Am 22. Juni jährt sich der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion zum 85. Mal. Heute bereitet Deutschland wieder einen großen Krieg gegen Russland vor. Mit Russophobie und Hetze soll die Bevölkerung darauf eingestimmt werden. UZ sprach mit Manfred Grätz, geboren 1935, über den 22. Juni 1941, die Lehren, die daraus in der DDR gezogen wurden, und die heute zu ziehen sind. Manfred Grätz, Generalleutnant a. D. war Stellvertretender Verteidigungsminister der DDR und bis zum Ende der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR Ende September 1990 Chef des Hauptstabes der NVA
UZ: Sie waren sechs Jahre alt, als Hitlerdeutschland die Sowjetunion überfallen hat. Haben Sie dieses denkwürdige Datum noch in Erinnerung?
Manfred Grätz: Ja, tatsächlich. Ich verbinde diesen Tag mit einem ganz persönlichen Erlebnis, das sich bei mir als Sechsjährigem tief eingegraben hat. Wir lebten damals in Sachsen in einem Mehrfamilienhaus mit mehreren Generationen unserer Großfamilie, angefangen vom Urgroßvater. Er war zu dem Zeitpunkt der einzige Mann im Haus, da alle anderen bereits zum Kriegsdienst eingezogen waren. Und ich erinnere mich, wie er an dem Tag zu uns in die Wohnung kam und sich mit meiner Mutter leise, aber aufgeregt unterhielt. Da lag ich noch im Bett und habe nur die Worte aufgeschnappt: „Das überlebt er nicht, das bricht ihm das Genick.“
Mir wurde klar, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein musste und ich ahnte, dass es nur um Hitler gehen konnte. Meine Mutter war überzeugte Antifaschistin und konsequente Kriegsgegnerin. Sie hatte ihren Vater im Ersten Weltkrieg verloren und nun diente ihr Mann, mein Vater, wiederum in einem Krieg.
UZ: Wie haben Sie den Rest des Krieges erlebt?
Manfred Grätz: Schon als Kind habe ich den Krieg hassen gelernt. Er nahm mir meinen Vater. „Vermisst nach heldenhaften Abwehrkämpfen gegen den Feind“, so stand es herzlos in einer Nachricht von einem Kompaniechef der Wehrmacht. Nachts bin ich immer wieder durch den Fliegeralarm aufgeschreckt worden und schnell in den Keller gerannt. Es war eine schlimme Zeit.
Den 8. Mai 1945 habe ich in der Tat als Befreiung erlebt, als Befreiung vom Krieg zunächst. Die größeren Zusammenhänge begriff ich erst später. Damals galt für mich nur: Jetzt, ohne Krieg, kann das Leben nur besser werden.
Und so habe ich mich ganz selbstverständlich für alles Neue engagiert, was in der Sowjetischen Besatzungszone entstand. Nach dem Krieg war ich überzeugt, nie wieder ein Gewehr in die Hand zu nehmen – das war, soweit ich das beurteilen konnte, die übereinstimmende Stimmung und Meinung der Masse der Bevölkerung in Ost und West. Doch sehr bald wurden wir Zeuge, wie sich der Kalte Krieg mehr und mehr zuspitzte, und wir begriffen schnell, wo wir hingehörten.
Ich war 14 Jahre alt, als die DDR gegründet wurde, und ich durfte als junger FDJler mit nach Berlin, um an dem Fackelzug der Jugend teilzunehmen. Das war so ein einschneidendes, prägendes Erlebnis für mich. Nachdem ich die warmen Worte unseres gerade gewählten Präsidenten Wilhelm Pieck gehört hatte, die er an uns vorbeiziehende Jugendliche richtete, uns eine glückliche, friedliche Zukunft wünschte, war mir klar: das ist mein Staat. Und daraus entstand später eine zweite Überzeugung: Diesen Staat müssen wir verteidigen. So wurde ich später Soldat der Kasernierten Volkspolizei und ab 1956 der Nationalen Volksarmee.
UZ: Das ist eine ganz andere Haltung als die der Jugend in der Bundesrepublik heute.
Manfred Grätz: Jede Armee dient ihrem Staat. Und viel hängt davon ab, ob und wie eng sich diejenigen, die in ihr dienen oder noch dienen sollen, mit diesem Staat identifizieren – oder eben nicht. Das war uns damals bewusst, und wir sehen es heute: Die Begeisterung, mit der junge Menschen auf die Aussicht einer Wehrpflicht reagieren, hält sich in engen Grenzen. Die Freiwilligen für die Bundeswehr bleiben eher aus.
UZ: Sie wurden dann in der Sowjetunion militärisch ausgebildet.
Manfred Grätz: Ich bin als junger Leutnant im Herbst 1955 in die Sowjetunion zum Studium an eine Militärakademie in Moskau delegiert worden. Diese vier Jahre waren ein Glücksfall für mich – sie haben mich charakterlich geformt und gefestigt. Mehr als alle anderen vorher und danach. Da ging es nicht in erster Linie um die militärische Ausbildung, das war selbstverständlich. Es ging um das Gesamterlebnis. Ich habe Land und Leute kennengelernt, so viele unbeschreiblich warmherzige, zuvorkommende gastfreundliche Menschen. Nie wurde gefragt, wo einer herkommt. Man war nicht Armenier oder Ukrainer oder sonst was. Man war sowjetischer Bürger.
