Wenn der Tag erwacht, eh’ die Sonne lacht …“ Drei Mal höre ich das Buchenwald-Lied am Ort seiner Entstehung an diesem Sonntag, den 12. April. Das erste Mal singen es Nachfahren von im KZ Buchenwald inhaftierten Antifaschisten zum Abschluss ihres Treffens. Das zweite Mal setzt es ein Zeichen des Protests gegen einen rechten Kulturkämpfer. Das dritte Mal beschließt es die Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der „Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald“ – so nennt die Gedenkstätte Buchenwald dessen Selbstbefreiung.
Doch der Reihe nach. Das Buchenwald-Gedenken gehört zu den wichtigsten Terminen im antifaschistischen Jahreskalender in Deutschland und Europa. Die Selbstbefreiung der dort Inhaftierten steht für Menschlichkeit und größten Mut in der dunkelsten Stunde der faschistischen Barbarei. Sie steht beispielhaft für gelebten proletarischen Internationalismus und das Zurückstellen politischer Differenzen innerhalb der Arbeiterbewegung zugunsten des gemeinsamen antifaschistischen Kampfes. Kein Wunder, dass das Buchenwald-Gedenken seit jeher Angriffen von rechts ausgesetzt ist.
Nach der Ausladung des deutsch-israelischen Philosophen Omri Boehm im vergangenen Jahr sorgten in diesem Jahr die Selbsteinladung Wolfram Weimers, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, und der Umgang der Gedenkstätte mit jeglichen Verweisen auf den Völkermord der israelischen Regierung an den Palästinensern für Sprengstoff.
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Katinka Poensgen eröffnet das XV. Treffen der Nachkommen am 12. April um 10 Uhr im voll besetzten Kino-Saal der Gedenkstätte Buchenwald. Die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e. V. organisiert das Treffen. Sie steht in der Tradition des Buchenwaldkomitees, das ehemalige deutsche Häftlinge 1947 gegründet hatten.
Poensgen erinnert die Teilnehmer an die Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion von CDU und CSU vom 24. Februar 2025 zur „Politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“, an den Angriff von Bildungsministerin Karin Prien (CDU) auf das Förderprogramm „Demokratie leben“ und an Weimers Streichung dreier Buchhandlungen von der Liste des Buchhandlungspreises. Diese Schritte seien ein „Vorgeschmack dessen, was mit einer AfD-Regierung auf uns zukommt“. Die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora hatte Weimer gemeinsam mit der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis in einem Offenen Brief aufgefordert, auf einen öffentlichen Auftritt am 12. April auf dem Ettersberg zu verzichten. „Weimer ist leider beratungsresistent“, muss Poensgen feststellen. Sie erwähnt auch die Auseinandersetzungen um die Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ und verweist auf die gemeinsame Stellungnahme der Lagergemeinschaft und der Lagerarbeitsgemeinschaft dazu, die die Kampagne kritisiert (uzlinks.de/weimerweg).
Viele Nachfahren der Buchenwald-Häftlinge machen sich große Sorgen darum, dass deren Vermächtnis angesichts des reaktionär-militaristischen Staatsumbaus und Angriffen auf die Erinnerungskultur in Vergessenheit gerät. Das erfahre ich an diesem Wochenende in Weimar und Buchenwald immer wieder. Dieses Vermächtnis steht im Mittelpunkt des Treffens der Nachfahren. Sabine Stein, ehemalige Archivarin der Gedenkstätte Buchenwald, zeichnet dort fachkundig nach, wie sich der Widerstand im KZ entwickelte. Für die Vorbereitung hat sie noch einmal viel Zeit in ihrer ehemaligen Wirkungsstätte verbracht. Ein Ausgangspunkt sei eine spontane Solidaritätsaktion der Häftlinge für Rotarmisten am 18. Oktober 1941 gewesen. An jenem Tag trafen 2.000 Kriegsgefangene am Bahnhof von Weimar ein. Die SS trieb die stark geschwächten Männer mit Schlägen auf den Ettersberg. Deren Ankunft fiel auf im KZ. Einer dieser Rotarmisten, Alexej Lyssenko, beschreibt die solidarische Hilfe anderer Insassen später so: „Es war schon fast dunkel, da erschienen bei uns an der Abgrenzung Leute in seltsam gestreifter Kleidung. Sie trugen Schüsseln und Thermosbehälter mit Suppe. Und was für Suppe! Richtig heiß, gesalzen (…). Hundert Tage hatte ich so etwas nicht gesehen. Wer seine Suppe aufgegessen hatte – wir aßen sie nicht, wir schlürften sie gierig hinunter – bekam einen Nachschlag.“ Nach anfänglichem Misstrauen der sowjetischen Kriegsgefangenen gegen deutsche Mithäftlinge entwickeln sich Kontakte, wächst Vertrauen – trotz der Absonderung der Kriegsgefangenen im Lager und härtester Repression selbst gegen Versuche der Kontaktaufnahme. Die Kommunisten, die den Widerstand federführend organisieren, gewinnen an Glaubwürdigkeit unter den Mitgefangenen. Auf dieser Basis entsteht ab Mitte 1942 nach und nach die Internationale Militärorganisation (IMO) als militärischer Arm des Widerstands der Gefangenen.
