Panafrikanismus gestern und heute

In der Einheit liegt die Kraft

Die Fragen nach Kolonialismus, Neokolonialismus, nach antikolonialen Befreiungsbewegungen, der nationalen Frage und der nach dem Verhältnis von Antikolonialismus und Antiimperialismus sind für Kommunisten entscheidende. Mit der Serie „Antikolonialismus gestern und heute“ geht UZ diesen Fragen nach. Zuletzt schrieb dazu Günter Pohl in UZ vom 27. März.

Panafrikanismus ist die Idee der Einheit aller Menschen afrikanischer Herkunft. Das ist kein naheliegender Gedanke: Fast jeder Staat Afrikas bietet innerhalb seiner Grenzen mehr kulturelle Vielfalt als ganz Europa von Lissabon bis Moskau. Ein Aschanti aus Ghana hat nichts gemein mit einem Zulu aus Südafrika – jedenfalls nicht mehr als mit einem Bayern oder Inuit. Die Idee einer geteilten Identität Schwarzer Menschen konnte nur außerhalb Afrikas entstehen, in der Diaspora. Dort nämlich stehen geteilte Erfahrungen im Vordergrund: Sklaverei, Kolonialismus, Rassismus – und der Widerstand dagegen. Tatsächlich ist schon der Begriff „Afrika“ eine Fremdzuschreibung. Er leitet sich vom arabischen „Ifrīqiya“ ab, einer mittelalterlichen Bezeichnung für Gebiete in Tunesien, Ost-Algerien und Tripolitanien.

Die Anfänge des Panafrikanismus gehen auf den Äthiopismus zurück, eine Art antikolonialer Befreiungsbewegung innerhalb verschiedener Spielarten des Christentums. 1916 verabschiedet sich Marcus Garvey aus Jamaika in die USA. Seinen Landsleuten trägt er auf: „Look to Africa for the crowning of a Black king; he shall be the Redeemer.“ („Seht nach Afrika, wo ein Schwarzer König gekrönt werden wird, er wird der Erlöser sein.“) Als Tafari Mekonnen im November 1930 in Äthiopien zum Kaiser Haile Selassie I. gekrönt wird, scheint sich Garveys „Prophezeiung“ zu erfüllen – was nur überraschen konnte, wer noch nie von äthiopischer Geschichte gehört hatte. In Jamaika entsteht der Rastafarianismus. Es sind vor allem dessen Vertreter, die den Panafrikanismus Marcus Garveys in die Welt tragen.

Von der Idee zur Bewegung

Aus dieser Idee wird eine soziale Bewegung. Diese Entwicklung beginnt schon früher, mit der Panafrikanischen Konferenz im Juli 1900 in London. Henry Sylvester Williams, Rechtsanwalt und Autor aus Trinidad, plante die Konferenz in der Westminster Town Hall. Knapp 50 Panafrikanisten aus Afrika, der Karibik, den USA und Britannien nahmen teil. Unter ihnen der Soziologe und Historiker W. E. B. DuBois, der wie Williams zu den Gründungsvätern des politischen Panafrikanismus zählt. Diese erste Panafrikanische Konferenz endet mit einem „Brief an die Nationen der Welt“, der die Staatschefs der imperialistischen Länder auffordert, die Rechte von Menschen afrikanischer Herkunft anzuerkennen und zu schützen. Aus Sylvester Williams’ 1897 gegründeter African Association wird die Pan-African Association, die sich für die Belange von Afrikanern in Britannien und britischen Kolonien einsetzt. Sie stellt allerdings schon 1901 weitgehend ihre Arbeit ein.

