In 32 Ländern weltweit haben sich Hungerkrisen verschlimmert. Diese alarmierende Zahl haben Hilfsorganisationen kurz vor dem Welthungertag am 16. Oktober veröffentlicht. Dem Welthungerindex der Welthungerhilfe zufolge werden 57 Länder bis zum Jahr 2030 voraussichtlich noch nicht einmal ein niedriges Hungerniveau erreichen können. Weltweit gebe es geschätzt 645 Millionen unterernährte Menschen. Besonders betroffen sei Afrika südlich der Sahara, wo sich acht Länder auf einem sehr ernsten Hungerniveau befänden. Nach Angaben des Hungerkrisen-Reports der „Aktion gegen den Hunger“ hat sich die Anzahl von Menschen weltweit, die unter akuter Ernährungsunsicherheit leiden, in den letzten zehn Jahren verdoppelt: 2025 waren mehr als 266 Millionen Menschen in 47 Ländern betroffen, 30 Millionen davon Kinder. Nach Angaben des Welternährungsprogramms leiden sogar bis zu 318 Millionen Menschen unter Ernährungsunsicherheit. Bestätigte Hungersnöte gibt es bereits jetzt in Teilen des Sudan und im Gazastreifen. Ein erhöhtes Hungersnot-Risiko existiert zudem in Somalia und im Südsudan.
Die größten Ursachen von Hunger bleiben – neben Klimaschocks wie Dürren, extremen Regenfällen oder Überschwemmungen sowie dem Einbruch der Finanzierung von humanitärer Hilfe, die zwischen 2022 und 2025 um schwindelerregende 59 Prozent gesunken ist – Konflikte und Kriege. 70 Prozent der Hungernden leben in Konfliktgebieten, in denen keine Landwirtschaft mehr betrieben werden kann und der Zugang zu Lebensgrundlagen verloren geht. Auch die vom Westen geführten und beförderten Kriege verschärfen Hungerkrisen weltweit. So haben der von den USA und Israel geführte Krieg gegen den Iran und die in Reaktion darauf verhängte Blockade der Straße von Hormus massive Auswirkungen weit über den sogenannten Nahen und Mittleren Osten hinaus. Auch bei uns sind sie wie schon die Folgen des Ukraine-Kriegs und der gegen Russland verhängten Sanktionen massiv zu spüren: an Tankstellen, auf der Gasrechnung, bei gestiegenen Lebensmittelpreisen, um nur einige Beispiele zu nennen. In Großbritannien etwa sind die Landwirtschaftskosten um bis zu 70 Prozent in die Höhe getrieben worden, in Europa stiegen einige Düngemittelpreise um bis zu 50 Prozent.
Unbeteiligte Opfer
Aber insbesondere im unbeteiligten globalen Süden können geopolitische „Abenteuer“ in einer Katastrophe enden. Wie Hilfsorganisationen berichten, sind die Transportkosten allein für humanitäre Hilfen um 25 Prozent gestiegen. Die Versorgung importabhängiger Länder mit Energie, fertigen Düngemitteln und für die Produktion von Düngemitteln benötigten Rohstoffen wird erheblich gestört. Massiv steigende Energiepreise lassen die Kosten für die Herstellung von Dünger und damit auch die Preise, die Landwirte zahlen müssen, explodieren. Weil aufgrund der Kosten weniger Dünger eingesetzt wird, schrumpfen die Ernten. Etwa beim Maisanbau, wo mehr Dünger zu deutlich höheren Erträgen führt, kann ein geringerer Harnstoffeinsatz zu einem Ernteausfall von bis zu 50 Prozent führen. Auch Reis und Weizen, die vielerorts den Großteil der Kalorien liefern, sind stark von ausreichend Düngemitteln abhängig. Die Straße von Hormus ist nicht nur extrem relevant für den Transport von Rohöl und Gas. Über diese Route werden auch Düngemittel, Harnstoff, Kalium und Petrochemikalien verschifft – Rohstoffe, die die Grundlage der globalen Ernährungssicherheit stellen. Neben 25 bis 35 Prozent des Rohöls und einem Fünftel des verflüssigten Erdgases passiert in normalen Zeiten ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels – darunter ein Drittel des weltweit am weitesten verbreiteten Düngers Harnstoff und fast die Hälfte des seegetragenen Schwefels – den maritimen Korridor im Süden Irans.
