Glasperlenspiele

Christoph Hentschel über Merkels Besuch in Sachsen

Die Kanzlerin besuchte die Kolonien. So kam es einem zumindest vor, als Angela Merkel durch Sachsen reiste. Die Presse spekulierte, ob das Oberhaupt der zivilisierten Welt den wilden Horden ganz ohne Schutztruppe etwas entgegensetzen könne.

Der Sturm fiel dann doch geringer aus als erhofft. 50 Pegida-Anhänger versammelten sich in Dresden zum „Buh“-Schreien. Der „Merkur“ berichtete darüber minutiös, Pegida-Chef Lutz Bachmann hätte dafür eigens eine Spontandemonstration angemeldet. Würde über jede linke Spontandemonstration so viel geschrieben, fiele die Lächerlichkeit der Berichterstattung auf.

Die Kanzlerin brachte den Ureinwohnern unerschrocken Geschenke mit. Joe Kaeser hatte die Glasperlen im Gepäck. Der Siemens-Chef will Sachsen aus der Steinzeit in die Jetzt-Zeit katapultieren und mit Landesregierung und Fraunhofer-Gesellschaft auf seinem Görlitzer Werksgelände einen Innovationscampus entwickeln. High-Tech-Firmen, Start-ups und Institute für die Wasserstoffforschung sollen sich dort ansiedeln. In Aussicht gestellt werden Investitionen von etwa 30 Millionen Euro sowie 100 neue Jobs. Das klingt nach blühenden Landschaften, wie der Eroberer Helmut Kohl sie bei der Landnahme der DDR versprach.

Parallelen zu den Ereignissen vor gut 30 Jahren lassen sich nicht von der Hand weisen. Damals gab es anstelle der versprochenen Bananen und Videorekorder die Enteignung volkseigener Betriebe durch Privatunternehmen aus dem Westen. Heute soll ein Monopolist aus dem Westen den Ausstieg aus dem Braunkohletagebau in der Region durch Innovationen meistern. Klar ist, Siemens wird profitieren. Ob die Kolonialisierten ihre Nöte mit den Glasperlen lindern können, ist zu bezweifeln.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Glasperlenspiele", UZ vom 19. Juli 2019



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