Seit Januar 2026 sprechen die Vereinten Nationen nicht mehr von einer Wasserkrise, sondern von einem globalen „Wasserbankrott“: Die Menschheit hat nicht nur ihr jährliches Einkommen aus Regen, Flüssen und Schnee überzogen, sondern zehrt auch ihre Ersparnisse auf – Grundwasser, Gletscher, Feuchtgebiete. 70 Prozent der großen Grundwasserleiter weltweit zeigen sinkende Pegel, mehr als die Hälfte der großen Seen verliert Wasser und 2,2 Milliarden Menschen haben keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser.
Zugleich wächst der Bedarf, wie ihn vor wenigen Jahren niemand eingeplant hatte: Rechenzentren des KI-Booms verdunsten Wasser zur Kühlung, Chipfabriken brauchen Reinstwasser, Getränkekonzerne sichern sich Quellen, Auto- und Batteriewerke entstehen dort, wo Strom billig und Land verfügbar ist – also oft dort, wo es trocken ist. So ist aus einem Umweltthema ein Verteilungskampf zwischen Kommunen und Konzernen geworden.
Dieser Kampf folgt einer Kette: Das Klima legt fest, wie viel Wasser nachkommt. Das Grundwasser ist der Speicher, von dem gezehrt wird. Konzerne sichern sich den Zugriff – und wer entscheidet, wer bei Knappheit verzichtet? Eine Machtfrage, die in den Kommunen ausgetragen wird.
Die Atmosphäre wird durstiger
Der Klimawandel verändert nicht nur, wie viel Regen fällt, sondern vor allem, wie viel Regen bleibt. So die Forschungsgruppe World Weather Attribution im Juli 2026: Nicht der Niederschlagsmangel allein, sondern die durch Hitze gestiegene Verdunstung treibt die Dürre in Europa und weltweit voran. Wärmere Luft zieht mehr Feuchtigkeit aus Böden und Pflanzen – Forscher sprechen vom „Durst der Atmosphäre“. Niederschlagsdefizite, die früher keine Dürre ausgelöst hätten, führen heute dazu. Eine Dürre wie die im Frühjahr und Sommer 2026 in Westeuropa ist bei der heutigen Erwärmung etwa fünfmal wahrscheinlicher als in vorindustrieller Zeit.
Für das Grundwasser ist das von entscheidender Bedeutung, denn neues Grundwasser entsteht nur aus dem Anteil des Regens, der weder verdunstet noch von Pflanzen aufgenommen wird. Steigt die Verdunstung, schrumpft dieser Anteil – selbst wenn die Jahresniederschlagssumme gleichbleibt. Der Klimawandel ist somit nicht nur ein Faktor unter vielen, sondern die Größe, die das verfügbare Angebot für alle festlegt.
Wasserkonto im Minus
Grundwasser ist der größte direkt nutzbare Süßwasserspeicher und zugleich der am wenigsten sichtbare. Es deckt rund die Hälfte des weltweiten Trinkwasserbedarfs, über 40 Prozent der Bewässerung sowie ein Drittel des industriellen Bedarfs und speist Flüsse, Seen und Feuchtgebiete. In fast allen besiedelten Regionen wird seit Jahrzehnten mehr gepumpt als nachsickert, und der Rückgang beschleunigt sich. In Trockenregionen dauert die Erholung eines leergepumpten Speichers Jahrhunderte.
Der Klimawandel verschärft die Übernutzung von zwei Seiten: Einerseits verringert er die Neubildung, andererseits treibt er die Nachfrage nach Bewässerung und Kühlung, die fast überall mit Grundwasser bedient wird, in die Höhe. Die Folgen reichen über leere Brunnen hinaus: Wenn Grundwasserleiter (Aquifere) entleert werden, verdichtet sich das Gestein. Städte wie im kalifornischen Central Valley sinken um bis zu 25 Zentimeter pro Jahr. Ein verdichteter Aquifer kann nie wieder so viel Wasser speichern wie zuvor.
Wer sich das Grundwasser sichert
Die Landwirtschaft bleibt weltweit der größte Grundwasserverbraucher, doch Konflikte entzünden sich meist an der Industrie, weil ihre Entnahmen punktuell, genehmigt und vertraglich gesichert sind, zu Preisen, die mit denen privater Haushalte nichts zu tun haben. Das Muster ist überall gleich: Ein Konzern erhält Zugriff auf eine Quelle oder einen Grundwasserleiter, der Vertrag gilt als Geschäftsgeheimnis, und wenn die Pegel sinken, streiten Bürger, Behörden und Unternehmen darüber, wer zuerst verzichten muss.
Hinzu kommt das Missverhältnis zwischen lokaler Wasserknappheit und globaler Produkt-Nachfrage: Chip, Auto oder Getränkedose werden exportiert, das Wasser bleibt vor Ort verbraucht. Der Klimawandel entwertet zudem die Genehmigungsgrundlagen, da fast alle Entnahmerechte aus Jahren mit größerem Wasserangebot stammen und kaum ein Gesetz vorsieht, sie an sinkende Pegel anzupassen.
