George Grosz in der Staatsgalerie Stuttgart

Ein genialer Nein-Sager

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 verdeutlichte der Imperialismus der Menschheit, dass er ihr keine Zukunft mehr bieten kann. Diese läutete das russische Proletariat 1917 mit dem Roten Oktober ein. Beide Ereignisse trugen dazu bei, dass sich im Zentrum der Bestie eine neue Kultur entwickelte. Geprägt durch Blut, Dreck, Zerstörung und Unmenschlichkeit, aber auch in der Hoffnung auf Neues brachte gerade Deutschland Künstler wie Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Ernst Busch oder Kurt Tucholsky hervor. Einer der bekanntesten dieser Kunstschaffenden war George Grosz, dem noch bis zum 26. Februar 2023 eine Sonderausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie gewidmet ist.

Der 21-jährige Grosz wurde nicht vom nationalen Kriegstaumel im August 1914 erfasst. Dennoch meldete er sich im November als Kriegsfreiwilliger. Er hoffte, sich dadurch dem Front­einsatz entziehen zu können. Doch auch in der Etappe waren die Schrecken des Krieges nicht zu ignorieren. Sie machten dem jungen Mann schwer zu schaffen und sorgten dafür, dass er nach mehreren Krankenhausaufenthalten schon im Mai 1915 dienstuntauglich entlassen wurde. Die kurze Zeit hatte gereicht, ihn zum Kriegsgegner zu machen und seinen Hass auf die Herrschenden und die ihnen nachlaufenden Deutschen zu vollenden.

Georg Ehrenfried Groß wurde 1893 in Berlin geboren. Aufgewachsen ist er in Stolp (heute Słupsk an der polnischen Ostseeküste). Seine Eltern waren Gastwirte. Nach dem Tod des Vaters 1902 bewirtschaftete die Mutter das Offizierskasino. Von Kindheit an war Grosz Zeuge des preußischen Militarismus. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen erweckte er in ihm Widerständigkeit. Er flog 1908 von der Schule, weil er einen Lehrer, der ihn ohrfeigte, zurückschlug. Auf Empfehlung seines Kunstlehrers ging Grosz an die Königliche Kunstakademie in Dresden und konnte danach ein Stipendium für die Kunstgewerbeschule in Berlin ergattern.

Schon früh interessierte er sich für Kunst, verschlang aber auch die kleinbürgerliche Alltagsliteratur in Illustrierten ebenso wie die Werke von Karl May. Dessen fantastische Darstellung des Lebens in Nordamerika faszinierte ihn und weckte den Wunsch, die Mythen von Cowboys und Indianern, die Herausforderung durch das Böse und den Sieg des Guten selbst zu erleben. Dieses idealisierte Bild von der Freiheit in „Amerika“ und der Hass auf das deutsche Spießertum führten dazu, dass der gebürtige Groß seinen Namen anglisierte, ähnlich wie sein späterer Freund John Heartfield.

Die Gemetzel des Krieges machten das Menschenmaterial knapp und Grosz wurde 1917 wieder eingezogen. „Meine Nerven gingen entzwei, ehe ich dieses Mal nah der Front verweste Leichen und stechenden Draht sah – vorerst hat man mich unschädlich gemacht, interniert, zur speziellen Begutachtung meiner noch infrage kommenden Dienstfähigkeit. Die Lage ist die: Entweder man schickt mich d. u. (dienstuntauglich – B. B.) at home, oder aber wieder retour“, schrieb er an einen Freund. Seine Zeichnungen nutzte er als Möglichkeit, mit dem Erlebten umzugehen. Sein Bleistift fing das Grauen ein: Verwundete, Verstümmelte, emotional und moralisch zerstörte Menschen. Dazwischen Offiziere, die in den Fleischhaufen nach weiterem Kanonenfutter suchten. Diese Eindrücke prägten seine späteren Bilder.

Im Mai 1917 war der Krieg für Grosz beendet. Für die Militaristen taugte er nicht einmal mehr zum Verheizen an der Front. Zusammen mit John Heartfield und dessen Bruder Wieland Herzfelde machte er sich an die künstlerische Bekämpfung des Krieges. Herzfelde und Grosz hatten sich bereits 1915 kennengelernt. In Herzfeldes Zeitschrift „Neue Jugend“ wurden erstmals Zeichnungen von Grosz veröffentlicht. Unterstützt unter anderem vom bürgerlichen Pazifisten Harry Graf Kessler gründeten die drei 1917 den „Malik-Verlag“. Zahlreiche fortschrittliche Künstler und Autoren konnten dort ihre Werke veröffentlichen. Durch die Preispolitik des Verlags wurden Kunst und Literatur erschwinglich. Damit war eine Möglichkeit geschaffen, eine Verbindung zwischen Künstlern, Kunst und Arbeiterklasse herzustellen.

