Von toten Masken und lebenden Orangen

Ganz übel

Garten. Meine schönen Tomaten von Gustl hat die Braunfäule erwischt. Der Fachbegriff lautet „Phytophthora infestans“. Ich finde ja, das klingt eher nach einer schwer betrunkenen norwegischen Death-Metal-Band aus Oksfjordhamn, aber gut. Jedenfalls sind die schönen roten und grünen Vitamingeber nun braun, sehen ekelig aus und sind ungenießbar. Das Ganze erinnert mich irgendwie an den Rechtsruck, der sich durch alle Schichten zieht: der gemeine Schrebergarten als Abziehbild der Gesellschaft. Ganz übel.
Worte (I). „Generation Greta läuft wieder“ titelt „n-tv“ einen Bericht über „Fridays for future“ und stellt darunter ein Foto von jungen Menschen, die Rad fahren. Wer den Fehler findet, kann ihn ausmalen und dem Praktikanten zusenden, der diese Wort-Bild-Kombination geradebrecht hat. Oh Mann.

Freizeit. Gartenbro A. und ich spielen Billard mit den Masken auf halb acht, also so halb auf. Die Chefin belässt es bei einer Ermahnung der Stufe drei. Später spielen andere, ohne Maske. „Die vor uns haben das doch auch nicht wirklich getan.“ Die Chefin bläst uns den Marsch, wir schämen uns in Grund und Botanik. Ab nach Hause. Doch die Wirtin nagelt uns mit einem spendierten Bier fest, „Es war doch nicht so gemeint, ihr seid doch Stammkunden.“ Ich setze aus lauter Blödheit noch einen drauf und nehme sie emotionalisiert, aber maskenlos in den Arm. Was Alkohol anscheinend bei erwachsenen Menschen an Intelligenz auslöschen kann: Ganz übel.

Politik. Mitarbeiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes werden als rechtsradikal eingestuft. Sie gehören ausgerechnet zu einem Observationsteam, das für die Beobachtung von Rechtsextremen zuständig ist. Was wieder mal die Frage besziehungsweise Rechnung hervorruft: Würde sich die Zahl der Nazis nicht mindestens schlicht halbieren, wenn man den Verfassungsschutz auflöst? Wäre einen Versuch wert. Was sich da jedenfalls braun zusammenbraut in Politik, Polizei, Bundeswehr und Verfassungsschutz: Ganz übel.

Fußball. Irgendwie alles vier. Schalke: 0:4. Okay, schmaler Witz, aber das Ergebnis war ja nun so (gegen Leipzig). Dortmund: 4:0 (gegen Freiburg). Union Berlin: 4:0 (gegen Mainz). Und die Bayern? 4:3. Nach einem äußerst turbulenten Spiel, in dem die Berliner von der Hertha mehrfach ausglichen. Noch in der 88. Minute machte Jessic Ngankam das 3:3 für die Hauptstädter, aber in der 90. plus dritten Minute bekamen die Bayern noch einen Elfmeter. Berechtigt, aber trotzdem schade: Vier zu drei. Auf Platz eins der Tabelle steht nun das Spielzeug des Brausemilliardärs Dietrich Mateschitz, also Leipzig. Ganz übel.

Worte (II). Ex-Fußballspieler Lothar Matthäus zur Lage auf Schalke: „Ich sehe keine klare Hierarchie, weil viele Spieler durch das Verleihen im Vorjahr enteiert wurden.“ Enteiert! Der Mann mit der Intelligenz von zwei Metern Feldweg schafft es trotz allem, mit seinen Worteskapaden immer wieder zu erstaunen. Irre.

Apropos irre: Donald Trump hat Corona. Behauptet er. Also der, der erwiesenermaßen durchschnittlich zwölf mal am Tag lügt. Ich jedenfalls glaube diesem „Menschen“ gar nichts mehr. Zu naheliegend, dass alles ein „fake“ ist. Die lebende Orange wird sich schnell erholen („I‘m so strong! I‘m American! I‘m the president!“), Corona als leichte Krankheit und die Demokraten als Idioten darstellen. Dazu könnte er das drohende Wahlergebnis mit einem Argument mehr anzweifeln – schließlich war er mehrere Tage „out of office“. Oder gleich verbieten. Dem Mann ist alles zuzutrauen. Was ich ihm wünsche? Ganz …

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Ganz übel", UZ vom 9. Oktober 2020



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Haus aus.

    Vorherige

    Kuba heute und morgen

    Wem nützt es?

    Nächste