Blockierte Meerengen
Zig Düngemittelschiffe mit mindestens einer Million Tonnen Fracht strandeten hinter der Meerenge, als Israel und die USA im Frühjahr ihren völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran begannen und Teheran die Straße von Hormus schloss. Hinzu kamen durch gegenseitige Angriffe beschädigte Produktionsstätten und Exportzentren, explodierende Versicherungsprämien und massiv erhöhte Transportkosten. Die wöchentlichen Düngemittelexporte sanken von etwa 600.000 Tonnen pro Woche Ende Februar auf nur noch 60.000 Tonnen Anfang Juni. Zu Beginn des Krieges erfolgte auch der größte Preisanstieg: laut WHO stiegen internationale Harnstoffpreise im April von etwa 400 US-Dollar auf über 850 US-Dollar pro Tonne. Im Juni dann fielen sie wieder auf 453 US-Dollar pro Tonne zurück. Erinnerungen wurden wach an die weltweite Düngemittelkrise von 2008 und an die stark steigenden Kraftstoff- und Düngemittelpreise nach Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022, als massive Sanktionen gegen Russland, den weltweit größten Exporteur von synthetischem Dünger insbesondere in den globalen Süden, und auch gegen russische Häfen verhängt wurden.
Gelindert wurde im Jahr 2022 übrigens keinesfalls in erster Linie das Leid derjenigen, die in Folge der Kriege anderer zu verhungern drohen: Die im Juli 2022 von der Ukraine, Russland, der Türkei und den Vereinten Nationen beschlossene Schwarzmeerinitiative, über die ukrainisches Getreide, Mais, Raps, Sonnenblumenöl und Düngemittel über einen humanitären Korridor im Schwarzen Meer verschifft wurden, nutzte den notleidenden Menschen im globalen Süden weit weniger als den westlichen Staaten, die die Sanktionen selbst verhängt hatten und damit auch die eigene Bevölkerung trafen. Nur 6 Prozent der Lebensmittel wurden im Rahmen der Initiative an Länder wie Somalia, Äthiopien, Jemen, Sudan oder Afghanistan verschifft. Und, kaum überraschend, machten Düngemitteltransporte auch einen vernachlässigbaren Anteil an denjenigen Schiffen aus, die während des von den USA und Israel nie eingehaltenen Waffenstillstands zwischen Mitte Juni und Mitte Juli die Straße von Hormus passieren durften.
Langfristige Folgen
Besonders verwundbar sind auch heute Länder in Afrika. Wie etwa Uganda, das im Jahr 2024 Dünger im Wert von etwa 54,75 Millionen US-Dollar importierte – fast 40 Prozent davon aus dem Nahen Osten und der Golfregion. Malawi erhielt von dort sogar 52 Prozent seiner Düngemittel. Auch der Sudan, Somalia, Mosambik, Kenia und Sri Lanka importieren sehr große Mengen an Düngemitteln aus der Region. In den meisten Ländern Afrikas endet die Pflanzsaison im Mai. Der Stopp der Lieferungen im Frühjahr war dementsprechend besonders fatal. Aber auch große Agrarländer wie Indien und Brasilien geraten unter Druck. Brasilien ist der größte Düngemittelimporteur der Welt und für den Soja- und Maisanbau maßgeblich auf Lieferungen aus den Golfstaaten angewiesen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnte schon im März, die Folgen könnten langfristig sein und sich erst zu einem späteren Zeitpunkt in vollem Umfang zeigen. Wahrscheinlich komme der Schock in drei Wellen: zunächst die steigenden Düngemittelpreise, dann im Herbst 2026 sinkende Erträge und im Jahr 2027 die Nahrungsmittelinflation. Sogenannte Entwicklungsländer sind solchen Schocks besonders ausgesetzt, weil hohe Schuldenlasten und steigende Kreditkosten ihre Fähigkeit einschränken, plötzliche Preisanstiege zu absorbieren. Die EU und westliche Industrienationen können Geld leihen, Krisen überbrücken und Landwirte unterstützen.
Mit dem Blitz-Vormarsch der jemenitischen Ansar Allah im September, in dem sie die gesamte Rotmeerküste des Jemen, insbesondere die Hafenstadt Mokka und die Insel Perim, übernahmen, kam Sorge auf, dass auch diese wichtige Meerstraße blockiert werden könnte. Seit Beginn des israelischen Völkermords in Gaza und den darauf folgenden Angriffen der Ansar Allah auf Schiffe in israelischem Besitz oder mit dem Ziel Israel im Roten Meer ist sie ohnehin nur noch bedingt passierbar. Ihre Blockade würde auch den Schiffsverkehr durch den Suezkanal beeinträchtigen, der das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet und Ägypten wichtige Einnahmen verschafft. Für saudi-arabische Schiffe hatten die Ansar Allah bereits im Juli eine Blockade verhängt, weil sie Riad für einen Angriff auf den Flughafen von Sanaa verantwortlich machten, der einen vierjährigen Waffenstillstand brach.
