Im Dienste seiner Klasse

Ein ganzes Leben stramm im Dienste seiner Klasse: Étienne Graf Davignon ist so etwas wie der belgische Hartmut Mehdorn – stets zur Stelle, wenn ein (mehr oder weniger staatliches) Unternehmen planmäßig zerstört werden soll. War, muss man sagen, denn Davignon ist am Montag im Alter von 93 Jahren gestorben. Noch berühmter als für seinen Ausverkauf der Société générale de Belgique, der Fortis Bank Belgium und Brussels Airlines ist der Adelsspross für seine Anstöße für den Niedergang der europäischen Stahlindustrie. Die setzte er 1981 bis 1985 als Vizepräsident der EU-Kommission, verantwortlich für Industrie und Energie. Auf seine Karriere bereitete sich Davignon früh und gründlich vor. Als Praktikant im Diplomatischen Dienst Belgiens in „Léopoldville“ wirkte er mutmaßlich an der Ermordung Patrice Lumumbas mit. Durch dieses Kriegsverbrechen sicherte sich Belgien die neokoloniale Kontrolle seiner gerade unabhängig gewordenen Kolonie Kongo (UZ vom 27. März). Dafür sollte dem 93-jährigen noch der Prozess gemacht werden, trotz 15 Jahre langer Interventionen seiner Anwälte, die keine juristische Spitzfindigkeit ausließen. Die Prozessverschleppung hat der Graf jetzt auf ein ganz neues Level gehoben. Mit Mao möchte man sagen: Sein Tod hat weniger Gewicht als Schwanenflaum.

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"Im Dienste seiner Klasse", UZ vom 22. Mai 2026



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