In den vielen Gesprächen mit Genossen aus den anderen Warschauer-Vertrags-Staaten und mit den Lehrern an der Akademie wurde mir immer wieder bewusst, welche Bedeutung der 22. Juni 1941 hatte. Für uns alle; und besonders für alle Sowjetbürger, war klar: Ein 22. Juni darf sich nie wiederholen. Dafür haben wir mit allen Armeen des Warschauer Vertrages in enger Waffenbrüderschaft unseren der Erhaltung des Friedens verpflichteten Dienst getan.
UZ: Das war ja nur 10 Jahre nach Kriegsende. Wie wurden Sie als Deutscher aufgenommen?
Manfred Grätz: Ja, in der Tat. Die Spuren des Krieges waren in den Erinnerungen der Menschen noch längst nicht verblasst. Aber es gab viel Verständnis für unsere Argumente als Deutsche. Wir haben in der Akademie und auch außerhalb immer betont, dass wir andere Deutsche sind – dass wir, unser Staat, die DDR, mit dem faschistischen deutschen Staat, der die Sowjetunion überfallen hatte, nichts gemein haben. Das wurde akzeptiert und es gab im Großen und Ganzen keine Schwierigkeiten. Aber dennoch, der Krieg war vielen Menschen noch sehr präsent, und manchmal gab es auch andere Reaktionen.
Ich erinnere mich ungern an solch eine Begebenheit. Wir waren zu zweit in einem Restaurant, als ein uns Unbekannter hereinkam und sich zu uns setzte, wie es dort üblich ist. Wir kamen in ein zwangloses Gespräch und irgendwann fragte er, wo wir denn herkämen. Als wir sagten, dass wir Deutsche seien, verstummte das Gespräch. Er versank in sich. Dann stand er plötzlich auf und riss sich das Hemd auf. „Das waren auch Deutsche“, sagte er verbittert und ging. Über seine gesamte Brust zogen sich Narben: Spuren der Folterungen, denen er als Gefangener unter Wehrmachtssoldaten ausgesetzt gewesen war.
Wir saßen noch lange da und haben darüber gesprochen. Wir konnten diese Menschen verstehen. Häufig ist uns das nicht passiert – aber das Trauma des Krieges war natürlich noch da.
UZ: In den letzten Jahren ist von BRD-Politikern viel von Deutschlands „besonderer historischer Verantwortung“ gegenüber Israel die Rede. Zu den Völkern der ehemaligen Sowjetunion verlieren sie kein Wort.
Manfred Grätz: Ja – und das ist es, was mir wirklich richtig weh tut. Nach dieser schrecklichen Vergangenheit greifen Politiker so explizit wieder zur Hetze gegen Russland. Der amtierende Außenminister Johann Wadephul hat vor Kurzem wörtlich erklärt: „Russland wird immer unser Feind sein.“ Allein diese Aussage – angesichts unserer Geschichte – ist kaum auszuhalten. Und auf der anderen Seite diese einseitige, völlig unkritische Beziehung zu Israel: Partner, Freundschaft und so weiter. Das soll mittlerweile „Staatsräson“ sein.
UZ: Das Feindbild Russland spielt eine zentrale Rolle bei der aktuellen Militarisierung der BRD. Die angebliche „Bedrohung aus dem Osten“ rechtfertigt alles – Putin stehe „vor unserer Haustür“, zum Angriff bereit.
Manfred Grätz: Heute wird das Feindbild Russland wiederbelebt – in derselben Art und Weise wie zwischen 1933 und 1945. Das ist für mich der größte Skandal, der hier abläuft. Die Russen werden als Untermenschen dargestellt, als Menschen zweiter Klasse. Ich erinnere mich noch heute an ein Plakat aus meiner Kindheit: ein Mann mit einem Messer im Mund, links und rechts tropft Blut – „Der Russe kommt“. Alles, was Russland tut, wird reflexartig als Kriegsverbrechen oder Menschenrechtsverletzung präsentiert. Aber dieser Maßstab wird nur einseitig angewandt.
„Heute wird das Feindbild Russland wiederbelebt – in derselben Art und Weise wie zwischen 1933 und 1945. Das ist für mich der größte Skandal, der hier abläuft.“
Der Antisowjetismus und der Russenhass waren immer da. Zeitweise unterschwellig – aber nie wirklich überwunden. Wir wissen, was Churchill 1946 sagte: Sie hätten „das falsche Schwein geschlachtet“.
UZ: In Berlin liegt ein neuer Antrag der Grünen vor, der eine „kritische Kontextualisierung“ der sowjetischen Ehrenmale fordert. Konkret bedeutet das eine Kommentierung mit antikommunistischen Geschichtslegenden – so wie es vor zwei Jahren am Ernst-Thälmann-Denkmal geschah. Diesmal unterstützt auch „Die Linke“ den Antrag. Welche Rolle spielen solche Vorhaben?
