Zu Nord Stream 2

Hybris und Scheitern

Berlin hat sich mit Washington auf ein Vorgehen zu Nord Stream 2 geeinigt. Schon die Existenz dieses länglichen Vertrages ist eine Besonderheit. Der Vertrag über Nord Stream 2 wurde zwischen der russischen Gazprom und den deutschen Konzernen Uniper und Wintershall Dea sowie der niederländischen Gasunie und der französischen Engie geschlossen. Weder US-Unternehmen noch die US-Regierung sind Partner dieses Unternehmens. Die Existenz des US-deutschen Nordstream-Vertrages ist ein Produkt imperialer Hybris und geostrategischer Anmaßung. Und er ist gleichzeitig ein Beleg des Scheiterns.

Der verlorene Kampf um Nord Stream 2 ist ein weiterer Meilenstein des fortschreitenden Verfalls der globalen Machtprojektion des US-Imperiums. Es ist der US-Führung nicht mehr geglückt, einen der engsten Vasallen, die Bundesrepublik Deutschland, in ihre geostrategische Konzeption für den westlichen Teil Eurasiens einzubinden. Die alte Strategie des „Teile und herrsche!“, die eine Art ökonomischen und technologischen „Eisernen Vorhang“ an der westlichen Grenze Russlands zu errichten trachtete, ist gescheitert. Zwar enthält der Vertrag eine Menge antirussischer Rhetorik, aber in der Sache hat sich Berlin und das deutsch-europäische Finanzkapital klar durchgesetzt. Die strategische Rolle der Ukraine als bellizistischer Frontstaat hat dadurch einen schweren Schlag erlitten. Das nun auf neuer Basis wieder vereinte US-EU-Imperium müsste umfangreiche Mittel mobilisieren, wenn es die Kiewer Putschisten und ihre Erben am Leben erhalten wollte. Das Gegenteil ist der Fall.

Die US-Pleite bei Nord Stream 2 reiht sich ein in die Liste von US-Niederlagen in Folge der Hybris nach „9/11“. Zwar hatte das Imperium mit der Zerstörung der Sowjetunion noch einmal einen großen „Sieg“ errungen, dieser stellt sich aber als Pyrrhussieg heraus. Die daraus resultierende Arroganz der US-Neocons und Bush-Krieger, die glaubten, der gesamten Welt für ein weiteres Jahrhundert ihren Willen aufzwingen zu können, ist in einem beispiellosen Desaster verwüsteter Länder und Millionen von Opfern geendet. Der fluchtartige Rückzug aus Afghanistan, die immer prekärere Lage in Irak und Syrien sowie die mehr und mehr unhaltbar gewordene US-Position in der gesamten zentralasiatischen Region machen das Scheitern des US-Herrschaftsanspruchs vor den Augen der Welt überdeutlich.

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"Hybris und Scheitern", UZ vom 30. Juli 2021



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