Das Bedürfnis nach Vernetzung und Austausch bleibt. 1919 organisieren W. E. B. DuBois und andere hastig den ersten Pan-Afrikanischen Kongress in Paris. Nach dem Ersten Weltkrieg findet dort zeitgleich die Pariser Friedenskonferenz statt. DuBois und seine Mitstreiter hoffen, die Verhandlungen dort beeinflussen zu können – vergeblich. Sie fordern die Entkolonialisierung Afrikas. Deutschland soll seine Kolonien in Afrika nicht anderen Kolonialmächten übergeben, sondern einer internationalen Organisation. Auf dem Kongress entwickelt DuBois die Idee eines panafrikanischen Marxismus – ein zartes Pflänzchen, das schnell wächst.

Der zweite Pan-Afrikanische Kongress findet 1921 in zwei zeitlichen Blöcken in drei Städten statt: Brüssel, London und Paris. In London wird eine Resolution verabschiedet: „Wenn wir allmählich erkennen, dass das große Problem der Moderne darin besteht, die Ungleichgewichte in der Verteilung des Reichtums zu korrigieren, darf nicht vergessen werden, dass das grundlegende Ungleichgewicht in der empörend ungerechten Verteilung des weltweiten Einkommens zwischen den herrschenden und den unterdrückten Völkern liegt; in der Ausbeutung von Land und Rohstoffen sowie im Monopol auf Technik und Kultur. Und bei diesem Verbrechen ist die weiße Arbeiterschaft Komplizin des weißen Kapitals. Unbewusst und bewusst, leichtfertig und absichtlich wurde die enorme Macht der Stimmen der weißen Arbeiterschaft in modernen Demokratien durch Schmeichelei und Lob in imperialistische Pläne hineingezogen, die darauf abzielen, schwarze, braune und gelbe Arbeitskräfte zu versklaven und zu entwürdigen.“ Damit ist der Hauptwiderspruch benannt, und eine Funktion des Kolonialismus in den imperialistischen Ländern: Die koloniale Ausbeutung ermöglicht es der Bourgeoisie, die Arbeiterklasse bei sich zu Hause zu korrumpieren.

Der dritte – 1923 in London und Lissabon – und vierte Pan-Afrikanische Kongress, 1927 in New York, fallen hinter diese Erkenntnis zurück.

Impulse von innen

Entscheidend für die Befreiung Afrikas ist der fünfte, der im Oktober 1945 in Manchester stattfindet. Erstmals nehmen mehr Delegierte aus Afrika teil als aus der Diaspora. Der Fokus liegt jetzt nicht mehr darauf, wie die Diaspora Afrika von außen befreien kann, sondern wie Afrika das selbst schafft. Gleich drei der Delegierten werden später die ersten Präsidenten ihrer Länder nach der Unabhängigkeit: Hastings Banda, Kwame Nkrumah und Jomo Kenyatta.

DuBois ist noch einmal mit dabei, und George Padmore, der 1930 die First International Conference of Negro Workers der Komintern in Hamburg organisiert hatte. DuBois ist Ehrenvorsitzender des fünften Pan-Afrikanischen Kongresses, Padmore leitet ihn. Die Kolonialmächte haben ihre während des Ersten Weltkriegs gemachten Versprechen, wer an ihrer Seite kämpfe, werde mit Schritten in Richtung Selbstregierung „belohnt“, nicht gehalten. 700 Millionen Menschen stehen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch unter dem Joch des Kolonialismus. Konferenzteilnehmer T. Ras Makonnen aus Guyana schreibt später: „Wir haben uns nicht getroffen, um Reden für die Geschichte zu halten. Wir haben uns getroffen, um Imperien zu Fall zu bringen.“

Diplomatische Zurückhaltung ist passé, die Resolutionen des fünften Kongresses sprechen eine klare Sprache: Sofortige und vollständige Beseititung des Kolonialismus, nationale Unabhängigkeit und Selbstregierung, Pressefreiheit und die Rechte auf Bildung, Gewerkschaften und Versammlungsfreiheit, Schluss mit rassistischer Diskriminierung, Rückgabe des Landes und der Ressourcen an die kolonialisierten Völker. Der Kongress zeichnet den Weg vor, wie diese Forderungen durchgesetzt werden können: durch politische Massenmobilisierung, zivilen Ungehorsam und Streiks. Imperialismus, stellt der Kongress fest, ist „Ausbeutung, die sich als Zivilisation maskiert“.