Manfred Grätz: Der Angriff auf die Ehrenmale ist der deutlichste Ausdruck des Geschichtsrevisionismus. Die Umwidmung soll dazu beitragen, der deutschen Bevölkerung einzureden: Die Russen sind die Gefährlichen – damals wie heute. Der Aggressor ist der Russe, nicht wir.
Die Geschichtsfälschung spielt dabei eine zentrale Rolle. Im Zusammenhang mit der Ukraine wird beispielsweise nie über die Lage vor dem 24. Februar 2022 gesprochen. Stattdessen wird mit Adjektiven um sich geworfen – brutal, völkerrechtswidrig, menschenfeindlich, durch nichts zu rechtfertigen. Der „Linke“-Vorsitzende Jan van Aken macht da eifrig mit. Über die Vorgeschichte wird bewusst geschwiegen. Was auf dem Maidan geschah, welche Kräfte dort beteiligt waren, was aus Stepan Bandera gemacht wird – die gesamte Entwicklung der Ukraine nach 1945 – kein Wort. Sie wird stilisiert als Demokratie, die auch unsere Demokratie verteidigt.
Das ist für mich widerlich. Es tut mir weh – körperlich weh –, wenn ich das sehe und immer wieder hören muss.
UZ: Als ehemaliger Militär können Sie die Lage einschätzen. Stellt Russland eine militärische Bedrohung für die EU dar?
Manfred Grätz: Diese Bedrohung entbehrt jeder realen Grundlage. Putin und sein Apparat kennen das Kräfteverhältnis sehr genau. Die NATO ist – selbst ohne die USA – zum gegenwärtigen Zeitpunkt die stärkere Streitmacht.
Russland hat ein Plus: das Kernwaffenpotenzial. Da kann Europa nicht mithalten, und auch die USA tun sich schwer. Was mich beunruhigt: Wenn ich höre, wie Drohnen in St. Petersburg und anderswo in der Tiefe Russlands einschlagen – wie lange noch, bis der Kragen platzt? Da wird mit dem Feuer gespielt.
Dennoch bin ich fest davon überzeugt, hoffe, dass mich meine Meinung nicht trügt, dass es nicht zum globalen Atomkrieg kommen wird. Auch wenn manche Staatsoberhäupter die Lage nicht nüchtern einzuschätzen scheinen – die Militärs wissen es. Und eines ist klar: Wer den ersten Schlag führt, geht genauso unter. Ich glaube nicht, dass das jemand riskiert.
UZ: Hoffen wir, dass Sie Recht behalten. Trumps Kabinett und seine aktuellen Pläne erwecken nicht den Eindruck, dass die USA bereit sind, friedlich abzutreten.
Manfred Grätz: Trump ist ein Fundamentalist – dem ist alles zuzutrauen. Ich stecke natürlich nicht drin. Aber als ehemaliger Militär weiß ich: Ein solcher Entschluss kommt nicht von ungefähr und ist auch keine Einzelentscheidung. Auch oberste Befehlshaber wie Trump und Putin haben kluge Berater und Stäbe, in diesem Falle Generalstäbe, um sich. Ich bin überzeugt, dass sich dabei jemand findet, der die Vernunft bewahrt. Das ist meine Hoffnung – und zugleich meine Überzeugung. Möge die Vernunft den Wahnsinn besiegen.
UZ: Bundeskanzler Friedrich Merz hat angekündigt, in Deutschland die stärkste konventionelle Armee Europas aufbauen zu wollen. Was halten Sie davon – und ist das überhaupt machbar?
Manfred Grätz: Als ich das zum ersten Mal hörte, musste ich lachen. Typisch deutscher Größenwahn, schoss es mir durch den Kopf. Da sind Politiker am Werk, die weit von der Realität entfernt sind. Der Zustand der Bundeswehr lässt das nicht zu. Noch vor kurzer Zeit wurde er von einem hohen Offizier der Heeresführung als „blank” eingeschätzt. Und das, was selbst in den Mainstreammedien ab und an über die technische Einsatzbereitschaft von Gerät und Waffen berichtet wird, klingt nicht gerade „optimistisch“ und ist vom Merz‘schen Ziel weit entfernt. Da fällt mir wieder eine scherzhafte Redewendung ein, die früher bei uns kursierte: „Die Bundeswehr ist keine Armee, sie ist eine Wehr – wie die Feuerwehr.“ Das war natürlich ein Scherz. Man muss diese Pläne ernst nehmen – aber sie sind meines Erachtens illusorisch. Es gibt auch in Europa Armeen, die der Bundeswehr deutlich überlegen sind. Weder materiell noch personell wird die Bundesrepublik das schaffen – erst recht nicht in dem Zeitrahmen, den sie sich gesetzt haben und nicht ohne radikale Einschränkungen für die Bevölkerung. Ich halte es für aussichtslos. Aber das macht diese Pläne nicht weniger gefährlich.









