Im August reiste eine SDAJ-Brigade nach Kuba. Reportage von einer Insel in ihrer bislang schwersten Stunde

Den Imperialismus überleben

Johanna Seel, Jan Friedrich

Wir betreten ein Museum in Havanna, dunkel von den Stromausfällen wie so viele Häuser der Stadt.

„3.478 Kreuze. Jedes Kreuz steht für einen ermordeten Kubaner“, sagt der Mitarbeiter des Museums. Vor uns eine riesige Wand mit 3.748 Kreuzen. Erschlagend viele Kreuze. Jedes erinnert an die Opfer von über 5.000 Terroranschlägen der Contras, unterstützt vom US-Imperialismus.

Wir stehen im Museum Memorial de la Denuncia, mit 28 Teilnehmern der SDAJ-Solidaritätsbrigade „Fidel
Castro Ruz“.

Es ist Tag 4 unserer Brigade. Wir alle wissen, warum die Solidarität mit Kuba und der Kampf gegen den Imperialismus unverzichtbar für uns Kommunistinnen und Kommunisten sind. An diesem Ort konkrete Beispiele der Absurdität und Grausamkeit der US-Angriffe vor Augen zu haben, bestärkt uns in unserer Wut auf das imperialistische System und in unserer Entschlossenheit, uneingeschränkt solidarisch mit Kuba zu sein. Neben der Wirtschaftsblockade zielen unzählige Anschläge auf Infrastruktur, beispielsweise auf Hotels, um den Tourismus zu zerstören. Oder die über 20.000 Kinder, die durch die „Operation Peter Pan“ zwischen 1960 und 1962 von ihren Familien getrennt, in die USA geschickt und Opfer von Missbrauch wurden – weil die imperialistische Gerüchteküche verbreitete, der kubanische Staat nehme seinen Bürgern die Kinder weg. Viele dieser Kinder haben ihre Familien nie wieder gesehen. Oder der immer weiter verschärfte Medienkrieg. Vor allem die Jugend wird dadurch stark beeinflusst: Von Fake-News über angebliche Aufstände im Land, der Lüge, die Blockade sei eine Erfindung der kubanischen Regierung, oder Anreizen, als Flüchtling durch das Meer zu schwimmen, weil in den USA ein besseres Leben auf sie warten würde. Wozu diese Manipulation Menschen treibt, haben wir im Memorial de la Denuncia gesehen: Zu selbstgebauten Booten aus Fässern, um die 169 Kilometer zum US-amerikanischen Städtchen Key West zu überqueren – die unterwegs kentern und die Menschen mit sich ziehen.

Das Museum zeigt die geballte Härte dessen, was die Kubanerinnen und Kubaner täglich ertragen müssen, und unterstreicht die Erfahrungen, die uns viele Kubaner im Laufe der Brigade schildern.

Alltägliche Katastrophen

„Die Situation ist sehr schwierig. Wir erleben die schwerste Situation, die die kubanische Revolution je erlebt hat“, berichtet uns die 65-jährige Aleida Guevara im Gespräch.

Im Laufe der Brigade erzählen uns das viele Menschen. Die völkerrechtswidrige Blockade der USA gegen Kuba gibt es seit über 65 Jahren. Sie soll die Bevölkerung ins Elend stürzen und gegen die Volksregierung aufbringen. Sie wurde stetig verschärft. Seit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro erreichte nur ein einziger Öltanker das Land. Container mit schon bezahlten Lebensmitteln erreichen die Insel nicht. Die Menschen haben 30 Minuten bis zwei Stunden lang Strom am Tag. Ohne Strom gibt es oft auch kein fließendes Wasser. Das heißt: kein Duschen, kein Waschen, kein Kochen, keine Toilettenspülung. Keine Kühlung – Lebensmittel verderben, Krankheiten breiten sich aus. Mobilität ist fast ganz vorbei. Es gibt kaum noch Medikamente, überall sehen wir leergefegte Apotheken. Das alles in den heißen Sommermonaten, ohne Klimaanlage, ohne Ventilator. Lebensmittelläden sind leer, die Preise auf dem Schwarzmarkt unbezahlbar.