Im Oktober 1917 beendeten die Bolschewiki den Krieg und läuteten die Epoche des Übergangs zum Sozialismus ein, im November des folgenden Jahres schlossen sich die deutschen Arbeiter ihren russischen Genossen an und drehten die Gewehre um. Grosz wurde 1919 Mitglied der KPD und nutzte sein Talent für den Klassenkampf.

Die Sonderausstellung in Stuttgart ist ein Glücksfall. Sie wurde vorbereitet für das „Metropolitan Museum of Art“ in New York, wo sie allerdings aufgrund von Corona-Maßnahmen nicht gezeigt werden konnte. In der Stuttgarter Staatsgalerie ist nunmehr nach fast 30 Jahren wieder eine große Grosz-Ausstellung unter dem Titel „Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre“ in Deutschland zu sehen. Politisches und Persönliches des Künstlers finden Raum, wobei die Ausstellung erfreulicherweise ohne Antikommunismus auskommt und hinsichtlich der Darstellung der Abscheulichkeit des deutschen Militarismus und der Verkommenheit der Herrschenden neutral bleibt. Gezeigt werden auch Bilder, die ganz andere Menschen einfangen und weniger bekannt sind. Mit viel Mitgefühl zeichnete und malte Grosz die Opfer, Kriegsversehrten und Armen. Hass auf die Herrschenden und Empathie für ihre Opfer sind so vereint.

Vermutlich werden die Macherinnen der Ausstellung wie auch ein Großteil der Besucher die politische Verbindung zu heute kaum herstellen können. Die Fratzen des deutschen Imperialismus und Militarismus sind ja im Wesen die gleichen geblieben. Ihre Hässlichkeit versteckt sich heute hinter Kleidchen und „feministischer Außenpolitik“ oder der „Unschuldsmiene“ eines vormaligen Kinderbuchautors. Grosz würde heute die Fratzen hinter ihren Masken entlarven, den deutschen Kanzler ähnlich als Emporkömmling schmähen, wie er es mit Friedrich Ebert tat – nur bei einer Karikatur des Oppositionsführers müsste er an dessen realer Visage gar nicht mal so sehr viel ändern. Und das ist nur das politische Personal – dahinter steht das große Kapital.

In seiner Ablehnung des Imperialismus ist Grosz ein großartiger Chronist von dessen Fäulnis gerade in Deutschland. Gegenüber den Totengräbern des Alten als Handelnde blieb er auf Distanz. Nach einer Reise in die Sowjetunion trat er aus der KPD aus. 1953, zur Hochzeit des Kalten Krieges, schrieb er in seiner Autobiografie, er hätte damals mit dem Kommunismus gebrochen. Bis zu seiner Flucht vor den Faschisten arbeitete er allerdings eng mit den Herzfeld-Brüdern und dem „Malik-Verlag“ zusammen. Im US-amerikanischen Exil verliert sich seine Kunst, den Bleistift als Waffe zu nutzen. „Wenn auch mein amerikanischer Traum ’ne Seifenblase war, schön geschillert hat se doch“, schreibt er 1958 in einem Brief. Sein „Nein“ zum Bestehenden fand kein „Ja“ in den Illusionen von Karl May und auch nicht in der zuweilen schmutzigen Realität des Klassenkampfs für die Schaffung einer neuen – menschlichen – Gesellschaft. Anschauen sollte man sich die Ausstellung trotzdem.


Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre. George Grosz in Berlin.
Sonderausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart
(noch bis zum 26. Februar 2023)