Die Bab-al-Mandab-Straße (Tor der Tränen) verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und dem Arabischen Meer. An ihrer engsten Stelle ist sie etwa 18 Meilen breit. Die Meerenge ist eine wichtige Transitroute für Öllieferungen und von entscheidender Bedeutung für die Weltwirtschaft. In den ersten Monaten des Jahres 2024 sind die Rohöl-Exporte durch Bab al-Mandab bereits um über 50 Prozent zurückgegangen. Wegen des Beschusses von Schiffen durch die Ansar Allah musste auf längere und deutlich teurere Routen um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas ausgewichen werden. Bis zu 300 Prozent stiegen die Containerpreise an, die Versandzeit erhöhte sich von 11 auf 33 Tage, und die Versicherungskosten stiegen ebenfalls. Weder das US-Militär noch die EU-Marinemission EUNAVFOR ASPIDES konnten Substanzielles gegen die Angriffe der Ansar Allah ausrichten. Mit der Schließung der Straße von Hormus erhöhten sich die Transporte über den Bab al-Mandab im Jahr 2026 wieder. Eine doppelte Blockade der Straße von Hormus und des Bab al-Mandab würde die Situation zweifellos deutlich verschärfen. Beide erfüllen unterschiedliche, aber miteinander verbundene Funktionen: Hormus ist die zentrale Route für den Energieexport und andere Transporte am Golf, während Bab al-Mandab für den Handel zwischen Asien und Europa unerlässlich ist.
Einigung dringend nötig
Vergangene Woche warnten die Vereinten Nationen in eindringlichen Worten: Sollten sich die USA und der Iran nicht innerhalb weniger Wochen auf einen von den Vereinten Nationen erarbeiteten Plan zum Transport von Dünger durch die Straße von Hormus einigen, wäre eine Ernährungssicherheitskrise in Teilen Asiens und Afrikas quasi programmiert. Jorge Moreira da Silva, der eine im März eingerichtete UN-Taskforce für eine Erleichterung des Transports von Düngemitteln durch die Meerenge leitet, sagte, der UN-Plan könne innerhalb von sieben bis zehn Tagen aktiviert werden, sofern eine Einigung zwischen Washington und Teheran stehe. Werde der Deal nicht in den nächsten Wochen abgeschlossen, werde allerdings die Pflanzsaison verpasst. Es wird davon ausgegangen, dass die Preise weiter massiv steigen, wenn die Blockade der Straße von Hormus anhält. Laut einem Bericht der Internationalen Handelskammer vom August würde Getreide um bis zu 81 Prozent teurer werden, Ölkulturen um 66 Prozent und tierische Produkte um 30 Prozent.
Der Plan der Vereinten Nationen beinhaltet die Nutzung eines Koordinationszentrums in Oman, in dem Schiffe registriert und deren sichere Passage koordiniert würde. UN-Beobachter würden gemeinsam mit lokalen Behörden an den Golfhäfen die Ladungen überprüfen. Schiffe würden während des Transits verfolgt und zusätzliche Inspektionen könnten durchgeführt werden, sofern Bednken bezüglich der Ladung eines Schiffes geäußert würden. Allein die Durchfahrt von fünf Schiffen pro Tag, so Moreira da Silva, könnte den dringend benötigten Düngemittelvorrat in besonders betroffenen Ländern aufrechterhalten.
Der Leiter der UN-Taskforce nennt seine Bemühungen explizit keinen Ersatz für die Verhandlungen zwischen Washington und Teheran, die seit dem Zusammenbruch des vorläufigen Waffenstillstands im Juni über Vermittler geführt werden, aber ins Stocken geraten sind. Der UN-Mechanismus solle parallel zu den Verhandlungen über ein umfassendes Abkommen in Kraft treten, um zumindest die größten Gefahren für die globale Ernährungssicherheit abzuwenden.
Die Welthungerhilfe fordert in ihrem vergangene Woche veröffentlichten Welthunger-Index, langfristig in nachhaltige Ernährungssysteme zu investieren, Lieferketten breiter aufzustellen und soziale Sicherhungssysteme für besonders gefährdete Menschen auszubauen. Angesprochen wird aber auch der Kern des Problems: Kriege und Konflikte, die den größten Treiber von Hunger darstellen und in erster Linie eben nicht diejenigen treffen, die aktiv am Konflikt beteiligt sind, wie der israelisch-US-amerikanische Krieg gegen den Iran und gegen andere Länder in Westasien, aber auch der Ukraine-Krieg besonders gut verdeutlicht. Folgerichtig fordert die Welthungerhilfe diplomatische Initiativen zur Vermeidung von Konflikten sowie einen ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe.








