Von Zecken und Grünschnitt

Fall erledigt

Polizei I: „Gewerkschafter beklagt Corona-Risiko“ titelt die „taz“. Gemeint sind dabei hunderte von Polizistinnen und Polizisten, die im Danneröder Forst die Zerstörung der Natur gegen ein paar Dutzend Jugendliche durchsetzen. Es kommt dabei zu „gewaltvollen Polizeieinsätzen sowie massiven Einschränkungen der Pressefreiheit“. Nun hat also Engelbert Mesarec, der hessische Landeschef der Polizeigewerkschaft, „schlechte Arbeitsbedingungen“ (welche Arbeit?!) für die Kolleginnen und Kollegen erkannt. Kannste dir nicht ausdenken, so etwas. Einfache Lösung: Abziehen. Keine schlechte Unterbringung, keine Enge, keine Überstunden, kein Stress, kein Corona. Und keine überflüssige Autobahn. Zack, Fall erledigt.

Freizeit. Arbeitskollege D. und ich latschen zum Derbygucken. Auf dem Weg begegnet uns ein ziemlich kantiger Typ, Marke ungepflegter Dortmunder. Auf gleicher Höhe kommt heftig aggressiv: „Dreckige Zecken! Verreckt!“ Wir sind reichlich baff, der Typ schon 20 Meter weiter. Aber was meinte er? Hält der uns für Schalker (diese werden in Dortmund gerne als Zecken verunglimpft), oder hat er Antifas in uns erkannt? Ersteres wäre schäbig, Letzteres wäre komisch und ungut. Wir sind zwei ganz normale Typen ohne Anstecker, Aufnäher, bunte Haare oder sonstige Erkennungsmerkmale. Woher vermutet ein Fremder antifaschistische Gesinnung? Na ja, vielleicht war der Typ einfach so betrunken wie er aussah und dumm wie Grünschnitt. Man weiß es nicht.

Das Derby selber ist schnell erzählt: Dortmund lange Zeit schlecht, Schalke überhaupt nicht vorhanden. In der zweiten Halbzeit Dortmund deutlich verbessert, Schalke immer noch nicht vorhanden. Eine gerade mal mittelprächtige Vorstellung des BVB reicht für ein 3:0. Schalke hat, soweit ich mich erinnern kann, nicht ein einziges Mal aufs Tor geschossen. Das reicht nicht mal für die 2. Liga. Sollte sich beim Reviernachbarn nicht schleunigst etwas ändern – und ich wüsste nicht was oder wie, denn Geld ist auch keines da –, dann ist der Abstieg beschlossene Sache. Fall erledigt.

Garten: Eine Frau spricht mich auf die schwarzen Tomaten an. Sie würde die schon seit Wochen bewundern, traute sich aber bisher nicht zu fragen. Ich schenke ihr eine, für die Anzucht. Sie: „Wenn ich gewusst hätte, dass sie so nett sind.“ Tja, wenn ich gewusst hätte, dass sie mich siezt, hätte es keine Tomate gegeben. Peng, Fall erledigt.

Polizei II: In Dortmund werden im Bereich des antifaschistischen Ladens „Nordpol“ ein halbes Dutzend Überwachungskameras installiert „für die Sicherheit der Bevölkerung in der Nordstadt“. Ein armer Tor, der sich durch die Überwachung der Polizei geschützt fühlt. Rufe niemals die Polizei, denn du weißt nicht, wie viele Nazis kommen. Isso.

Alleine auf dem Rückweg vom Fußball, im Dunkeln durch den Park. Drücke mir selber die Daumen, dem Idioten von vorhin nicht alleine zu begegnen. Klappt glücklicherweise. Den restlichen Weg begehe ich mit Gedanken: Ist das vielleicht auch so eine Corona-Auswirkung? Dass man von wildfremden Leuten hasserfüllt angegangen wird? Alkohol, Einsamkeit, Perspektivlosigkeit? Keine Ablenkung durch Partys oder Disko? Und dann seine ganze Wut völlig unbekannten Leuten ins Gesicht spuckt? Ist möglich. Ich sitze noch zu Hause beim „Aktuellen Sportstudio“ und denke: Eine schlimme, eine dunkle Zeit ist dies. Aber zumindest für heute mal: Fall erledigt.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Fall erledigt", UZ vom 30. Oktober 2020



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz aus.

    Vorherige

    Marxismus ohne Engels?

    The whole world is watching

    Nächste