Grosz2 - Ein genialer Nein-Sager - Malerei - Kultur
Sonnenfinsternis
1926 entstand das größte bekannte Gemälde von Grosz. An einem grünen Tisch tagt der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg mit einer kopflosen Regierung. Hindenburg, mit fieser Fratze, dicker, roter Nase und roten Wangen und Ohren und einem Lorbeerkranz auf dem Kopf, ähnlich wie die römischen Kaiser, trägt seine Uniform und seine Orden. Vor ihm liegt sein blutverschmierter Säbel. Daneben steht ein schwarz-weiß-rot gestreiftes Kreuz als Zeichen des Kaiserreichs. Die Regierungsbeamten stecken in feinen Anzügen, tragen Gamaschen und scheinen darauf zu warten, Anordnungen zu bekommen. Auf dem Tisch steht ein Esel mit Scheuklappen, verziert mit dem Reichsadler. In einem Trog vor ihm liegen zahlreiche Zeitungen, die er verspeisen möchte. Oben rechts flüstert ein dicker, hässlicher Mann in Anzug und Zylinder Hindenburg ins Ohr. Unter seinem Arm hat er eine reichliche Auswahl an Waffen. Über den Gebäuden links oben wird die Sonne verdeckt durch den Mond, der das Dollarzeichen trägt. Unten rechts sind ein Skelett sowie Schädel und Knochen zu sehen. Dahinter ist ein Gesicht – das einzige mit menschlichen Zügen – hinter einem Gitter gerade noch zu erkennen.
An der Oberfläche schien die Weimarer Republik sich nach der revolutionären Nachkriegskrise zu stabilisieren. US-amerikanische Kredite hatten zu einem Wirtschaftsaufschwung geführt, der aber nicht über das Massenelend hinwegtäuschen konnte. Das deutsche Monopolkapital machte sich erneut an die alten Weltherrschaftspläne. Dafür stand die Wahl des Monarchisten und Militaristen Hindenburg zum Reichspräsidenten. Die Herren der Banken und Konzerne behinderte das bisschen Weimarer Demokratie in ihrem Kampf um Maximalprofite. „Sonnenfinsternis“ ist damit ein kluger Blick voraus in die deutsche Geschichte und eine Vorahnung der Machtübertragung an den Faschismus.

Grosz3 - Ein genialer Nein-Sager - Malerei - Kultur
Schönheit, dich will ich preisen
Das Bild erschien im Jahr nach der Novemberrevolution in der Mappe „Ecce Homo“ und wurde beschlagnahmt, da es „unzüchtig“ sei. Der Grund dafür war die sichtbare Schambehaarung der Prostituierten im Vordergrund. Sie sitzt fast nackt am Tisch, nur bekleidet mit blauen Strümpfen, und raucht eine Zigarette, vor ihr steht ein Weinglas. Sie trägt eine Fellstola um die Schulter. Das rote Halsband hat am Hals blutige Spuren hinterlassen, ebenfalls blutunterlaufen sind ihre Augen. Sie blickt apathisch ins Leere. Hinter ihr drei Männer, an ihrer Kleidung als zur „besseren Gesellschaft“ gehörend erkennbar – grau-grün-hässlich, mit kleinen, bösen Augen. Die Prostituierte im Hintergrund trägt einen Mantel, ihr Gesicht ist nicht mehr klar erkennbar und hat schon deutliche Züge eines Totenschädels.
In grellen Farben malte Grosz die Realität der bürgerlichen Gesellschaft nach Weltkrieg und Novemberrevolution. Die Reichen leben in einem abscheulichen Puff, in dem es keinerlei menschliche Regung mehr gibt.

Grosz1 - Ein genialer Nein-Sager - Malerei - Kultur
Maul halten und weiter dienen
Der Theaterregisseur Erwin Piscator inszenierte zusammen mit Bertolt Brecht das Stück „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“. Dafür entwarf Grosz die Kostüme und das Bühnenbild. Dazu gehörten Trickfilmsequenzen, die sich satirisch mit dem Militarismus auseinandersetzten.
Der ausgemergelte Christus, in Stiefeln ans Kreuz genagelt, mit Gasmaske vorm Gesicht, unter einem leuchtenden Heiligenschein, schafft es gerade noch, mit seiner linken Hand ein einfaches Holzkreuz als Symbol des Christentums in die Höhe zu halten. Das Bild erschien 1928 zusammen mit 17 anderen Entwürfen für das Theaterstück als Mappenwerk „Hintergrund“ bei Malik. Zusammen mit zwei weiteren Zeichnungen verursachte es eine Prozesslawine, die sich durch sechs Instanzen der Weimarer Klassenjustiz zog. Anlass für die Anklage gegen Grosz und Wieland Herzfelde wegen Gotteslästerung waren die Worte am unteren Rand des Bildes: „Maul halten und weiter dienen“. Die Prozesse zogen sich bis ins Jahr 1931 und erregten internationales Aufsehen, weite Teile auch der bürgerlichen Presse berichteten wohlwollend im Interesse der Kunstfreiheit. Die zentrale Frage bei der Auseinandersetzung war, ob die beanstandeten Worte Jesus in den Mund gelegt würden. Grosz selbst verteidigte sich mit dem Argument, dass – hätte Jesus während des Ersten Weltkriegs das Evangelium verkünden wollen und zum Frieden aufgerufen – ihm sicher entgegengeschrien worden wäre: „Maul halten und weiter dienen“.

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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Ein genialer Nein-Sager", UZ vom 23. Dezember 2022



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