Die Delegierten fahren organisiert nach Hause, nicht nur ermutigt. Zwölf Jahre nach dem Treffen in Manchester wird Ghana unabhängig. 1960 gewinnen 18 Kolonien in Afrika ihre Freiheit. 1963 folgt Kenia, ein Jahr später Malawi.

Institutionalisierung

In der Phase der formellen Unabhängigkeit hilft die lose Assoziation namhafter Intellektueller nicht mehr weiter. Mit der Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) 1963 institutionalisiert sich der Panafrikanismus erstmals im großen Maßstab. Kwame Nkrumah ist einer ihrer Gründungsväter. George Padmore und T. Ras Makonnen beraten ihn.
Die Gründung der OAU wird auf zwei All-African People’s Conferences vorbereitet, 1958 in Accra und 1960 in Addis Abeba. Die erste ist wegbereitend: Sie ist die erste Konferenz ihrer Art in Afrika. Teilnehmende Staaten Nordafrikas demonstrieren politische und soziale Einheit mit den Staaten südlich der Sahara. Eine afrikanisch-nationalistische Identität entsteht, die die innerafrikanische Einheit betont und Antiimperialismus in den Vordergrund stellt. Sie etabliert zudem die Außenpolitik der Blockfreiheit.

Auf der zweiten wird die Planung konkreter, doch zeichnet sich die Spaltung der panafrikanischen Bewegung schon im Vorfeld ab. Kwame Nkrumah reist an mit einem Aufruf, eine politische und ökonomische Union unabhängiger afrikanischer Staaten mit einer gemeinsamen Regierung zu gründen. Algerien, Ägypten, Guinea, Libyen, Mali und Marokko unterstützen Ghanas Vorhaben – sie bilden die Casablanca-Gruppe. Viele der frisch unabhängig gewordenen französischen Kolonien, aber auch Äthiopien, Liberia und Nigeria wollen stattdessen zuerst eigene nationale Strukturen aufbauen und ihre Autonomie wahren. Diese Monrovia-Gruppe torpediert Nkrumahs Bemühungen.

Tatsache ist: Kwame Nkrumah und seine Ideen machen den Imperialisten Angst. Sie wollen ihn stoppen, wissen aber, dass sie so kurz nach der formellen Unabhängigkeit ihrer Kolonien nicht zu offensichtlich vorgehen dürfen. Die Regierungen der USA, Britanniens und Frankreichs spielen einen Staatschef gegen den anderen aus mit der Lüge, Nkrumah wolle ganz Afrika „beherrschen“ und Präsident des ganzen Kontinents werden. Sie finden willige Helfer unter Präsidenten, die um ihre eigene Macht besorgt sind. Sie gewinnen William Tubman, Präsident Liberias, als Zugpferd, schaffen es, den Präsidenten Guineas, Ahmed Sékou Touré, auf ihre Seite zu ziehen und Tansanias Präsidenten Julius Nyerere zum Gegenspieler Nkrumahs aufzubauen. Die Monrovia-Gruppe wird zur fünften Kolonne der Imperialisten. Sie setzt sich durch: Die Gründung der OAU gerät zu einem Kompromiss, der mit Nkrumahs Vorstellungen wenig zu tun hat.

Die Gründung der OAU ist der bis heute größte Erfolg des Panafrikanismus, und gleichzeitig dessen größte Niederlage. Statt des Panafrikanismus der Bevölkerungen Afrikas zementiert er einen Panafrikanismus der Regierungen. Die propagierten Ziele der OAU sind weichgespült: Sie will die Einheit und Solidarität zwischen afrikanischen Staaten fördern, die Kooperation für ein besseres Leben der Völker Afrikas koordinieren und stärken, die Souveränität fördern – und alle Formen des Kolonialismus in Afrika auslöschen. In diesem Punkt, immerhin, liefert die OAU. Sie unterstützt die Befreiung der portugiesischen Kolonien Afrikas sowie Namibias, Simbabwes und Apartheid-Südafrikas mit Geld und Waffen.

