Am Donnerstag erhielt der 1967 in Deutschland geborene US-Unternehmer Peter Thiel in Berlin den Axel-Springer-Award. In der Begründung hieß es, Thiel, der in Apartheid-Südafrika die Schule besucht und in den 80ern in Kalifornien bei einem faschistischen Ideologen studiert hatte, sei „einer der einflussreichsten Unternehmer und Investoren des digitalen Zeitalters. Als Mitgründer von PayPal trug er maßgeblich dazu bei, den Grundstein für den weltweiten digitalen Zahlungsverkehr zu legen. Als erster externer Investor bei Facebook erkannte er früh das transformative Potenzial sozialer Netzwerke. Als Mitgründer von Palantir baute er eines der wertvollsten Unternehmen unserer Zeit auf – ein Unternehmen, das für die Widerstandsfähigkeit von Demokratien von entscheidender Bedeutung ist. Über seinen Founders Fund unterstützte er zahlreiche Unternehmen, deren Innovationen heute ganze Branchen prägen – von der künstlichen Intelligenz und Biotechnologie bis hin zur Weltraumforschung.“ Das Vermögen Thiels wurde von „Forbes“ im September auf 37,2 Milliarden US-Dollar geschätzt, Springer-Vorstandschef und Milliardär Mathias Döpfner (etwa 1,3 Milliarden US-Dollar) nannte ihn bei der Preisverleihung den „vielleicht einflussreichsten lebenden Deutschen“. Der anwesende Palantir-Chef und Milliardär Alex Karp (etwa 16 Milliarden US-Dollar) sprach vom „letzten Deutschen“.
Die Entwicklung der Palantir-Software, die zum Beispiel die bayerische Polizei zur Überwachung einsetzt, wurde von der CIA mitfinanziert. Markus Söder (geschätztes Vermögen: ungefähr drei Millionen Euro) saß daher zu Recht am Donnerstag im Publikum und wurde von Döpfner huldvoll-humorig damit begrüßt, Bayern sei einer der letzten Orte in Deutschland, an denen Kapitalismus und Technologie keine Schimpfwörter seien. Söder sah dankbar nach oben. Döpfner, dessen Blätter das Ergebnis der Wahlen zum Abgeordnetenhaus von Berlin nicht akzeptieren, merkt angesichts von 200 Demonstranten vorm Haus noch an: „Vielleicht hätten wir Antisemiten, Islamisten, Clanchefs der Organisierten Kriminalität einladen sollen. Dann wäre die Veranstaltung ohne Protest abgelaufen. Das ist Berlin, meine Damen und Herren, das ist Berlin.“ Seine Villa steht im Potsdamer Milliardärsviertel.
Karps Aussage zum möglichen Aussterben der Deutschen nach oder durch Thiel passte zum Abend: Superreiche vom Schlage Thiel oder Döpfner müssen stets nervös sein und wähnen, alle seien hinter ihnen und ihrem Vermögen her. Döpfner sah zum Beispiel schon 2010 in einem „Welt“-Artikel das Kalifat vor der deutschen Tür stehen. Thiel, der 2016 Donald Trump als Präsidentschaftskandidaten der Republikaner auswählte und auch den jetzigen US-Vizepräsident J. D. Vance sponsert, redet seit drei Jahren öfter vom „Antichristen“, der demnächst die Welt beherrschen wolle. Er bekämpft das Monstrum – wie im Frühjahr in Rom – mit Vorlesungen, bei denen keine Aufzeichnungen gemacht werden dürfen, aber deren Inhalt anschließend zum Beispiel in der „Zeit“ steht.
Im Gespräch mit Döpfner am Donnerstag zeigte sich, dass er seine Mission für erfolgreich und sich selbst für den Erlöser und einen Massenführer hält. Am Anfang sei er mit der Furcht vorm „Antichristen“ extrem allein gewesen, aber jetzt: „Viele haben das Gefühl, dass sich die Welt in Richtung Totalitarismus bewegt. Viele glauben, dass eine große Bedrohung unmittelbar bevorsteht.“ Außerdem: „Die Wahrheit der Meta-Ebene ist, dass die meisten Menschen behaupten, die Vorstellung eines Antichristen sei völlig absurd. Und in Wirklichkeit stimmen sie mir heimlich zu.“
Ob solche Äußerungen bereits auf eine komplett ausgebildete Paranoia deuten, mögen andere beurteilen. Das Problem besteht nicht im großen Sprung in Thiels Schüssel, sondern darin, dass er Weltmacht will.
Wie alle Großsysteme aus dem Geist des Unsinns enthält auch seines Anflüge von Wahrheit. In Berlin erläuterte er, der Westen sei seit den 70er Jahren in eine „nicht vollständige, aber doch weitreichende Stagnation“ geraten: „Es gab Fortschritt in der Welt der Bits – Computer, Internet, Software – aber nicht so sehr in der der Atome. Viele Ingenieurdisziplinen galten nicht mehr als attraktive Studienfächer. Maschinenbau, Chemieingenieurwesen, Luft- und Raumfahrttechnik oder Kerntechnik waren spätestens in den 1980er Jahren keine Bereiche mehr, die man als besonders vielversprechend ansah.“ Das sei ein wichtiger Faktor für das, was in den Gesellschaften schiefgelaufen sei: „Die Politik wurde stärker polarisiert, weil bei geringem Wachstum jeder Gewinner automatisch einen Verlierer hat. Alles wird zum Nullsummenspiel. Das Internet war ein bedeutender Wachstumstreiber, aber nicht groß genug, um unsere gesamte Zivilisation auf eine neue Stufe zu heben. Künstliche Intelligenz könnte größer sein als das Internet. Sie hat zumindest das Potenzial, das Wachstum wieder zu beschleunigen.“
Das klingt eine Nummer größer als das „Wachstum durch Rüstung“ von Friedrich Merz und Lars Klingbeil. Die haben zunächst nur Russland als Feind, Thiel die ganze Welt des „Antichristen“, der Wachstum verhindern will. Wer also, wie der Papst in seiner jüngsten Enzyklika, KI kritisch sehe, „könnte unbeabsichtigt die Rolle eines nützlichen Idioten für die Kommunistische Partei Chinas spielen“. Die werde nämlich nicht auf Leo XIV. hören. Döpfner: „Einige KI-Unternehmer behaupten, China verbreite gezielt Anti-KI-Inhalte in den USA.“ Thiel: „Ich neige dazu, das für plausibel zu halten.“ Das stammt nicht aus einer psychiatrischen Anstalt, es lässt sich nachlesen. Thiels folgender Satz – „Aber der größte Teil dieses Problems ist hausgemacht“ – besagt immerhin, dass er Realität partiell wahrnimmt, Döpfner folgt bereits komplett jedem rechten Wahn.
Der vom Spuk geleitete Thiel regiert bereits mit Trump und Vance große Teile der Welt, der Papst und die KP Chinas widerstehen allerdings. Es droht also die Apokalypse. Thiel arbeitet daher an seiner Unsterblichkeit per Biotechnologie und erwarb zudem jüngst in Buenos Aires und in Uruguay größere, in Medien als „Bunker“ bezeichnete, Anwesen: Der nächste Weltkrieg werde auf der Nordhalbkugel stattfinden.
Der Mann hat rein kopfmäßig den Axel-Springer-Award verdient, auch wenn er sich dazu in die Nähe solcher armen, aber buckelnden Geschöpfe wie Döpfner oder Söder begeben muss. Für die Weltherrschaft scheut Thiel keine Missionsveranstaltung.








