Zum 100. Geburtstag von Erich Fried

Die Muse hat Kanten

Jürgen Meier

Eh ganz recht, Kleiner! Wieder einer weniger!“ – „Ja. Wieder einer weniger“, sagte der siebzehnjährige Erich Fried sachlich und merkte sich die Dienstnummer des Polizisten, den er für die Ermordung seines Vaters verantwortlich machte, um sich nach Ende der Hitlerzeit an ihm zu rächen. Erich Fried flüchtete 1938 aus Österreich nach England, wo er „gegen Faschismus, Rassismus, Unterdrückung und Austreibung unschuldiger Menschen schreiben“ wollte. Der Schriftsteller müsse die Welt verändern. „Tut er nämlich nichts, als zu schreiben, so wird es ihm vielleicht ähnlich ergehen wie einem schreibenden Menschen, der ausschließlich Gedichte schreibt und sich daher verpflichtet fühlt, alles, was er zu sagen hat, in einem Gedicht zu sagen, auch wenn das Gedicht vielleicht gar nicht die richtige Form dafür ist.“

Deshalb organisierte er sich im Kommunistischen Jugendverband, den er wieder verließ, als er Stalin zu kritisieren begann, der aus jedem Künstler einen „Ingenieur der Seele“ machen wollte. „Die Parteiorganisation“, schrieb er nach dem Selbstmord seines Freundes Hans Schmeier, den er für den begabtesten deutschsprachigen Dichter hielt, „aber fand, das (Dichten) sei Luxus, den man sich nicht leisten könne, man brauche in erster Linie Funktionäre und überhaupt sei gute Gesinnung und richtiges politisches Denken wichtiger als stilistische Vollkommenheit.“ Diese Haltung hinderte Fried in späteren Jahren nicht daran, „die Verbohrtheit“ anzuklagen, mit der die Bonner Republik die „Oder-Neiße-Grenze“ anzuerkennen sich weigerte, oder darauf hinzuweisen, dass „die Wahl eines Himmleradjutanten in den Bundestag“ ein Skandal sei und die „KPD und ihre Veröffentlichungen wesentlich schärfer verfolgt werden als Tarnorganisationen und -zeitschriften der Nationalsozialisten“.

Die Literatur, so Fried, dürfe aber keine „dienende Magd der Politik sein“. Ihre Aufgabe, wie die aller Kunst, sei es, „gegen die Entfremdung zu kämpfen – für das wirkliche Hören, Sehen, Fühlen, Denken gegenüber den Schablonen und den denkfeindlichen und sehfeindlichen Mustern in unserer Gesellschaft“.

Frieds umfangreiches lyrisches Werk beweist, dass die Kunstform des Gedichts die Entfremdungen des Menschen nicht nur benennen kann, sondern dass sie den Blick der Menschen auf ihr eigenes Denken und Tun so zu erweitern versteht, dass sie künftig der Wunsch prägt, ihr eigenes Leben zu verändern.
Erich Fried setzte fort, was Brecht als Lyriker begann und heute vom Lyriker und Musiker Konstantin Wecker fortgesetzt wird. Auf seinem Album „Jeder Augenblick ist ewig“ (2020) sind Weckers „Variationen über ein Gedicht von Erich Fried“ zu hören. So friedlich sei er nicht, singt er ganz im Sinne Frieds, dass er seinen „Frieden mache mit den Kriegen“. Der Jude Fried wollte auch keinen Frieden mit denen machen, die einst selbst Opfer waren: „Seit dem Judenmord des Hitlerfaschismus“, sagte er, „hat in Westeuropa ein begreifliches kollektives Schuldgefühl oft dazu geführt, dass man sich jede Kritik an Juden verbietet, wobei man noch dazu Juden und Zionisten meist kurzerhand gleichsetzt. Ich aber empfinde außer Solidarität mit allen unschuldig Verfolgten und Benachteiligten auch etwas wie Mitverantwortlichkeit für das, was Juden in Israel den Palästinensern und anderen Arabern tun; auch für das, was sie in aller Stille jenen Juden antun, die dagegen kämpfen und protestieren.“ Sein Gedicht „Höre, Israel“ (1967) wird heute sicher von einigen, die nicht zu differenzieren verstehen, als antisemitisch beschimpft. Fried hätte folgende Zeilen heute trotzdem öffentlich und mutig vorgetragen: „Ich wollte nicht/daß ihr im Meer ertrinkt/aber auch nicht daß andere durch euch/in der Wüste verdursten//Als ihr verfolgt wurdet/war ich einer von euch/Wie kann ich das bleiben/Wenn ihr Verfolger seid?“