Afrikanische Union

Muammar al-Gaddafi ist die bislang letzte schillernde Figur des Panafrikanismus. Er leitete die Gründung der AU ein, indem er 1999 einen außerordentlichen Gipfel der OAU-Staatschefs einberaumte. Für ihn ein Versuch, die OAU zu revitalisieren.

Tatsächlich befürwortete al-Gaddafi Nkrumahs Vision der Vereinigten Staaten Afrikas. Sein Versuch, eine goldgedeckte eigene Währung einzuführen, um die bis heute existierenden kolonialen Währungen wie den CFA-Franc auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen zu können, kostete ihn im Oktober 2011 das Leben. Aus von Wikileaks veröffentlichten E-Mails von Hillary Clinton geht hervor, dass al-Gaddafis Pläne einer der Gründe für den NATO-Überfall auf Libyen 2011 waren.

Die proklamierten Ziele der AU gehen kaum weiter als die der OAU: Sie will die politische und sozio-ökonomische Integration des Kontinents beschleunigen und Frieden, Sicherheit und Stabilität sowie demokratische Prinzipien und Institutionen fördern. In einem Punkt geht die AU weiter. Sie hat die Bedeutung der Diaspora anerkannt, indem sie diese als „Sechste Region Afrikas“ einstuft. Das ist kein Lippenbekenntnis. An dem 2022 eingeführten Pan-African Payment and Settlement System der AU sollen auch die Staaten der Karibik teilnehmen dürfen.

Agenda 2063

50 Jahre nach der Gründung der OAU hat die AU im Jahr 2013 ihre „Agenda 2063“ verabschiedet. Dieser Plan zielt auf den Aufbau einer panafrikanischen Wirtschaft, die Beseitigung der Armut, die Förderung der politischen Integration und der Unabhängigkeit. Er umfasst 15 große Projekte, die die afrikanische Integration voranbringen sollen. Sie reichen von kleinen Schritten wie der Einführung von Visumsfreiheit für alle Afrikaner in allen Staaten Afrikas und einem entsprechenden AU-Reisepass über größere wie dem Aufbau einer innerafrikanischen Freihandelszone, einer Investmentbank, einer Zentralbank, eines Währungsfonds und einer Börse bis hin zu dem Mammutprojekt, alle Hauptstädte und Handelszentren Afrikas per Hochgeschwindigkeits-Schienenverkehr miteinander zu verbinden. Dabei hilft die VR China. Dieses Projekt soll die koloniale Infrastruktur überwinden, unter der Afrika bis heute leidet: Alle Verkehrswege führen aus dem Inneren des Kontinents, wo die Rohstoffe liegen, an die Küstenhäfen, von denen aus die Rohstoffe an die imperialistischen Länder geliefert werden. Von diesen Rohstofflieferungen will die AU erklärtermaßen weg – die eigenen Rohstoffe will Afrika endlich selbst veredeln.

Viele afrikanische Intellektuelle sehen Panafrikanismus heute als technokratisch, von der Lebensrealität losgelöst, erstarrt. Ein Schluss, der sich aufdrängt, vergleicht man die Entwicklung von OAU und AU mit der ideengeschichtlichen Entwicklung auf den Pan-Afrikanischen Kongressen und deren globaler Strahlkraft. Doch sind panafrikanische Ideen heute wieder mehr en vogue als in den 1990er Jahren. Afrikas Jugend beflügeln sie wieder, auch den Kampf der Sahel-Staaten Burkina Faso, Mali und Niger gegen den Neokolonialismus.

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"In der Einheit liegt die Kraft", UZ vom 1. Mai 2026



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