Fallbeispiel Brandenburg: Tesla und Red Bull
Brandenburg ist gewässerreich – 3,5 Prozent der Fläche sind Wasser – und zugleich wasserarm: Nur etwa 570 Millimeter Niederschlag im Jahr, eine um bis zu 40 Prozent gesunkene Grundwasserneubildung seit den 1980er Jahren, und fast das gesamte Trinkwasser stammt aus dem Grundwasser. Hier befinden sich zwei der umstrittensten Industrieansiedlungen des Landes:
Tesla in Grünheide: Die „Gigafactory“ (Produktionsstart im März 2022) wurde teilweise in einem Trinkwasserschutzgebiet errichtet und wird vom Wasserverband Strausberg-Erkner (WSE) versorgt. Der WSE beliefert rund 170.000 Menschen mit Grundwasser aus dem Urstromtal, das aus vier Wasserwerken stammt. Ein erster Vertrag aus dem Jahr 2020 sicherte Tesla bis zu 1,8 Millionen Kubikmeter Trinkwasser pro Jahr zu. Dazu beantragte der WSE im Jahr 2019 eine Erhöhung der Fördermenge im Wasserwerk Eggersdorf von 2,5 auf 3,8 Millionen Kubikmeter Grundwasser. Das Landesumweltamt genehmigte die Erhöhung im Jahr 2020, allerdings basierte die Genehmigung auf Unterlagen eines anderen Wasserwerks aus dem Jahr 1976. Das Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder) erklärte die Genehmigung im Jahr 2022 nach einer Klage von NABU und Grüner Liga wegen fehlender Öffentlichkeitsbeteiligung für rechtswidrig. Das Land duldete die erhöhte Fördermenge trotzdem, da Fehler und Prüfungen durch ein ergänzendes Verfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung „geheilt“ wurden. Im November 2025 landete die ganze Sache schließlich beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Die Umweltverbände fordern weiterhin den vollständigen Stopp der erhöhten Wasserförderung in Eggersdorf, da sie zu Recht gravierende ökologische Folgen für die Natur befürchten.

Durch den Druck von Bürgerinitiativen und Umweltverbänden sowie aufgrund nicht erzielter Produktionszahlen (geplant waren 500.000 Fahrzeuge pro Jahr, 2025 waren es jedoch nur 202.000) hat Tesla im Jahr 2025 im Zuge von Neuverhandlungen mit dem WSE 377.000 Kubikmeter Wasserrechte zurückgegeben. Diese werden nun vom Wasserverband für andere Zwecke (wie Wohnungsbau oder andere Gewerbe) vergeben. Die neue Liefermenge liegt jetzt bei 1,4 Millionen Kubikmetern pro Jahr. Laut „eigenem Umweltbericht“ verbrauchte das Werk 2025 nur 304.734 Kubikmeter Frischwasser, ein Drittel weniger als 2024, was einem Wert von rund 1,8 Kubikmetern je Fahrzeug entspricht (Branchenschnitt: 2,84). Damit nimmt Tesla mit 21 Prozent der vertraglich zugesicherten Wassermenge einen vergleichsweise geringen Anteil in Anspruch.
Ein neuer Konflikt entzündet sich an der Erweiterung des Werkes: Eine Verdopplung auf eine Million Fahrzeuge und ein zusätzliches Batteriewerk sind geplant. Tesla verspricht, mit den vereinbarten Wassermengen auszukommen – dank Recycling und eigener Abwasseraufbereitung. Der WSE betont aber, dass er bereits an der absoluten Obergrenze seiner genehmigten Grundwasserentnahme operiert. Selbst wenn Tesla technisch in der Lage ist, den Frischwasserbedarf pro Fahrzeug drastisch zu senken, bleibt für den WSE ein rechtliches Risiko. „Zieht“ Tesla mehr Wasser als vereinbart und der WSE stoppt die Lieferung, dann droht Tesla ein Produktionsstopp. Tesla könnte versuchen, den WSE auf Schadensersatz in Millionenhöhe zu verklagen. Durch die Duldung einer Mehrabnahme von Tesla würde der WSE aber seine gesetzliche Pflicht gegenüber den Bürgern verletzen. Der Verband ist nämlich gesetzlich dazu verpflichtet, die Trinkwasserversorgung für die wachsende Bevölkerung in der Region (unter anderem durch den Zuzug von Tesla-Mitarbeitern) vorrangig abzusichern. Da jedoch keine zusätzlichen Grundwasser-Förderrechte in Aussicht stehen, sieht der WSE in jeder industriellen Expansion ein direktes Risiko für die Versorgungssicherheit der Bürger. Eine Erweiterung des Werkes bedeutet auch, dass allein die neue Produktionshalle mit rund 536.000 Quadratmetern mehr als doppelt so groß wird wie die aktuelle Halle (ca. 219.000 Quadratmeter) und damit weitere Waldrodungen und Flächenversiegelungen anstehen. Die Einwohner von Grünheide lehnten Teslas Werkserweiterung bereits im Februar 2024 bei einer Bürgerbefragung mit rund 65 Prozent mehrheitlich ab, die Gemeindevertretung aber wenig später nicht. Der Kampf geht weiter.