Die Kubaner seien ein sehr kreatives Volk, sagt Aleida. „Könnten die Menschen nur eine Nacht im Kühlen schlafen, sie würden Ideen entwickeln und Lösungen finden.“ Doch die Blockade lasse das nicht zu. Das Leben ist auf Überleben reduziert: Die Menschen leben von Tag zu Tag, planen alles um die paar Minuten Strom pro Tag. Sie stehen, wenn nötig, um 4 Uhr morgens auf, um zu kochen und zu waschen.

Dennoch ist dem Großteil des Volkes klar, was sie sich mit der Revolution erkämpft haben und wen die Schuld an der Situation trifft: Den US-Imperialismus und seine mörderische Blockade.

Kampf ums Wissen

„Ich verteidige eine Geschichte der Würde und nicht des Dollars!“ Diese Zeile aus einem kubanischen Gedicht trägt uns Aleida vor. Was ist die „Geschichte der Würde“? In dem Gedicht wird klar: Gemeint sind die Erfolge der kubanischen Revolution. Betont werden vor allem drei davon: Gesundheit, Bildung und Internationalismus.

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Diskussion mit der Direktorin der Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales, Geydis Fundora Nevot (Foto: SDAJ)

„Ich verteidige die Ärzte, die im Krankenhaus sind, das keine Energie hat, und die für ihre Patienten da sind.“ So geht das Gedicht weiter. Unsere Brigade darf sich die Erfolge des Gesundheitssystems in einem Heim für pflegebedürftige Senioren anschauen. In vielen Familien übernehmen Angehörige die Pflege. Dafür werden sie vom Staat bezahlt. Wo das nicht möglich ist, können die Menschen kostenlos in ein Altersheim einziehen. In dem von uns besuchten arbeiten täglich 36 Beschäftigte für 40 Bewohner. Das ermöglicht tägliche kulturelle Angebote und enge medizinische Betreuung. In der Einrichtung arbeiten sogar eigene Ärzte. Während in Deutschland Therapieplätze gestrichen werden, besucht in Kuba wöchentlich ein Psychologe die Bewohner.

Diese Pflegeeinrichtung ist nur ein Beispiel für das kubanische Gesundheitssystem: Mindestens ein Hausarzt pro Straße ist der gängige Standard. Parallel dazu forschen Wissenschaftler im ganzen Land etwa an Impfstoffen gegen Brustkrebs oder Alzheimer.

„Ich verteidige den Lehrer, der Menschen in ganz abgelegenen Orten Lesen und Schreiben beigebracht hat.“ Im kubanischen Bildungssystem geht es nicht nur darum, Lesen, Mathe, Spanisch und so weiter zu lernen, sondern auch darum, die kulturelle Entwicklung voranzutreiben, die Bildungsselektion aufzuheben, allen einen Weg zu umfassender Bildung anzubieten, verschiedene Spezialisierungen anzubieten. Kurz: Es ist ein humanistischen Bildungssystem. Das betonten Elena und María in unserem Gespräch immer wieder. Die beiden Genossinnen waren nach der Revolution als Lehrerinnen im ganzen Land unterwegs, um dem größtenteils analphabetischen Volk Lesen und Schreiben beizubringen.

Die Bildung zu nutzen, um sich selbst zu emanzipieren: Das ist heute noch der Geist des kubanischen Bildungswesens.

Es fängt damit an, dass die gesamte Bildungslaufbahn kostenlos ist – einschließlich Berufsausbildung und Universität. Doch auch hier fehlt Geld, fällt Unterricht aus, weil die Schulen teils nicht mehr klimatisiert werden können, weil Material fehlt. Schülerinnen und Schüler können nicht in die Schule kommen, weil Treibstoff für die Busse fehlt. Die Klassengrößen steigen wieder, weil es an Lehrpersonal fehlt. Die Löhne im staatlichen Sektor sind so niedrig, dass viele Lehrer lieber im privaten Sektor arbeiten. Privatisierungen treffen auch den Bildungssektor, zum Beispiel in Form von bezahlter Nachhilfe. Die Blockade trifft alle Lebensbereiche, greift die Errungenschaften der Revolution an.

