Anfang Dezember 1918 putschten Konterrevolutionäre in Berlin

Gegenschlag

Von Nina Hager

Bereits früh formierten sich in der Novemberrevolution die konterrevolutionären Kräfte. Wichtig dafür war, dass der rechte Sozialdemokrat Friedrich Ebert noch am 10. November, nachdem er in der Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte zum Mitglied des Rats der Volksbeauftragten gewählt worden war, mit General Wilhelm Groener, dem Vertreter der Obersten Heeresleitung, ein gemeinsames Vorgehen gegen die Revolution vereinbart hatte. Die militärische Macht blieb – unter dem Vorwand, die reibungslose Rückführung des Heeres nach Deutschland sichern zu müssen – in den Händen der OHL. Die OHL wurde zum Zentrum der militärischen Konterrevolution.

Ziel des Bündnisses war, wie Groener 1925 im Münchener Dolchstoßprozess aussagte, „die restlose Bekämpfung der Revolution, Wiedereinsetzung einer geordneten Regierungsgewalt, Stützung dieser Regierungsgewalt durch die Macht einer Truppe und baldigste Einberufung einer Nationalversammlung“. Zu diesem Zweck sollten zehn zuverlässige Divisionen aufgestellt und nach Berlin in Marsch gesetzt werden, um zunächst in der Hauptstadt die Revolution niederzuwerfen. Noch am 10. November gab Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg telegrafisch allen Heeresgruppen und Armeeoberkommandos bekannt, dass die Oberste Heeresleitung mit Friedrich Ebert zusammengehen werde, „um die Ausbreitung des terroristischen Bolschewismus in Deutschland zu verhindern“. Auf Verlangen der OHL ordnete der Rat der Volksbeauftragten bereits am 12. November an, dass die Befehlsgewalt der kaiserlichen Offiziere in der Armee wiederherzustellen sei. Die Soldatenräte sollten nur noch beratende Stimme in Fragen der Verpflegung, des Urlaubs und der Verhängung von Disziplinarstrafen haben.

In den ersten Wochen nach dem 9. November gelang es nicht, diesen Plan umfassend zu verwirklichen. Die von der Westfront heimkehrenden Truppen erwiesen sich weitgehend, sobald sie mit revolutionären Kräften im Land Kontakt hatten, als „unzuverlässig“.

Die Konterrevolution benötigte einige Zeit Kräfte zu sammeln, organisierte reaktionäre militärische Bürgerkriegsverbände wie Einwohner-, Bürger- und Studentenwehren, Offiziers- und Unteroffiziersvereinigungen. Mitte November begann der sozialdemokratische Stadtkommandant von Berlin, Otto Wels, mit der Aufstellung einer „Republikanischen Soldatenwehr“, die, von aktiven Offizieren und Unteroffizieren kommandiert, eine zuverlässige Schutztruppe der Regierung gegen die revolutionären Arbeiter bilden sollte. Am 1. Dezember wurden das Generalsekretariat zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus und die Antibolschewistische Liga gegründet (siehe dazu auch R. Zilkenat: Konterrevolution und „Antibolschewismus“. Eduard Stadtler und das konterrevolutionäre Netzwerk 1918/19, in: Novemberrevolution 1918/19. Ereignis – Deutung – Bedeutung, Hrsg. Marx-Engels-Stiftung, G. Brüning, K. Baumann, Neue Impulse Verlag, Essen 2018).

Ende November/Anfang Dezember 1918 war die Reaktion für den Angriff auf die Revolution vorbereitet. Konkrete Pläne wurden erstellt, um die Revolution vor allem in Berlin niederzuschlagen (vgl. zum Beispiel: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 3, S. 517/18). Am 6. Dezember unternahmen dann von reaktionären Offizieren geführte Truppenteile der Berliner Garnison einen konterrevolutionären Putschversuch. Am 3. Dezember hatte es dazu ein Vorbereitungstreffen gegeben. Geplant war, Berlin schrittweise zu besetzen und die Revolutionäre zu entwaffnen. Teile des Berliner Gardegrenadierregiments, Gardepioniere der Marinelandfliegerabteilung u. a. umstellen gegen 16-30 Uhr das Preußische Abgeordnetenhaus, in dem die Sitzung des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlins stattfindet. In Vorbereitung auf den Putsch hatte die OHL ausgesuchte Truppenteile am Rande Berlins bereitgestellt. Diese sollten in Abstimmung mit Friedrich Ebert durch den Einmarsch von Fronttruppen Verhältnisse zu Gunsten des Rates der Volksbeauftragten herstellen. Als Fanal sollte die Verhaftung des revolutionären Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlins dienen. Doch der Putschversuch im Abgeordnetenhaus scheiterte. Unter anderem daran, dass Truppen der Volksmarinedivision aus dem Marstall und Arbeiter aus Betrieben in großen Scharen dem Vollzugsrat zur Hilfe eilten. Derweil marschierten vor der Reichskanzlei etwa tausend Soldaten, Matrosen und Zivilisten, darunter viele Mitglieder der Studentenwehr, auf. Ebert wurde zum Präsidenten ausgerufen, doch er lehnte ab. Kurzzeitig wurde die Redaktion der „Roten Fahne“ besetzt. Ecke Chausseestraße/lnvalidenstraße schossen konterrevolutionäre Kräfte in eine unbewaffnete Demonstration. Sechzehn Demonstranten wurden getötet, zwölf schwer verwundet. Die Schützen wurden entwaffnet. Der erste Angriff der Gegenrevolution war abgewehrt.

Am 7. Dezember demonstrierten Zehntausende mittags in Berlin „Unter den Linden“ und in der „Siegesallee“ als Antwort auf den konterrevolutionären Putschversuch und den Mord an Demonstranten vom Vortag. Gefordert wurde der Rücktritt der Volksbeauftragten-Regierung. Arbeiter entwaffneten Einheiten der republikanischen Soldatenwehr. Per Flugblatt wurde zum Massenprotest am Sonntag, dem 8. Dezember, in den Treptower Park gerufen.

Am 10. Dezember begrüßten Ebert und der im Amt verbliebene sozialdemokratische Oberbürgermeister Wermuth gemeinsam mit kaiserlichen Militärs am Brandenburger Tor heimkehrende Fronttruppen. Doch diese konnte man für die konterrevolutionären Pläne nicht nutzen. Deshalb erließ die Volksbeauftragten-Regierung ein Gesetz über die Bildung der sogenannten Freiwilligen Volkswehr. Damit erhielt die militärische Konterrevolution Gelegenheit, sich in aller Öffentlichkeit zu formieren. Die Moabiter Kasernen in Berlin sowie die Umgebung von Teltow. Potsdam und Zossen wurden Sammelpunkte neuer konterrevolutionärer Verbände.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Gegenschlag", UZ vom 7. Dezember 2018



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