Progressives Popcornfernsehen (Teil 2)

Geschichtsstunde mit Monstern

Lars Thiede

Seit Ende August läuft im US-amerikanischen Kabelsender HBO und beim deutschen Bezahlsender Sky die Serie „Lovecraft Country“ in englischer Fassung. Ab November wird auf Sky auch die deutsche Fassung zu sehen sein. Unklar, aber aus meiner Sicht wahrscheinlich, ist, ob die Serie auch auf anderen Sendern landen wird. Entwickelt wurde die Serie von Misha Green („Underground“), produziert wird sie unter anderem von Oscar-Preisträger Jordan Peele („Get Out“) und dem Hollywood-Schwergewicht J. J. Abrams („Star Wars“).

Die Miniserie beruht auf dem gleichnamigen Buch von Matt Ruff aus dem Jahr 2016 und geht das aktuell nicht nur in den USA heiß diskutierte Thema (struktureller) Rassismus sehr offen an. Wenn die Heldinnen und Helden der in den 1950er Jahren in den USA spielenden Serie nicht nur gegen Dämonen aus einer anderen Dimension, sondern auch gegen eine rassistische Polizei ankämpfen müssen, ist das Thema heute sogar aktueller, als sich die Serienmacher bei Produktionsstart vor zwei Jahren vorgestellt haben dürften. Und es ist sehr viel politischer, als man es bei einer teuer produzierten Horror-Mystery-Serie im US-amerikanischen Fernsehen erwarten würde.

Wenn die zweite Folge der Serie namens „Whitey‘s on the Moon“ sich den Titel von einem 1970er Spoken-Word-Track von Gil Scott-Heron borgt und das Stück auch noch an prominenter Stelle und in voller Länge in die Handlung integriert, ist das erstaunlich und erfreulich. Schließlich geht es im Scott-Heron-Stück darum, dass während „Weiße auf dem Mond gelandet sind“ der schwarze Protagonist in Armut lebt, weder seine Miete noch seine Arztrechnung bezahlen kann und sich überlegt, die Rechnungen zum weißen Mann auf den Mond zu senden.

Wenn die Serie einen der Hauptdarsteller als Autor des „Green Book“ anspricht, also eines Reiseführers für Schwarze, in dem Restaurants und Hotels aufgelistet sind, die auch Nicht-Weiße bedienen, einführt, oder wenn das Thema der „Sundown Towns“, also Ortschaften, in denen Schwarze nach Sonnenuntergang nicht mehr auf der Straße sein durften, dann ist das schon gut gemachter Geschichtsunterricht. Wobei die Serie immer auch eine Horror-Mystery-Serie bleibt, in der klar ist, dass nach Sonnenuntergang nicht nur der rassistische Sheriff des Ortes, sondern auch böse außerirdische Wesen auf den Straßen lauern.

Erstaunlich ist, dass das Konzept des Buchs beziehungsweise der Serie auf Ideen des Autors H. P. Lovecraft beruht, welcher in den 1920er und 1930er Jahren eine Vielzahl von Kurzgeschichten („Cthulhus Ruf“, „Schatten über Innsmouth“, „Berge des Wahnsinns“) veröffentlicht hat. Der war ganz eindeutig ein Rassist und hat das auch an verschiedenen Stellen relativ offensichtlich in seine Werke einfließen lassen. Das wird gleich in der ersten Folge der Serie offensiv angesprochen: Der schwarze Hauptdarsteller legt dar, wie widersprüchlich es für ihn ist, die Lovecraft-Geschichten zu lesen und sie trotz ihrer rassistischen Aspekte zu mögen.

Falls sich die Gelegenheit ergibt und Mystery-Serien nicht grundsätzlich ein Ausschlusskriterium sind, ist „Lovecraft Country“ eine sehenswerte Serie oder hilfsweise ein lesenswertes Buch. Eine gut gemachte Geschichtsstunde über die USA der 1950er Jahre (mit Monstern).

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Geschichtsstunde mit Monstern", UZ vom 18. September 2020



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Baum aus.

    Vorherige

    Aber hallo

    Strategie verkannt

    Nächste