Stein zitiert aus dem Bericht des Buchenwald-Überlebenden Eugen Kogon an die Psychological Warfare Division des Alliierten Hauptquartiers: „Niemals hätte das KL Buchenwald soviel Positives in dieser Hölle der SS erlebt, niemals wäre es am Ende zu einem beträchtlichen Teil noch gerettet worden, wenn es der zähen, todesverachtenden Arbeit politisch führender Menschen unter den Lagerinsassen nicht gelungen wäre, sich im Laufe der Jahre noch durchzusetzen. Hauptgrundsatz dieser konsequenten, unerbittlichen Arbeit war es, gegen die SS eine undurchdringliche Mauer zu errichten, die nicht sichtbar war, aber überall dort in Wirksamkeit trat, wo ein SS-Angehöriger auftauchte.“ Kogon gründete später die CDU mit. Mit diesem Zitat tritt Sabine Stein der Autorin Ines Geipel entgegen, die kürzlich mit „Landschaft ohne Zeugen“ eine geschichtsrevisionistische Hetzschrift vorgelegt hat, die einmal mehr die „Roten Kapos“, standhafte Antifaschisten, zu Nazi-Kollaborateuren umlügt.
Der Kommunist Otto Roth fungierte als technischer Verantwortlicher der IMO. Sein Enkel André Roth stellt diese Organisation näher vor. Seinen Großvater habe er als ganz normalen Opa kennengelernt. Bei ihm in der Küche habe er einst mit Holzfiguren gespielt, von denen er viel später erfahren habe, dass sie von Häftlingen in Buchenwald gefertigt worden waren. Nach ihm spricht André Goldstein, Sohn des Buchenwald-Überlebenden Kurt Julius Goldstein. Goldstein senior hatte in Spanien gekämpft. Dort habe er, wie viele andere, das Abgleiten in Faschismus und Zweiten Weltkrieg verhindern wollen. In der DDR seien die Interbrigadisten geehrt worden, in der BRD ignoriert – dort wurde nur die faschistische Gegenseite „entschädigt“.
„Oh Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist.“ Der Frauenchor „Lyra“ aus Weimar untermalt das Treffen der Nachfahren musikalisch. Als der Chor zum Schluss der Veranstaltung das Buchenwald-Lied anstimmt, fällt der ganze Saal mit ein.
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Der Himmel ist grau und bewölkt an diesem 12. April in Buchenwald. Ob das Wetter hält? Mittags nehme ich an einem gut besuchten Stationenrundgang über das Lagergelände teil. An vorbereiteten Stationen tragen Freiwillige Zeitzeugenberichte vor und halten Bilder von ihnen hoch. Der vielfältige Widerstand der Buchenwald-Häftlinge unter schwersten Bedingungen wird anhand konkreter Beispiele nachvollziehbar. „Wir wollen trotzdem ‚ja‘ zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, da sind wir frei!“
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Auf dem einstigen SS-Patrouillenweg entlang des Lagertors patrouillieren Polizisten, uniformiert und bewaffnet. Kollegen von ihnen kontrollieren Besucher auf dem Parkplatz der Gedenkstätte. Norbert Birkwald, Sprecher der VVN-BdA Hessen, hat eine Fahne seines Verbands dabei. Er sei von Polizisten aufgefordert worden, die Fahne wegzupacken, berichtet Birkwald im Gespräch mit UZ. Politische Meinungsäußerungen „mit Fahne“ seien auf dem Gelände untersagt, behaupteten Polizisten. Kontrollen gibt es an vielen Orten. Selbst die Schleifen von Kränzen, die zu Ehren der Opfer niedergelegt werden sollen, werden vorher überprüft. Mitarbeiter der Gedenkstätte überwachen einzelne Gedenkveranstaltungen, fotografieren Redner und notieren Zitate. Sie versuchen gar, russische Diplomaten daran zu hindern, das Gelände zu betreten. Erst nach entschiedenem Protest können die Diplomaten ihren Kranz an einem Gedenkstein niederlegen. Der russische Botschafter nimmt stattdessen an einer Gedenkkundgebung der DKP teil. Ganz verhinderte die Gedenkstätte eine Ehrung Ernst Thälmanns am Ort seiner Ermordung. Eine Mitarbeiterin habe ihr gesagt: „Herzlich willkommen, nichts gegen Sie, aber die Veranstaltung ist nicht angemeldet“, erzählt Thälmanns Enkelin Vera Dehle-Thälmann im Gespräch mit UZ. In den vergangenen Jahren waren solche unangemeldeten kleinen Gedenkveranstaltungen immer akzeptiert worden.
