Rolf Geffken zeichnet das erfrischende Chinabild eines Praktikers

Eine Art Liebeserklärung

Der Rechtsanwalt für Arbeitsrecht und Autor Rolf Geffken entwirft in seiner jüngsten Veröffentlichung „Mein China“ ein lebendiges, vielseitiges und anerkennendes Panorama der Volksrepublik. Er liefert einen Überblick über Kultur, Politik, Wirtschaft und Menschen – insbesondere die Angehörigen der chinesischen Arbeiterklasse. Letztere interessiert ihn vor allem als politische Größe, die sich nicht zuletzt in den Rechten manifestiert, die ihr im Rahmen des chinesischen Arbeitsvertragsgesetzes bestätigt werden.

Rolf Geffken ist keiner der üblichen Chinatouristen oder „Experten“, die aus einer eurozentrierten oder westlichen Perspektive beurteilen zu können glauben, wie und warum die Volksrepublik sich entwickelt und wohin. Was bei solchen „Kennern“ herauskommt, sind Veröffentlichungen und Statements, die oft in überheblicher Manier Einschätzungen abgeben, aber ungetrübt sind von echter Sachkenntnis und einem exakten Differenzierungsvermögen. Geffken nähert sich der chinesischen Wirklichkeit seit über 20 Jahren aus dem Blickwinkel des Praktikers: eines seit über vier Jahrzehnten tätigen Fachanwalts für Arbeitsrecht. Dabei blendet er die Gesamtzusammenhänge keinesfalls aus. Seine Recherchen verbleiben nicht an der Oberfläche der Aktualität, sondern gründen sowohl in der mehrtausendjährigen chinesischen Historie und der Revolutionsgeschichte des Landes als auch in Besonderheiten wie denen der Sprache und der Schriftzeichen.

Es ist eine Freude, zu lesen, wie Geffken den etablierten Sinologen nachweist, wie wenig sie aufgrund ihrer Unkenntnis des chinesischen (aber auch des deutschen) Arbeits- und Arbeiterlebens in der Lage sind, arbeitsrechtliche Themen aus dem Chinesischen angemessen ins Deutsche zu übertragen. Statt die chinesischen Arbeits-, Organisations- und Betriebsverhältnisse textlich angemessen wiederzugeben, werden deutsche Rechtsbegriffe den chinesischen „übergestülpt“. In der Folge herrschen Unverständnis und Vorurteile, die insofern Methode haben, als sie die chinesische Gesellschaft und das Leben der Menschen in ein Totalitarismusschema pressen, das den wahren Verhältnissen nicht gerecht wird beziehungsweise nicht gerecht werden soll.

Das Chinabild des Autors zeigt aber nicht nur die fortschrittlichen Seiten der chinesischen Gesellschaft und der Politik der Kommunistischen Partei Chinas. Geffken deutet auch den „Werteverfall durch Transformation“ an und verweist auf das Fehlen einer „dauerhafte(n) Sicherung gegen eine schleichende, zum Beispiel neoliberale Unterwanderung des Partei- und Staatsapparats“. Der Autor nimmt bei seinen kritischen Einschätzungen kein beschönigendes Blatt vor den Mund, beispielsweise tadelt er die „autoritäre(n) Rituale und Methoden“ des chinesischen Strafrechts. In den Zusammenhang solch deutlicher Worte der Kritik gehört wohl auch die Sperrung von Geffkens Website durch die chinesischen Behörden. Diesbezüglich sieht der Autor das Versagen jedoch nicht so sehr auf der chinesischen Seite, sondern vor allem auf der deutschen. Hierzulande nahm man das chinesische Vorgehen zum Anlass, ihn von der Teilnahme am Deutsch-Chinesischen Rechtsstaatsdialog auszuschließen und ihn nicht mehr an den sich anbahnenden Chinakontakten der Bundesrechtsanwaltskammer und des Deutschen Anwaltsvereins zu beteiligen.

Der Blick Geffkens auf „Mein China“ ist – trotz der Charakterisierung als „Liebeserklärung“ – ungeschminkt und integer. Das betrifft auch seine Einschätzungen zu Themen wie Tibet, Hongkong, Xinjiang und das Sozialpunktesystem – Themen, die hierzulande gegen die Volksrepublik ins Feld geführt werden und zur Schaffung eines antichinesischen Feindbilds beitragen. Geffken widerspricht entschieden den entstellenden Behauptungen der westlichen Mainstream-Medien und entlarvt diese als heuchlerische Beiträge zur mentalen Militarisierung und zur faktischen Kriegsvorbereitung (siehe die jüngste Entsendung der Fregatte „Bayern“ ins Südchinesische Meer). Nicht zuletzt deshalb empfiehlt es sich, das Buch zu lesen und das erfrischende Chinabild des Autors zur Kenntnis und sich im Sinne der Völkerfreundschaft zu Herzen zu nehmen.


Rolf Geffken
Mein China
China sehen ist anders.
Licht & Schatten im Reich der Mitte
VAR-Verlag Cadenberge 2021,
200 Seiten, 19,90 Euro


✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Eine Art Liebeserklärung", UZ vom 1. Oktober 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz aus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]