Ein Gespräch über Bäume in finsteren Zeiten sei „fast ein Verbrechen“, hatte Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ geschrieben, „weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Nach den Untaten von Auschwitz, so Adorno, seien Gedichte überhaupt nicht mehr möglich. Erich Fried schrieb Gedichte und sprach über Bäume. Aber wie er es tat, war Beweis dafür, dass Kunst etwas kann, was Wissenschaft und Philosophie nicht können: Sie reinigt vereinsamte, vertrocknete Seelen und vermittelt ein Selbstbewusstsein darüber, dass jeder Einzelne Subjekt der einen Menschheit ist, dass nur von Entfremdung befreit werden kann, der sich dieses Selbstbewusstsein erkämpft. Im „Gespräch über Bäume“ heißt es beispielsweise: „Seit der Gärtner die Zweige gestutzt hat/sind meine Äpfel größer/Aber die Blätter des Birnbaums sind krank/Sie rollen sich ein/In Vietnam sind die Bäume entlaubt.“

Fried führt ein Gespräch mit dem partikularen Ich des verdrängenden und auf sich fixierten Europäers, der nicht sehen will, dass der imperialistische Krieg in Vietnam sein Krieg ist. Er erklärt nicht die Ursachen des Krieges im Allgemeinen, sondern zeigt im Einzelnen – indem er den Menschen und die Natur hier und da vergleicht – die Besonderheit der Menschen hier und da. Da Zerstörung und Tod, hier Wohlstand und Ignoranz. Wen die Darstellung dieser Besonderheit kaltlässt, dem hilft auch kein Vortrag über den Imperialismus im Allgemeinen.

Auch wenn die Berechnung Unglück, die Angst Schmerz, die Einsicht aussichtslos, der Stolz lächerlich, die Vorsicht leichtsinnig und die Erfahrung unmöglich sagt, antwortet Fried: „Es ist was es ist sagt die Liebe.“ Immer wieder macht Fried in seinen Gedichten deutlich, wie wichtig die Emotion der Leidenschaft und Liebe für ein menschliches Leben ist: „Ich möchte ein Mensch sein/und leben wie Menschen leben/und sterben wie Menschen sterben/Ich habe dich lieb.“ Dass Liebe nicht kitschig ist, sondern „ein Anfang der Zukunft/Herz der herzlosen Welt“, spürt auch der linke Leser, wenn er sich einlässt auf die Liebeslyrik Frieds, die mit einem Augenzwinkern auf die Schwäche der Linken schaut und fragt: „Meinst du/Genosse/ein Außenstehender soll/überhaupt nicht merken/dass es ein Liebesgedicht ist?“ Nun, ein „linkes Liebesgedicht“ gibt es nicht, sagt die Liebe. Die Liebesfähigkeit, die braucht es unbedingt im Einzelnen, wenn es im Allgemeinen darum gehen solle, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.


Rettung der Welt vor der Wirklichkeit
100 Jahre Erich Fried

Filmschau und Gala von Melodie & Rhythmus und junge Welt
Samstag, 8. Mai, 16 Uhr
Livestream: jungewelt.de/erich-fried


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"Die Muse hat Kanten", UZ vom 7. Mai 2021



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