NASA-Direktor ganz auf NATO-Kurs gegen China

Wettlauf zum Mond?

War das Zufall? Wohl kaum. Denn NASA-Chef Bill Nelson meldete sich bereits kurz nach dem jüngsten NATO-Gipfel in Madrid zu Wort, um vor Chinas Mondprogramm zu warnen. Seine Äußerungen wirkten wie ein Rechtfertigungsversuch für das auf dem NATO-Gipfel beschlossene neue strategische Konzept, in dem Russland als größte Bedrohung für die NATO bezeichnet wurde. Dort gefällt auch nicht, dass – nach Auffassung der NATO – die strategische Partnerschaft zwischen China und Russland immer enger werde. Die Volksrepublik setze zudem laut NATO „ein breites Spektrum an politischen, wirtschaftlichen und militärischen Instrumenten ein, um ihren weltweiten Fußabdruck und ihre Machtprojektion zu vergrößern“. China untergrabe die regelbasierte internationale Ordnung. Gemeint ist natürlich die, die die USA und ihre NATO-Verbündeten zu ihrem Vorteil gern überall in der Welt durchsetzen würden.

Neues aus dem Kosmos farb - Wettlauf zum Mond? - China, Kosmos, Mond, NATO, Weltraum - Vermischtes

Der NASA-Chef warnte also ganz in diesem Sinne vor dem chinesischen Weltraumprogramm. „Wir müssen sehr besorgt darüber sein, dass China auf dem Mond landet und sagt: Das gehört jetzt uns und ihr bleibt draußen“, so Nelson gegenüber der „Bild“, und behauptete zudem – ohne Nachweis –, „Chinas Weltraumprogramm ist ein militärisches Weltraumprogramm“. Dabei waren es die USA, die mit ihrem SDI-Programm in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und auch danach die Militarisierung des Weltraums vorantrieben. Und war es nicht die NATO, die im November 2019 den Weltraum zum Operationsgebiet erklärte? Nelson behauptete auch, dass die Chinesen nicht gewillt seien, ihre Forschungsergebnisse mit anderen zu teilen und den Mond gemeinsam zu nutzen. „Es gibt ein neues Rennen zum Weltraum – diesmal mit China.“

Theoretisch könnte der Fakt, dass die VR China den Mondvertrag von 1979 nicht unterzeichnet hat, der besagt, dass sämtliche Eigentumsansprüche an Himmelskörpern der internationalen Gemeinschaft – oder allen Menschen gleich – zur Verfügung gestellt werden sollen, tatsächlich für Besorgnis sorgen: Niemand darf privilegiert werden durch persönlichen Besitz im All. Der Vertrag schließt aber die Förderung und Nutzung von Bodenschätzen nicht aus. Und das weiß auch der NASA-Chef.

Die USA wollen übrigens bereits möglichst noch in diesem Jahrzehnt für eine dauerhafte US-amerikanische Präsenz auf dem Mond sorgen. Zunächst könnte eine – eventuell bewegliche – Station, ein „Wohnmobil“, das Ausgangspunkt für Expeditionen werden soll, eingesetzt werden. Auch dazu schloss die NASA im Oktober 2020 zunächst mit Australien, Kanada, Japan, Luxemburg, Italien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Britannien das Abkommen „Artemis Accords“, inzwischen sind weitere Länder beteiligt. Damit wollen die USA ihre Interessen für die weitere Mond- und Marserkundung festschreiben. Insbesondere soll Unternehmen die Ausbeutung von Weltraumressourcen erlaubt sein.

Nach mehreren erfolgreichen Landungen auf dem Mond und seiner Rückseite will dagegen China ab 2024 in der Südpolregion des Mondes Erkundungen vornehmen und Technologien für den Bau einer von Menschen bewohnbaren Station erproben. Diese Station würde erst nach einer weiteren Erprobungsphase nach 2030 in Betrieb gehen. Bis Ende 2021 hatte China im Zusammenhang mit seinem Mondforschungsprogramm nicht nur mit der russischen Raumfahrtagentur, sondern zudem mit knapp 160 Institutionen aus mehr als 60 Ländern Absichtserklärungen für eine Zusammenarbeit bei der Monderkundung unterzeichnet.

Vor einem Jahr, nach dem erfolgreichen Start seines bemannten Raumschiffs „Shenzhou-12“, rief man zudem zum wiederholten Mal zur friedlichen Nutzung des Weltraums durch die internationale Gemeinschaft auf. Bill Nelson erzählt also Märchen oder lügt gar bewusst: Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Zhao Lijian, bekräftigte damals erneut Chinas Engagement für die friedliche Nutzung des Weltraums und versprach, mit allen Ländern zusammenzuarbeiten, um die internationale Zusammenarbeit in den entsprechenden Bereichen voranzutreiben und die friedliche Erforschung und Entwicklung des Weltraums zu erleichtern. In der vorigen Woche wies Zhao erneut darauf hin, dass China immer die friedliche Nutzung des Weltraums befürwortet und sich gegen die Bewaffnung und ein Wettrüsten im Weltraum ausspricht. Allerdings spielten die USA, so Zhao Lijian, eine negative Rolle bei der Schaffung von Weltraummüll, provozierten ein Wettrüsten im Weltraum und schadeten der globalen strategischen Stabilität, was eine große Bedrohung für die friedliche Nutzung des Weltraums darstelle.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Wettlauf zum Mond?", UZ vom 15. Juli 2022



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