Die Linkspartei geht in den Wahlkampf und alle sind nett zu ihr

Klassenpolitik mit Lifestyle

Pfleglich gehen die Bürgermedien im beginnenden Wahlkampf mit den beiden sozialdemokratischen Parteien der Bundesrepublik um. Zwar stellt die „Welt am Sonntag“ zur Debatte, ob Olaf Scholz angesichts der schlechten Umfragewerte für die SPD überhaupt in die Fernsehrunden der Kanzlerkandidaten eingeladen werden soll, legt sich aber nicht fest. Springers Blätter waren schon mal kämpferischer. Wo in der alten BRD bei ihnen Beißreflexe ausgelöst wurden, herrscht heute Gelassenheit.

Arnold Schölzel

Zuvorkommend bemüht sich diese Kampftruppe gegen Kommunismus auch um die „Die Linke“ und lädt ihren frisch nominierten Spitzenkandidaten Dietmar Bartsch zum Gespräch. In „Die Welt“ erläutert er am 11. Mai, was auch seine Gegenüber wissen: Eine zentrale Frage der Bundestagswahl werde die Frage sein, „wer diese Krise bezahlen wird“. Den Vorhaltungen, laut Wahlprogramm seiner Partei sollten das die Reichen sein, entgegnet er: „Ich habe nichts gegen Millionäre, die sich ihren Reichtum durch eigene Leistung erarbeitet haben.“

Offenbar hat Bartsch eine neue soziale Spezies entdeckt: Besitzer von Millionen Euro, Dollar etc. durch eigene Arbeit. Die kennen die Interviewer auch, nämlich in den „Start-ups“, die „schnell zu milliardenschweren Unternehmen“ werden könnten. Wobei einzuräumen ist, dass Bartsch im Unterschied zu den beiden „Welt“-Leuten feine Unterschiede macht: Er hält es ausdrücklich nicht für möglich, „Hunderte Millionen oder gar Milliarden mit seiner eigenen Hände Arbeit“ zu verdienen. Irgendwo nach der ersten Million hört das Selbsterarbeiten demnach auf. Außerdem werde „Wahnsinnsreichtum meist vererbt“ und „zudem helfen die Beschäftigten ja wohl kräftig mit“. Kryptische Politökonomie auf der Höhe von Friedrich Merz und Christian Lindner.

Aus den von Bartsch so benannten Mithelfenden beim Geldscheffeln wird am selben Tag im „taz“-Interview eine Klasse. Er findet für diese Verwandlung den hübschen Übergang: „Ich selbst bin mehr Lifestyle-Linker als andere und stehe für Klassenpolitik.“ Wer das noch nicht wusste, lernt nun: „Corona ist eine Klassenfrage. Die Klimafrage ist eine Klassenfrage. Gleichstellung ist eine Klassenfrage. Was denn sonst?“ Und wenn das SPD-Linke-Grüne-Trio im Berliner Senat mit dem Flop des sogenannten Mietendeckels eine Pleite mit Ansage hinlegt, dann ist das Klassenkampf – was denn sonst? Bartsch: „Wer die Klassenfrage thematisiert, muss auch bereit sein, sich eine blutige Nase zu holen, sonst hat er die Klassenfrage nicht gestellt.“ Das wird die Vermieter Berlins, die jetzt satte Nachzahlungen fordern, beunruhigen.

Und so geht es weiter mit der neuen deutschen Höflichkeit im Umgang mit der Linkspartei. Bodo Ramelow plaudert in der „Zeit“ über seine Legasthenie und seine schwere Jugend, Bartsch sitzt am Sonntag bei „Anne Will“ (niemand weiß anschließend, warum, aber das betrifft die ganze Sendung) und der „Spiegel“ interviewt seine Partnerin in der Spitzenkandidatur, Janine Wissler. Die Frager zitieren aus einem Papier, das die Politikerin 2005 mitverfasst hat: „Wo linke Parteien Regierungsverantwortung übernahmen oder eine Tolerierungspolitik betrieben, wurden sie zu linken Feigenblättern von Kürzungsregierungen oder zu Krisenverwaltern maroder Kassen.“ Frau Wissler kann sich an den höchst aktuellen Text nicht erinnern und als der „Spiegel“ mit Blick auf die Regierungswilligkeit der Linkspartei fragt, was denn „der Grund für diesen krassen Meinungsumschwung sei“, erläutert sie: „Es ging immer um Inhalte.“ Mit der Schröder-SPD sei „progressive Politik“ nicht möglich gewesen, aber heute stelle die SPD Teile der Agenda 2010 zumindest verbal selbst in Frage. Da ist ja alles gut.

Der Begriff „Mosaiklinke“ erhält so vor diesen Bundestagswahlen eine neue Bedeutung. Für wen Linksparteiwähler stimmen, können sie sich aussuchen – irgendwas zwischen Lifestyle-Sozialisten und Führern der beim Geldraffen mithelfenden Klassen.

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"Klassenpolitik mit Lifestyle", UZ vom 21. Mai 2021



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