Red Bull und Rauch in Baruth/Mark: Die 4.100-Einwohner-Stadt 50 Kilometer südlich von Berlin besitzt jahrhundertealtes Tiefenwasser aus dem Baruther Urstromtal. Im Jahr 2023 übernahmen Red Bull und der Safthersteller Rauch aus Österreich den Mineralwasserbetrieb Urstromquelle – und damit den Quell-Zugriff. Das Wasser wird vom städtischen Wasser- und Abwasserbetrieb (WABAU) gefördert, der nach einer wasserrechtlichen Erlaubnis von 2018 bis zu 2,5 Millionen Kubikmeter Grundwasser im Jahr entnehmen darf. Laut übernommenem Vertrag stehen den Konzernen 92 Prozent davon zu, der Bevölkerung 8 Prozent – gewährt auf 25 Jahre. Der Vertrag selbst bleibt Geschäftsgeheimnis. Eine Klage auf Akteneinsicht läuft seit letztem Jahr vor dem Verwaltungsgericht Potsdam.
Anders als bei Tesla kennt hier niemand außerhalb des Rathauses den tatsächlichen Verbrauch. Für das geplante Dosenwerk, für das 17 Hektar Kiefernwald gerodet werden sollen, versprechen die Unternehmen, nicht mehr Wasser zu benötigen als die alte Urstromquelle. Künftig soll sogar weniger Wasser gebraucht werden, da eine Aufbereitung durch Recycling erfolgen soll. Die Stadt versichert, die Versorgung der Bevölkerung habe Vorrang. Ein Vorrang, der in einem geheimen Vertrag steht, ist für die Bürger jedoch nicht überprüfbar. Das Ressourcen-Bündnis Baruth hat bisher online mehr als 88.000 Unterschriften gegen den Bau gesammelt (Stand: 21. Oktober 2026), die Grüne Liga klagte, das Oberverwaltungsgericht kippte den Bebauungsplan im Februar 2026. Am 18. September 2026 beschlossen die Stadtverordneten einen neuen Bebauungsplan, die Grüne Liga will erneut klagen: Das Werk liegt direkt im Wasserschutzgebiet, die Dosenproduktion ist wasserintensiv und führt zu einer Überlastung der lokalen Wasserreserven. Auch der neue Plan sieht weiterhin die Rodung der rund 17 Hektar Wald vor. In Zeiten des Klimawandels und sinkender Grundwasserspiegel stellen die Pläne einen ökologischen Rückschritt dar.
In beiden Fällen hat sich ein kommunaler Wasserversorger vertraglich gebunden; die Verträge sind teilweise nicht einsehbar und die Genehmigungen beruhen auf dem Wasserangebot kühlerer, feuchterer Jahre. Und schon klingelt der nächste Großverbraucher in Baruth/Mark im Rathaus: Amazon Web Services (AWS) will im Gewerbegebiet ein großes Rechenzentrum bauen. Auch in Baruth geht der Kampf weiter.
Wer bekommt das Wasser?
Wer hat Vorrang, wenn es knapp wird, was kostet ein Kubikmeter, und darf eine erteilte Erlaubnis wieder entzogen werden? Weltweit geben Gesetze darauf bisher kaum Antworten. Die EU verpflichtet zwar seit 2025 große Rechenzentren zur Meldung ihres Wasserverbrauchs, schließt eine Veröffentlichung der Einzelwerte aber aus – ein Lobbyerfolg der Tech-Konzerne.
Die Brandenburger Landesregierung will das Wassergesetz novellieren; der Entwurf soll im zweiten Quartal 2027 vorliegen. Der Landeswasserverbandstag fordert einen klaren Vorrang der öffentlichen Trinkwasserversorgung. Umweltverbände verlangen, dass die regionale Wasserbilanz zur verbindlichen Entscheidungsgrundlage für jede Industrieansiedlung wird. Die Wassernutzungsentgelte sind seit 2018 unverändert – und im Gegensatz zu den Trinkwasserpreisen für Privathaushalte (Spanne: 1,80 bis 2,75 Euro pro Kubikmeter), für Großverbraucher nahe null (2,3 Cent pro Kubikmeter). Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hält höhere, einheitliche Entgelte für ein wirksames Mittel gegen die Wasserknappheit. Der BUND fordert, dass erteilte Entnahmegenehmigungen bei Knappheit ausgesetzt oder widerrufen werden können. Heute gelten alte Genehmigungen unabhängig vom aktuellen Pegel.
Die Forderungen von Umweltbewegungen und Bürgerinitiativen sind in Brandenburg wie weltweit ähnlich: weg von einzelnen Entnahmen, hin zur Gesamtbilanz einer Region; weg von Geheimverträgen, hin zu veröffentlichten Zahlen und Bürgerbeteiligung; weg von der Annahme, es sei immer genug Wasser da. Der heiße, trockene Sommer dieses Jahres war nur ein Vorgeschmack auf die kommenden Kämpfe ums Wasser. Damit eröffnen sich neue Kampffelder in der Kommune, zusammen mit Bürgerinitiativen und Umweltbewegungen.








