Calpurnia erobert sich Darwin – und die Welt

Forscherinnendrang

Das Ende des Jahres steht vor der Tür und mit ihm die leicht merkwürdig anmutenden Rituale der christlichen Welt: Kindergeburtstag mit Gans, Tannenbaum im Wohnzimmer, nicht näher definiertem Mann in Rot oder wahlweise Kind im Nachthemd. Aber – egal wie merkwürdig das Drumherum bei näherer Betrachtung wirkt – gegen einige Weihnachtsrituale haben wir nichts: Gutes Essen, guter Wein, Geschenke … Nur – was soll es sein, verpackt unterm Baum? An dieser Stelle stellen wir in den kommenden Wochen Bücher vor, die Großeltern, Freunde, Tanten und andere Menschen den Heranwachsenden in ihrem Leben schenken können. Von Vor- bis Selber-Lesen, aber immer zum Selber-Denken. Und nicht unbedingt nur für Heranwachsende.

Es ist heiß im Sommer 1899 in Texas. Unerträglich heiß. „Für uns alle in Fentress waren die Temperaturen eine Qual, am meisten jedoch litten die Frauen in ihren Korsetts und Petticoats. (Ich selbst war noch einige Jahre zu jung für diese besondere, den Frauen vorbehaltene Form der Tortur).“ So beginnt Calpurnia Virginia Tate, genannt Callie, die Geschichte über das Jahr, das ihr Leben verändern sollte. Sie ist elfdreiviertelfastzwölf und das einzige Mädchen unter sieben Geschwistern. (Könnt ihr euch was Schrecklicheres vorstellen? Eingequetscht zwischen drei älteren und drei jüngeren Brüdern?) Wenigstens hat Calpurnia ein kleines Reich für sich auf der Baumwollplantage der Eltern. „Das Privileg eines eigenen Zimmers war vermutlich das einzig Gute an der Tatsache, dass ich ein Mädchen war.“

Während also alle versuchen, irgendwie mit der Hitze umzugehen, ohne einzugehen, streift Calpurnia gern zum Fluss, sich die Klamotten ab und hüpft hinein – kein Problem, solange die Mutter es nicht rausfindet. Daran, sich wie „ein richtiges Mädchen“ oder noch schlimmer „eine junge Dame“ zu verhalten, hat Calpurnia kein Interesse. Stricken ist doof, sticken noch döfer und Klavierspielen zwar nett, die dazugehörige Lehrerin aber schrecklich. Also fängt Calpurnia an, ihre Umgebung zu beobachten, und schnell treten erste Fragen auf. Warum finden wir Glühwürmchen toll und Ameisen doof? Warum sind diesen Sommer so viele Vögel auf der Farm? Warum flüstern nur immer alle über dieses Buch von diesem Herrn Darwin, anstatt sich so drüber zu unterhalten, dass sie zuhören kann? Und „was genau machte ein Naturforscher wohl? Ich war mir nicht sicher, beschloss aber, den restlichen Sommer lang einer zu sein.“

Jacqueline Kelly hat mit „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“ ein wunderbares Kinderbuch geschrieben, in der ein kleiner Mensch der Welt auf den Grund gehen möchte und dabei ignoriert, dass das für ihr Geschlecht eigentlich nicht vorgesehen ist. Todesmutig geht Calpurnia in die Bibliothek des verschlafenen Nests, das in ihrem Landstrich als die nächstgrößere Ortschaft gilt, und fragt nach „diesem Buch von diesem Herrn Darwin“ – nur um von der Bibliothekarin empört mitgeteilt zu bekommen, dass so ein Schundwerk natürlich nicht in den Beständen sei und sie außerdem, selbst wenn es da wäre, eine schriftliche Erlaubnis ihrer Mutter für die Ausleihe bräuchte. So muss Calpurnia den noch unheimlicheren Weg wählen und ihren Großvater nach der Natur und Herrn Darwin fragen. Der steckt allerdings den ganzen Tag in seinem Laboratorium in einer ehemaligen Sklavenbaracke und scheint Kinder nicht besonders leiden zu können. Doch mit elfdreiviertelfastzwölf ist man zu groß, um feige zu sein, also fasst Calpurnia sich ein Herz und lernt mit ihrem Großvater Darwin und Mikroskope kennen und stellt fest, dass die Teilnahme am Bürgerkrieg vielleicht doch nicht so eine ruhm- und heldenreiche Sache war, wie alle immer behaupten. Vor allem aber erfährt sie von Madame Curies Elementen, Mrs. Maxwells Kreischeule, Miss Kovalevskys Differentialgleichung, Miss Annings Pterodactylus und davon, dass die Beschränkungen, die Frauen auferlegt sind, nichts mit ihren Fähigkeiten zu tun haben.

Calpurnias Zukunftsplan steht damit fest. Naturforscherin will sie werden und „eines Tages würde ich alle Bücher der Welt haben, viele, viele Regale voll. Mein ganzes Leben würde ich in einem Bücherturm verbringen. Ich würde von morgens bis abends lesen und Pfirsiche essen und wäre glücklich und zufrieden.Und sollten irgendwelche jungen Ritter in ihrer Rüstung und auf weißen Pferden daherkommen und es wagen, mich anzuflehen – Lass dein Haar herunter! –, dann pfeffere ich ihnen so lange Pfirsichkerne an den Kopf, bis sie wieder abziehen.“ Ein schöner Plan.


Jacqueline Kelly
Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen
dtv, 409 Seiten, 9,95 Euro
Erhältlich unter uzshop.de


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Forscherinnendrang", UZ vom 9. Dezember 2022



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