Der Feind will uns töten

Es geht noch um viel mehr. Unsere Brigade darf ein Kinderheim in Havanna besuchen. Dort leben aktuell zwölf Kinder. Betreut werden sie von 18 Pflegerinnen und Pflegern. Kinder leben dort zum Beispiel, wenn sie zuhause Probleme haben. Auch das ist eine Errungenschaft der Revolution: Kindern ein sicheres Zuhause zu geben, wo sie gemeinsam zur Schule gehen, gemeinsam lernen, gemeinsam essen und gemeinsam aufwachsen. Das ist die Grundlage für ein gelungenes Leben.

„Ich verteidige den Internationalisten, der in Angola gestorben ist.“ Orlando Cardosa Villavicencio berichtet uns bei einem Treffen von seiner Lebensgeschichte. Als 20-Jähriger ging er nach Angola, später nach Somalia. In diesen Ländern kämpfte er an der Seite antikolonialer Befreiungsbewegungen. In Somalia verlor er seine gesamte Truppe und wurde selbst gefangengenommen. Er erzählt uns, dass der Internationalismus in ihm trotz fast elf Jahren Kriegsgefangenschaft immer noch lodert. Er ist kein Einzelfall. Ärztebrigaden während Corona, Unterstützung bei Erdbeben in Südamerika, der gemeinsame Kampf mit dem südafrikanischen Volk gegen die Apartheid – all das sind Beispiele für Kubas bedingungslosen Internationalismus.

„Der Feind möchte, dass ich aufhöre zu leben.“ So endet das Gedicht. Gesundheitssystem, Bildungswesen, Forschung, Internationalismus, Kultur – alles steht unter Beschuss. Ärzte müssen bei Kerzenlicht operieren. Kinder kommen nicht zur Schule, weil der Sprit fehlt. Menschen können nicht geimpft werden, weil keine Spritzen auf die Insel kommen. Die mörderische US-Blockade versucht gezielt, die Erfolge der Revolution zunichte zu machen.

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SDAJ-Mitglieder übergeben einem Altenpflegeheim Medikamente von der
FG BRD-Kuba. (Foto: SDAJ)

„Glaub an den Sieg, wenn alles schlecht scheint.“ Dazu ruft das Gedicht auf. Alle Kubanerinnen und Kubaner, mit denen wir sprechen, bekräftigten, dass sie weiterkämpfen, dass sie niemals aufgeben. „Wir werden sterben, um die Revolution zu verteidigen!“, versichert uns Enrique, ein kubanischer Autor.

Solidarität als Auftrag

Aus diesen Erfahrungen haben wir den Auftrag mitgenommen, die Solidaritätsarbeit für Kuba in Deutschland zu verstärken. Wir haben angefangen mit fast einer Tonne Soli-Gepäck von der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba, der DKP, der Humanitären Cuba Hilfe und Cuba Sí. Dabei dürfen wir nicht stehenbleiben. Wir müssen Kuba unterstützen, indem wir über die Erfolge berichten und das Ausmaß der verbrecherischen US-Blockade aufzeigen.

Vor allem müssen wir Druck auf die Herrschenden ausüben, die behaupten, es gebe keine Blockade. 136 Länder hatten 2025 den kubanischen Antrag auf Beendigung der US-Blockade unterstützt. Der deutsche Imperialismus steht treu an der Seite des US-amerikanischen. Indem wir gegen den Kriegskurs der Herrschenden kämpfen und den deutschen Imperialismus schwächen, wo es geht, stärken wir den internationalen Befreiungskampf und Kubas Situation.

Eine wichtige Lektion, die uns die Brigade klargemacht hat: Wir helfen Kuba nicht annähernd so viel, wie es uns hilft. Kuba ist vor der Tür des Hauptkriegstreibers das Beispiel dafür, dass Sozialismus möglich ist, dass er widerstandsfähig ist und eine konkrete Kampfperspektive. Die Verteidigung des kubanischen Sozialismus ist unser ureigenes Inte­resse.

Enrique beendet unser Gespräch mit den Worten: „Wenn sie die ersten Bomben auf uns werfen, müsst ihr in Frankfurt und Berlin auf die Straßen gehen und am lautesten für uns schreien!“ Wenn die USA Kuba angreifen, werden wir so viel Lärm machen, dass er weder im Bundeskanzleramt noch im Weißen Haus überhört werden kann.

Unsere Autoren sind Mitglieder des Bundesvorstands der SDAJ

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"Den Imperialismus überleben", UZ vom 30. Oktober 2026



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