „Es ist kein Vorgang, bei dem eine Gruppe ohne die andere weitermachen kann. Alle müssen zusammenarbeiten, damit wir erfolgreich sind.“ Er betonte: „Wir beide brauchen einander, um die ISS zu betreiben“, erklärte Montalbano. „Im Weltraum gibt es keine Grenzen. Man sieht keine Länder- oder Staatsgrenzen. Die Teams arbeiten weiter zusammen. Bekommen sie mit, was auf der Erde geschieht? Natürlich. Aber sie sind professionell.“

Und man ist auf der ISS auch in anderer Hinsicht aufeinander angewiesen. Vor einigen Tagen titelten hierzulande einige Medien reißerisch, Russland drohe mit dem Absturz der Internationalen Raumstation ISS. Wie sich schnell herausstellte, gab es gar keine „Drohung“: Der Vorsitzende der russischen Raumfahrtagentur
Roskosmos, Dimitri Rogosin, hatte davor gewarnt, dass durch die Sanktionen gegen Russland auch der ordnungsgemäße Betrieb der ISS beeinträchtigt werden könnte. Der Start der russischen unbemannten Progress-Raumschiffe, die die ISS mit Treibstoff und anderen Gütern versorgen, könnte gestört werden. Das russische Modul „Swesda“ kann mit seinen Triebwerken die Bahn der ISS anheben oder dazu beitragen, dass die Raumstation Weltraumschrott ausweichen kann. Kann es nicht mehr mit Treibstoff versorgt werden, drohen, obgleich auch angedockte Raumschiffe für Kursänderungen sorgen könnten, Konsequenzen für die gesamte Station – bis hin zum Absturz der ISS.

Doch die Sanktionen des „Westens“ werden sich auch auf andere Bereiche der russischen Raumfahrt auswirken. In der Zeitung „Nowaja Gaseta“ sprach Iwan Moissejew, Wissenschaftlicher Direktor des russischen Instituts für Weltraumpolitik, in einem Interview von der möglichen vollständigen Isolierung Russlands – abgesehen von China – in der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit im Weltraum.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Gestörte Zusammenarbeit", UZ vom 25. März 2022



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