Horizontaler Hass

Franz Anger über „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“

Dass der Staatsapparat, wie die „Tagesschau“ und andere Medien berichten, Sonderermittler einsetzt, um gegen Hasskommentare im Internet vorzugehen, scheint auf den ersten Blick eine gute Sache zu sein. Bei genauer Betrachtung jedoch zeigt sich, dass das staatsgewaltige Vorgehen lediglich Symptome bekämpft. Beseitigt werden auf diese Weise nämlich bestenfalls die Hasskommentare, wogegen der Hass der Kommentatoren fortbesteht.

Die meisten dieser Kommentare richten sich denn auch gegen Asylsuchende. Hierzulande soll es bei 54,1 Prozent der Bevölkerung eine sogenannte „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ geben, berichteten die „Tagesthemen“. Diese Menschenfeindlichkeit ist vor allem der völkischen Umdeutung der sozialen Frage durch AfD-Ideologen geschuldet. Sie deuten die vertikale soziale Frage, die aus dem real existierenden Gegensatz zwischen den (produktionsmittelbesitzenden) Reichen oben und den (arbeitskraftbesitzenden) Armen unten resultiert, kurzerhand um in eine horizontale soziale Frage, die Konflikte zwischen Innen und Außen, zwischen Migranten und einem als homogen herbei fantasierten deutschen Volk zum grundlegenden Gegensatz erklärt: „Die neue deutsche Soziale Frage des 21. Jahrhunderts ist die Frage nach der Verteilung des Volksvermögens von innen nach außen“, schwadroniert beispielsweise der Hassproduzent Höcke.

Um also nicht nur die Hasskommentare, sondern auch den Hass der Kommentatoren aus der Welt zu schaffen, müsste die völkische Umdeutung der sozialen Frage widerlegt werden, und zwar in Wort und Tat.

Wie das gehen könnte, legt Manfred Sohn in seinem Buch „Falsche Feinde.Was tun gegen die AfD? Ein alternativer Ratgeber“ (siehe UZ-Besprechung in der Ausgabe vom 14. 7. 2017) schlüssig dar: Damit der „pervertierten Revolte der AfD“ gegen Erscheinungsformen des kapitalistischen Marktwirtschaftssystems der Boden entzogen werde, müsse eine „tatsächliche Revolte“ organisiert werden, die sich gegen die unternehmerische Profitmacherei richtet, unter deren Joch alle lohnabhängigen Menschen als „variables Kapital“ stehen – seien sie nun Eingeborene oder Migranten.

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"Horizontaler Hass", UZ vom 23. August 2019



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