Konzept der „geschlossenen Heimatfront“ untauglich

Falscher Analyseansatz

Helmut Woda, Karlsruhe

Das zentrale Analyseinstrument der Bildungszeitung ist das Konzept der „geschlossenen Heimatfront“. Dieses soll den wesentlichen Aspekt bürgerlicher Herrschaft im Monopolkapitalismus begreifen und zentrales Erklärungsmodell für den Übergang zum offenen Faschismus sein.

Dieses Konzept, das in der gesamten kommunistischen Tradition und in der Beschlusslage der Partei nicht zu finden ist, wird aber diesem Anspruch nicht gerecht. Es geht davon aus, dass die herrschende Klasse notwendig das Ziel einer geschlossenen Formierung der ganzen Gesellschaft verfolgt. Dieselbe herrschende Klasse verfolgt aber zugleich auch das gegenteilige Ziel: Teile und herrsche.

Nur als Spaltung lässt sich der Begriff der „Front“ verstehen. Eine „Front“ kann immer nur als Verhältnis einer Menschengruppe zu einer anderen – besser: gegen eine andere – gedacht werden. Von einer „geschlossenen Heimatfront“ kann weder hinsichtlich der realen Spaltung der Gesellschaft noch hinsichtlich der spalterischen Propaganda – Diffamierung und Entmenschlichung von Hartz-IV-Beziehern, Hass und Ressentiments gegen Muslime et cetera – die Rede sein. Im Gegenteil finden wir in der politischen Praxis die sogenannte „Extremismusdoktrin“, also die Formierung der (vermeintlichen) „bürgerlichen Mitte“ gegen die (vermeintliche) „Extreme“ und gegen kulturell-religiöse Minderheiten (Stichwort: Leitkultur). Das ist etwas anderes als „geschlossene Heimatfront“, das ist Spaltung, das ist Klassenkampf! Auf die Extremismustheorie geht die Bildungszeitung mit keinem einzigen Wort ein.

Als Paradebeispiel für „geschlossene Heimatfront“ nennt die Bildungszeitung Wilhelm II.: „Wir kennen keine Parteien mehr, wir kennen nur noch Deutsche.“ Diese Haltung markiere „fortan den innenpolitischen Idealzustand des deutschen Imperialismus“. Diese Aussage ist historisch nicht haltbar. Wer waren denn damals diese „Deutschen“, von denen Wilhelm II. sprach? Sicherlich keine Juden, sicherlich keine Sinti und Roma, sicherlich keine Kommunisten et cetera. Eine „Front“ gab es auch damals nur auf Grundlage von Spaltung.

Die Bildungszeitung nimmt gewissermaßen den Ausspruch Wilhelms II. für bare Münze. Nach Jürgen Lloyd in der „jungen Welt“ vom 22. Oktober ist „die Ursache der Faschismusentstehung“ (…) „der wesenseigene Expansionsdrang des Imperialismus, das Bedürfnis, Herrschaft über einen Raum zu erlangen und die dazu erforderliche Herstellung der geschlossenen Heimatfront herzustellen“. Es kommt aber darauf an, nicht vom gedachten Idealzustand des Klassenfeindes, sondern von konkreten, wirklichen Verhältnissen auszugehen. Betrachtet man die widersprüchlichen Dynamiken aus diesem Blickwinkel, könnten daraus Bruchpunkte und mögliche politische Gegenstrategien abgeleitet werden. Die Bildungszeitung liefert dazu leider keinerlei praktische Handlungsansätze.

Das Konzept der „geschlossenen Heimatfront“ kann daher nicht als Analyseansatz bürgerlicher Herrschaft im Monopolkapitalismus und des Übergangs zum offenen Faschismus dienen. Indem die Bildungszeitung sich an diesem Konzept orientiert, kommt sie zu abwegiger Auffassung von Faschismus, Geringschätzung des demokratischen Kampfes und Arroganz gegenüber Bündnispartnern.

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"Falscher Analyseansatz", UZ vom 13. November 2020



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