Kultursplitter

Von Herbert Becker

Berliner Träume

Das nächste Millionengrab kann in Berlin geschaufelt werden: Der Haushaltsausschuss des Bundestages genehmigte über 200 Millionen Euro für ein neues „Museum der Moderne“. Dies war die ursprüngliche Summe, mittlerweile ist man bei 364 Millionen angekommen, Steigerungen bis zur Endabrechnung sind erwartbar. Deshalb hat der Ausschuss schon mal über 80 Millionen in die Finanzplanung eingestellt, damit der Neubau nicht ins Stocken gerät ob möglicher Fehlplanung und der üblichen „Unvorhersehbarkeiten“. Aber die Politiker wollen unbedingt, schließlich bauen hier die Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron, bekannt durch die exorbitant teure Hamburger Elbphilharmonie. Die eigentliche Frage, braucht die Stadt ein solches Haus, wird nur mit blumigen Worten umgangen und nicht beantwortet. Denn wenn die Verantwortlichen mitspielen wollen in der ersten Liga der Ausstellungen, dann braucht es viel Geld für den laufenden Betrieb. Wer sich anschaut, was die derzeitigen „Tops“ – El Greco in Paris, Leonardo da Vinci in Paris, van Dyck in München, van Gogh in Potsdam oder Richter und Freunde in Hamburg – nicht nur an Zeit, sondern eben auch an Geld verschlingen, der kann neben dem Größenwahnsinn der politisch Verantwortlichen nichts Vernünftiges erkennen.

Umzug geglückt

Es dauerte lange, bis die „Ernst-Busch-Schauspielschule“ in einen neuen Zentralbau nach Berlin-Mitte umsiedeln konnte. Eine sehenswerte Dokumentation von Anne Osterloh hat den Umzug begleitet, dabei viele „Ehemalige“ zu Wort kommen lassen. So erzählen Lars Eidinger, Nina Hoss, Leander Haußmann, Claudia Michaelsen und Thomas Ostermeier von ihrer jeweiligen Zeit an der Schule. Gegründet wurde die „Ernst-Busch-Schauspielschule“ zwar schon 1905 unter anderem Namen, aber 1951 beschlossen die Verantwortlichen die Verlegung nach Oberschöneweide, gegenüber dem Kabelwerk Oberspree. „Der Sinn sollte sein, dass die Schauspielstudierenden ganz nah mit der Arbeiterklasse in Kontakt kommen“, erzählt Regisseurin Anne Osterloh. „Und man sollte halt mit denen aufstehen und die Ausbildung nicht zu weit weg vom Proletariat machen.“ Der Dokumentarfilm „Bitte nach Mitte“ erzählt weit über den Umzug von den jahrelangen Streitigkeiten und Problemen, von den inhaltlichen und formalen Ausrichtungen. Die Ausbildung ist bis heute davon geprägt, dass die Absolventen politisch und sozial denken und eine Haltung zu den Texten und den gesellschaftlichen Verhältnissen entwickeln.

Theaterleben

Im Springer-Wissenschaftsverlag erschien vor kurzem die Studie „Macht und Struktur im Theater“. Es ist die erste gründliche Untersuchung über die Situation an deutschen Theatern, besonders über unbezahlte Überstunden, über prekäre Beschäftigung, über verbale Übergriffe und sexualisierte Gewalt. Das Ergebnis rückt die aufregende, am künstlerischen Ergebnis orientierte Arbeit im Theater in deutlich schlechteres Licht: Mehr als die Hälfte der Künstlerinnen und Künstler hat was auch immer an schlimmen oder sogar bedrohlichen Erfahrungen gemacht. Die Studie leitet daraus ab, dass die Theaterwelt eine archaische, selbstgerechte und wenig an den sozialen Belangen der Beschäftigten ausgerichtete Organisation ist. Erfreulich ist, dass sich die jungen Kolleginnen und Kollegen nicht mehr alles bieten lassen, dass sie sich in gewerkschaftlichen Gruppen und/oder im seit einigen Jahren aktiven Verein „Ensemble Netzwerk“ zusammenschließen. Die Studie weist nicht nur mit deutlichen Worten auf die verkrusteten Strukturen hin, sondern will auch Mut machen für ein anderes Theater.

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"Kultursplitter", UZ vom 22. November 2019



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