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Die Gedenkfeier anlässlich des 81. Jahrestags der Selbstbefreiung Buchenwalds ist die erste, auf der kein Überlebender des KZ spricht. Zwei Überlebende sitzen noch im Publikum: Andrei Moiseenko aus Belarus und Alojzy Maciak aus Polen. Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner begrüßt sie als erstes. Die Befreiung Buchenwalds nennt er eine „von außen und von innen“: „Nachdem die ersten amerikanischen Panzer das Gelände passiert und die meisten SS-Angehörigen die Flucht ergriffen hatten, bemächtigten sich mutige Angehörige des Lagerwiderstandes, vorwiegend Kommunisten, des Lagertors und der Wachtürme. Um 15.15 erscholl aus den Lagerlautsprechern der Satz: ‚Kameraden, wir sind frei!‘“ Die Erinnerungskultur stehe unter Druck. „Wir erleben einen Kulturkampf gegen den Geist der Aufklärung und ein erinnerungskulturelles Rollback, ganz im Sinne neurechter Metapolitik.“ Mit Wolfram Weimer sitzt ein Vertreter dieser rechten Metapolitik auf der Ehrentribüne.
Lena Sarah Carlebach, Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD) und Enkelin des Buchenwald-Überlebenden Emil Carlebach, wendet sich in ihrer Ansprache direkt an Weimer. „Wenn Buchhandlungen ohne weitere Erklärungen diskreditiert werden, dann gerät etwas ins Wanken“, stellt sie fest. Dafür bekommt sie großen Applaus. „Die Geschichte hat uns gelehrt: Katastrophen beginnen nicht mit Schreien, sie beginnen mit Verschiebungen, mit Worten, die man durchgehen lässt, mit Annäherungen, die man hinnimmt, mit Schweigen, das man rechtfertigt.“ Die Überlebenden Buchenwalds seien keine abstrakten Helden, sondern „erschöpfte, verfolgte, bedrohte Menschen, die Menschen bleiben wollten, und zur Solidarität fähig waren“. Das bedeute, dass es für uns keine Entschuldigung gebe. Sie schließt mit einem Versprechen, angelehnt an den Schwur von Buchenwald: „Wir werden eures Widerstandes würdig sein.“
Nach ihr spricht Thadäus König (CDU), Präsident des Thüringer Landtags. Unmenschlichkeit beginne nicht erst mit brutaler Gewalt, sagt er, und Ausgrenzung nicht mit Stacheldraht. Es gelte, Haltung zu zeigen. Das könnte König hier und jetzt – Schweigen sei die falsche Antwort, erklärt er immerhin. Und schweigt in Richtung Weimer.
Als Weimer ans Rednerpult tritt, schallt es über den Platz: „Alerta, alerta, antifascista!“ Die Kollegen bürgerlicher Medien neben mir im Pressegraben drehen ihre Kameras erstaunt in Richtung der Besucher. Die stimmen das Buchenwald-Lied an. „Wer dich verließ, der kann es erst ermessen, wie wundervoll die Freiheit ist!“ Weimers Worte gehen unter im Gesang.
Der Gesang verstummt sofort, als Hape Kerkeling zum Mikrofon schreitet. Ruhig und unaufgeregt schildert der Komiker, Schauspieler und Autor das Leben seines Großvaters Hermann Kerkeling. Der Zimmermann aus Recklinghausen habe zupacken können und sei „schlichtweg nicht bereit“ gewesen, „wegzusehen, als die Dunkelheit über Deutschland hereinbrach“. In knappen Worten schilderte Kerkeling auch die anschließende Diskriminierung des verfolgten Kommunisten in der BRD. Buchenwald sei kein abstrakter Erinnerungsort, sondern gehöre auf bedrückende Weise zu seiner Familiengeschichte. Er spreche heute, weil ihn die aktuelle politische Entwicklung in Deutschland zutiefst alarmiere. Hape Kerkeling schließt mit einer Bitte: „Lassen Sie nicht zu, dass das Schweigen wieder die Oberhand gewinnt.“ Demokratie lebe vom mutigen Hinsehen. „Sorgen wir gemeinsam dafür, dass das ‚Nie wieder‘ kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern unser täglicher Kompass ist.“
Die Gedenkfeier endet mit dem Abspielen des Buchenwald-Lieds. „O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen, und was auch unsre Zukunft sei.“ Der Sohn des Komponisten sei anwesend, erfahren die Teilnehmer der Gedenkfeier. Die Nachfahren hatten das Lied heute Vormittag im Kino-Saal mit Inbrunst gesungen. Während Weimers Rede hatte das Buchenwald-Lied dessen nichtssagende Floskeln übertönt. Jetzt höre ich es nur aus den Lautsprechern. „Halte Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut …“
Berichte über Veranstaltungen der DKP, der SDAJ und der Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ rings um den 81. Jahrestag der Selbstbefreiung Buchenwalds gibt es im UZ-Blog.









